
In der Pause nach der ersten Runde wird Holger Hoffmann von seinem Betreuer getröstet. Der 25-Jährige musste eine Menge einstecken, die Schramme am Auge allerdings sieht schlimmer aus, als sie ist© Holger Witzel
Würden sich nicht ständig zwei von ihnen prügeln, könnte das fast ein fröhliches Familientreffen sein: lauter gleich gesinnte Menschen, die in ihrer provisorischen Kabine hinter einem Vorhang über Taktik und Technik plaudern, kurz darauf herzhaft zuschlagen und hinterher E-Mail-Adressen tauschen, um sich Fotos ihrer Kämpfe zu schicken.
Manche sehen aus wie Jurastudenten oder Lehrer - und sind das im wahren Leben oft auch. Thorsten Kronz beispielsweise arbeitet als Bankfachmann bei einer großen Versicherung in Stuttgart und geht kurz vor seinem Kampf noch eine Runde spazieren. Er trägt einen eleganten Kurzmantel und eine feine Randlosbrille - und den Kampfnamen "The German Oak". Kronz, 31, gilt nach zwölf zum Teil internationalen Free-Fights schon eher als Routinier, ist außerdem Shidokan-Karate-Weltmeister, darf einen schwarzen Taekwondo-Gürtel tragen und macht das alles nur, "um es kurz zu sagen: aus Spaß". An diesem Tag wird die deutsche Eiche allerdings in der ersten Runde von einer polnischen Faust gefällt.
Der Lehramtsreferendar Gregor Herb, 31, schätzt vor allem "die Vielseitigkeit unseres Sports". An diesem Abend hat er es mit einem Schweizer Champion zu tun und bringt die Sache nach einer wilden Schlägerei in der zweiten Runde mit einem gnadenlos durchgezogenen Armhebel zu Ende. Noch in der Nacht muss er mit dem Zug zurück nach Freiburg und steht dort am nächsten Morgen wieder vor einer Gymnasialklasse; die Schüler sehen ihn auch mal mit einem Veilchen.
Lippen und Lider platzen schnell beim Free-Fight. Die dünnen Lederhandschuhe schonen nicht das Gesicht des Gegners, sondern die eigenen Finger. Ex-Boxer brechen sich oft die Hände, weil sie die Wucht ihrer Fäuste und die Härte fremder Schädel ohne die gewohnt dicken Polsterhandschuhe unterschätzen. Gelernte Ringer gelten dagegen mit ihren Würge- und Hebeltechniken am Boden als unschlagbar - vorausgesetzt, sie bekommen ihren Gegner schnell genug runter.
Beim ersten Mal tut das alles selbst beim Zuschauen noch weh. Wenn der erste Schock jedoch überwunden ist, ahnt man gerade bei Kämpfern mit unterschiedlicher Grundausbildung schnell den Reiz der ursprünglichen Idee: Wollen doch mal sehen, welcher Kampfstil wirklich der Bessere ist und wer zum Schluss noch steht. Er oder ich.
Fast jeder Kampf findet ein spektakuläres Ende. Manchmal ist es schon nach wenigen Sekunden vorbei. Bei den interessanteren Begegnungen geht es minutenlang um jeden Zentimeter im Schwitzkasten oder über drei Runden hin und her. Der Ringarzt in Hamburg hat trotzdem nicht viel zu tun: Die Bewusstlosen schaut er sich kurz an, einmal reißt ein Bizeps. Weil die Kämpfer trotz aller Härte jederzeit abklopfen oder ihre Betreuer ein Handtuch in den Käfig werfen können, passiert ihnen dafür, wie es aussieht, recht wenig. Zur Not greift auch der Kampfrichter ein, wenn Kraft oder Vernunft nicht mehr rechtzeitig zur Aufgabe reichen. Dann reißt Andreas Stockmann die Kämpfer auseinander wie verbissene Hunde, und das Publikum buht. Oder aber er feuert sie an, wenn sie sich ineinander verkeilt haben und nur noch ausruhen: "Arbeiten, Jungs!"
Endlich ist Holger Hoffmann dran. "Are you ready?", brüllt Stockmann. Hoffmann nickt, und eine Sekunde später knallt er schon gegen den Maschendrahtkäfig, dann auf den Boden. Der Skin aus Neubrandenburg hat ihn sofort von den Beinen geholt. Schon bei der ersten Umarmung glaubt man Holgers Wirbel brechen zu hören. Nun liegt er unten, und die Fäuste des Gegners krachen ihm abwechselnd ins Gesicht. Rechts, links, mitten hinein. Schließlich packt sich der Neubrandenburger einen Fuß von Hoffmann und versucht es mit einem Fersenhebel.
