
Labortest: Über 400.000 Lebensmittelproben wurden 2008 von amtlichen Kontrolleuren untersucht© Oliver Berg/DPA
Der BVL-Jahresbericht ist vollgestopft mit Daten, Zahlen und Grafiken. Man erfährt, dass es 2008 deutschlandweit bei 55.000 von insgesamt 407.000 Laborproben Beanstandungen gegeben hat. Auch die Verstoßquoten in den einzelnen Produktgruppen sind aufgeführt: Bei Fleisch gab es 19,2 Prozent Beanstandungen, bei Obst und Gemüse 8,4 Prozent, bei Fisch 11,5 Prozent, bei Eiprodukten 16,2 Prozent, bei Milchprodukten 11,9 Prozent. Die erschreckend vielen Verstöße provozieren Fragen: Was genau fiel bei den Kontrollen durch und warum? War eine Supermarktkette besonders häufig unter den Sündern? Gab es eine regionale Ballung?
Doch diese relevanten Informationen liefert der 127 Seiten starke Bericht nicht, das BVL verweist auf Nachfrage von stern.de an die Landesbehörden. Die rücken aber ebenso wenig mit den Namen der beanstandeten Betriebe oder Details zu verseuchten Lebensmitteln heraus; alles bleibt anonymisiert.
Vergeblich verlangen Verbraucherschützer seit Jahren, dass bei gefährlichen Produkten Ross und Reiter genannt werden. "Unsere Forderung wird mit immer derselben Litanei abgelehnt: Man müsse Betriebsgeheimnisse wahren, man dürfe niemanden an den Pranger stellen, der Betrieb könnte in eine wirtschaftliche Schieflage geraten", sagt Angelika Michel-Drees.
Wie ein Fanal wirkt immer noch der Birkel-Skandal. Mitte der 1980er Jahre warnte das Stuttgarter Regierungspräsidium vor verseuchten Eiprodukten in Birkel-Nudeln. Die Firma strengte eine Schadensersatzklage an, am Ende musste Baden-Württemberg in einem Vergleich 12,8 Millionen Mark zahlen. Erst viele Jahre später deckte der stern auf, dass die Vorwürfe tatsächlich stimmten. Dennoch: Seit dem Birkel-Skandal halten sich viele Behörden offenkundig bei Maßnahmen zurück, die möglicherweise Schaden für die Wirtschaft bedeuten.
Besonders gefährliche Fälle melden die Landesbehörden dem BVL, das sie an das Europäische Schnellwarnsystem weiterleitet. Auch der mit Listerien verseuchte Käse aus Österreich wurde dort gemeldet. Allein im Februar 2010 wurden dort Dutzende Fälle aus Deutschland verzeichnet. Sie sind eine wahre Ekelliste, eine kleine Auswahl: Calciumcarbonat in Säuglingsnahrung (17. Februar), Schimmelpilzbefall bei Schokoladen-Desserts (8.Februar), Listerien in Brie-Käse (4. Februar), Aluminium in Glasnudeln (3. Februar), Salmonellen in Schweinefleisch (2. Februar).
Zwar werden diese Produkte umgehend aus dem Handel entfernt, doch in den meisten Fällen bekommt die Öffentlichkeit davon nichts mit. Auch in dieser Liste bleiben die Meldungen komplett anonymisiert. Bei akuten Gesundheitsgefahren sollen die zuständigen Ämter zwar öffentliche Warnungen aussprechen - sie müssen aber nicht. Michel-Drees weiß: "Der Druck der Wirtschaft ist oft so groß, dass die Behörden die Öffentlichkeit nicht über Verfehlungen informieren."
Immerhin: Aigners Verbraucherschutzministerium will sich dafür einsetzen, zumindest Wiederholungstäter künftig zu veröffentlichen. Man prüfe derzeit die Möglichkeiten, die dazu das Verbraucherschutzinformationsgesetz hergebe, sagt eine Sprecherin. Vorbild dafür ist der Berliner Bezirk Pankow: Dort landen gastronomische Betriebe, die durch mehrmalige Verstöße auffallen, auf einer Negativliste im Internet.
In der Branche gibt es nämlich besonders viele Wiederholungstäter. Bislang müssen die Unternehmen keinen Imageschaden und Umsatzverluste befürchten, weil die Konsumenten in den meisten Fällen nicht erfahren, wer die schwarzen Schafe sind. Eine konsequente Veröffentlichung der Sünder wie in Berlin-Pankow hätte mehr Effekt als Hunderte von zusätzlichen Kontrolleuren, meint Thilo Bode. Doch der Foodwatch-Chef glaubt nicht daran, dass das Projekt einmal bundesweit Schule macht. "Hier gelten die Interessen der Unternehmen mehr als der Verbraucherschutz."
Wie funktioniert die Lebensmittelüberwachung? Wichtigstes Instrument sind die Betriebsbesichtigungen, bei denen Lebensmittelkontrolleure vor Ort überprüfen, ob alle Vorschriften eingehalten werden. Die Besuchsfrequenz kann - je nach Risikostufe - zwischen einmal täglich und alle drei Jahre betragen. Außerdem lassen sie Proben im Labor untersuchen, die vorgeschriebene Quote beträgt fünf Proben pro 1000 Einwohner. Daneben müssen die Betriebe Eigenkontrollen durchführen.
Bei Fleischprodukten kommen zusätzlich Veterinäre zum Einsatz: Sie müssen vor der Schlachtung jedes Tier begutachten, ob es gesund ist. Solch eine strenge Kontrolle gibt es bei keiner anderen Produktgruppe.
Bei Lebensmitteln, die importiert werden, wird der Zoll hinzugezogen. Er arbeitet mit den kommunalen Kontrolleuren zusammen und kann Ware aufhalten. Bei Verstößen wird der Importeur zur Verantwortung gezogen.
Die Berliner Ekelliste Bundesweit einmalig ist ein Projekt des Berliner Bezirks Pankow. Gastronomische Betriebe, die bei Lebensmittelkontrollen aufgefallen sind, werden im Internet veröffentlicht. Die Negativliste und weitere Informationen finden Sie hier: www.berlin.de/ba-pankow