Parallel zum stern-Interview stellt Heinrich Kieber auf geheimem Weg am kommenden Sonntag sein Buch ins Internet. Darin beschreibt er ausführlich, wie es zu dem Verrat von Kontodaten kam, mit dem er sich, wie Kieber im Interview sagte, an dem liechtensteinischen Fürsten rächen wollte. Seine Darstellung klingt wie das Drehbuch zu einem Agenten-Thriller. Er will Hans-Adam II., den damals amtierenden Fürsten zwingen, ein Gerichtsverfahren einzuleiten. Kieber behauptet, er sei 1997 von Geschäftspartnern nach Argentinien gelockt und dort gefoltert worden. Der Fürst soll ihm helfen, dieses Unrecht zu sühnen. Am 7. Januar 2003 schickt Heinrich Kieber einen 38 Seiten langen Brief an den Fürsten, in dem er seinen Fall schildert und juristische Genugtuung fordert, sonst, so droht er, würde er sich mit den Kontodaten an die USA und Deutschland wenden.
Kieber vermutet, dass die Nachricht von seinem Datenklau im Fürstenhaus wie eine Bombe einschlagen wird und bereitet seine Flucht vor. Er löst sein privates LGT-Konto auf und beginnt eine wilde Reise durch Europa. Über das österreichische Feldkirch fährt er nach München und von dort weiter nach Berlin. Er besorgt sich ein kleines Zimmer im Bezirk Mitte, im Schließfach einer Bank im Wedding deponiert er Laptop, Datenträger und alle Papiere mit dem Namen Heinrich Kieber. Nach sechs Tagen ohne Reaktion auf seinen Brief, so schildert es Kieber, ruft er den Fürsten an. In den folgenden Wochen wird er außerdem einen Gratis-E-Mail-Account der amerikanischen Seite catholic.org nutzen, um mit Hans-Adam II. und seinen Leuten zu kommunizieren.
Mitte Januar gerät er in Panik. Als er in Berlin-Dahlem unterwegs ist, fühlt sich von einem Wagen verfolgt, von einem alten VW-Transporter Typ LT, "wie viele Schweizer Dörfer und Gemeinden sie als Werkshofwagen benutzen, Farbe Orange-Gelb". Der Wagen war ihm Stunden zuvor schon im Wedding aufgefallen. Er ist überzeugt, seine Häscher aus Liechtenstein hätten ihn aufgespürt. Am 3. Februar fährt er nach Münster, bleibt dort zwei Wochen und flüchtet weiter nach Amsterdam. Als Claudio mietet er sich in einer Pension ein.
Von hier aus beginnt er Verhandlungen mit der LGT, die im Juli 2003 zu seiner Rückkehr nach Liechtenstein führen. Er lässt sich auf einen Deal ein, der im Oktober 2003 zu seiner Verurteilung führt: wegen Nötigung des Fürsten und schweren Betrugs bei einem Immobiliengeschäft. Später erwirkt er eine Abmilderung des Urteils und eine Begnadigung. Aber auf das Verfahren gegen seine Folterer wartet er vergebens. Im Juni 2005 verlässt er erneut Liechtenstein. Einen Datenträger mit den brisanten Konto-Informationen hatte er zuvor an einem sicheren Ort deponiert. Mit E-Mails an den BND fädelt er einige Monate später die Weitergabe der geklauten Daten ein.