Das sieht harmlos aus, aber Stockmann schaut ganz genau hin: "Mit so einem Heelhook ist nicht zu spaßen", sagt er. Oft bremsen Adrenalin und Ehrgeiz den Schmerz auf dem Weg ins Gehirn. "Da knallen die Bänder, bevor es oben ankommt."
Die Bänder eines Physiotherapeuten halten aber offenbar einiges aus. Holger Hoffmann schafft es sogar mehrmals, auf dem durchtrainierten Skin zu knien und - noch etwas zu zaghaft vielleicht - zurückzuschlagen. Vor Schreck fällt dem der Mundschutz aus dem Gesicht.
"Hammerfaust", ruft der Neubrandenburger Trainer, als sein Schützling wieder mal obenauf ist. "Gib ihm! Der kann das nicht ab!" Dabei verliert der Skin zum zweiten Mal den Mundschutz. Stockmann ermahnt ihn, und wider Erwarten hat Hoffmann die erste Runde überlebt. Vermutlich weiß er nun, was er unbedingt wissen wollte.
Diese Sehnsucht erklärt der Sportsoziologe Gunter Pilz von der Universität Hannover so: "In modernen Industriegesellschaften stehen Menschen überall unter sozialer Kontrolle." Der Professor erkennt sogar beim Boxen "eine zunehmende Tabuisierung von Gewalt". Im Free-Fight dagegen werde "Brutalität nicht reglementiert" und so "ein Defizit an Emotionalität" kompensiert.
Etwas einfacher formulierte es 1999 der Kinofilm "Fight Club": "Nirgendwo bist du so lebendig wie im Kampf", sagt darin Tyler Durden, der - gespielt von Brad Pitt - damit zu einer Art Guru für dekadente Bürohengste wird.
Wie im Film entdecken seitdem offenbar auch immer mehr Freizeitsportler die archaische Kraft der hemmungslosen Prügelei wieder. Londoner Manager schlagen sich nach Feierabend in teuren "Fightclubs". Auch in Deutschland kann man inzwischen in jeder größeren Stadt Free-Fight trainieren. MMA-Kämpfe sind die Sensation in vielen Dorfdiscos oder Highlight auf "Kampfsport-Galas". Gelangweilt von den ewig gleichen Ritualen mit ihresgleichen beim Thaiboxen, Jiu Jitsu oder andern Stilen, haben viele Kampfsportler Free-Fight zu ihrer "Königsdisziplin" erkoren.
Es gibt regionale Meisterschaften und - wie im Kampfsport offenbar unvermeidlich - bereits konkurrierende Verbände mit eigenen Titeln und komplizierten Ranglisten. Viele wittern das große Geld, wenn erst mal das Fernsehen richtig anspringt. Andere fürchten, dass gerade dann vom Fight-Club-Feeling wenig übrig bleibt.
"Fight!", ruft Andreas Stockmann erneut, und für Holger Hoffmann beginnt die zweite Runde. Wieder rauft ihn der Neubrandenburger sofort zu Boden, wieder kommt Hoffmann noch einmal über ihn. Dann verliert sein Gegner doch tatsächlich und eigentlich ohne sichtbare Not zum dritten Mal seinen Mundschutz - und damit den Kampf. Goliath ist geschlagen. Sie umarmen sich herzlich, und auch wenn es der Neubrandenburger Trainer nur "auf dieses billige Scheißteil von Mundschutz" schiebt - Holger ist davon überzeugt: "Er konnte nicht mehr und hat ihn ausgespuckt."
Verbeult, aber glücklich, nimmt Holger Hoffmann nach seinem ersten Kampf die Gratulationen entgegen. Er versucht zu lächeln und hat nicht nur jede Menge eigenes Blut geleckt: "Ein geiles Gefühl", sagt er. Sogar sein Vater - von Holgers Bruder heimlich informiert - ist da und ziemlich stolz auf den Sohn, wenn er auch manchmal gern dazwischengegangen wäre, um dem Skin ein paar Ohrfeigen zu verpassen.
Die kann Holger, so droht seine Mutter am nächsten Tag, auch gleich von ihr haben, wenn er das noch mal macht. Grün und blau im Gesicht sitzt er am Mittagstisch, redet davon, dass dieser Kampf sein Leben verändert habe, aber sie schüttelt nur den Kopf. Am Ende ist es wieder ganz einfach mit diesem Sport: er oder ich.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 24/2009