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10. März 2010, 12:15 Uhr

Löchrig wie ein Schweizer Käse

Käse, Lebensmittelkontrolle, Lebensmittelüberwachung, Listerien, Listeria, Lidl, Rückruf, Lebensmittelkontrolleur, Lebensmittelsicherheit, Supermarkt, Discounter

Labortest: Über 400.000 Lebensmittelproben wurden 2008 von amtlichen Kontrolleuren untersucht© Oliver Berg/DPA

Problem Nummer drei: Mangelnde Information der Öffentlichkeit

Der BVL-Jahresbericht ist vollgestopft mit Daten, Zahlen und Grafiken. Man erfährt, dass es 2008 deutschlandweit bei 55.000 von insgesamt 407.000 Laborproben Beanstandungen gegeben hat. Auch die Verstoßquoten in den einzelnen Produktgruppen sind aufgeführt: Bei Fleisch gab es 19,2 Prozent Beanstandungen, bei Obst und Gemüse 8,4 Prozent, bei Fisch 11,5 Prozent, bei Eiprodukten 16,2 Prozent, bei Milchprodukten 11,9 Prozent. Die erschreckend vielen Verstöße provozieren Fragen: Was genau fiel bei den Kontrollen durch und warum? War eine Supermarktkette besonders häufig unter den Sündern? Gab es eine regionale Ballung?

Doch diese relevanten Informationen liefert der 127 Seiten starke Bericht nicht, das BVL verweist auf Nachfrage von stern.de an die Landesbehörden. Die rücken aber ebenso wenig mit den Namen der beanstandeten Betriebe oder Details zu verseuchten Lebensmitteln heraus; alles bleibt anonymisiert.

Vergeblich verlangen Verbraucherschützer seit Jahren, dass bei gefährlichen Produkten Ross und Reiter genannt werden. "Unsere Forderung wird mit immer derselben Litanei abgelehnt: Man müsse Betriebsgeheimnisse wahren, man dürfe niemanden an den Pranger stellen, der Betrieb könnte in eine wirtschaftliche Schieflage geraten", sagt Angelika Michel-Drees.

Wie ein Fanal wirkt immer noch der Birkel-Skandal. Mitte der 1980er Jahre warnte das Stuttgarter Regierungspräsidium vor verseuchten Eiprodukten in Birkel-Nudeln. Die Firma strengte eine Schadensersatzklage an, am Ende musste Baden-Württemberg in einem Vergleich 12,8 Millionen Mark zahlen. Erst viele Jahre später deckte der stern auf, dass die Vorwürfe tatsächlich stimmten. Dennoch: Seit dem Birkel-Skandal halten sich viele Behörden offenkundig bei Maßnahmen zurück, die möglicherweise Schaden für die Wirtschaft bedeuten.

Besonders gefährliche Fälle melden die Landesbehörden dem BVL, das sie an das Europäische Schnellwarnsystem weiterleitet. Auch der mit Listerien verseuchte Käse aus Österreich wurde dort gemeldet. Allein im Februar 2010 wurden dort Dutzende Fälle aus Deutschland verzeichnet. Sie sind eine wahre Ekelliste, eine kleine Auswahl: Calciumcarbonat in Säuglingsnahrung (17. Februar), Schimmelpilzbefall bei Schokoladen-Desserts (8.Februar), Listerien in Brie-Käse (4. Februar), Aluminium in Glasnudeln (3. Februar), Salmonellen in Schweinefleisch (2. Februar).

Zwar werden diese Produkte umgehend aus dem Handel entfernt, doch in den meisten Fällen bekommt die Öffentlichkeit davon nichts mit. Auch in dieser Liste bleiben die Meldungen komplett anonymisiert. Bei akuten Gesundheitsgefahren sollen die zuständigen Ämter zwar öffentliche Warnungen aussprechen - sie müssen aber nicht. Michel-Drees weiß: "Der Druck der Wirtschaft ist oft so groß, dass die Behörden die Öffentlichkeit nicht über Verfehlungen informieren."

Immerhin: Aigners Verbraucherschutzministerium will sich dafür einsetzen, zumindest Wiederholungstäter künftig zu veröffentlichen. Man prüfe derzeit die Möglichkeiten, die dazu das Verbraucherschutzinformationsgesetz hergebe, sagt eine Sprecherin. Vorbild dafür ist der Berliner Bezirk Pankow: Dort landen gastronomische Betriebe, die durch mehrmalige Verstöße auffallen, auf einer Negativliste im Internet.

In der Branche gibt es nämlich besonders viele Wiederholungstäter. Bislang müssen die Unternehmen keinen Imageschaden und Umsatzverluste befürchten, weil die Konsumenten in den meisten Fällen nicht erfahren, wer die schwarzen Schafe sind. Eine konsequente Veröffentlichung der Sünder wie in Berlin-Pankow hätte mehr Effekt als Hunderte von zusätzlichen Kontrolleuren, meint Thilo Bode. Doch der Foodwatch-Chef glaubt nicht daran, dass das Projekt einmal bundesweit Schule macht. "Hier gelten die Interessen der Unternehmen mehr als der Verbraucherschutz."

Wie funktioniert die Lebensmittelüberwachung? Wichtigstes Instrument sind die Betriebsbesichtigungen, bei denen Lebensmittelkontrolleure vor Ort überprüfen, ob alle Vorschriften eingehalten werden. Die Besuchsfrequenz kann - je nach Risikostufe - zwischen einmal täglich und alle drei Jahre betragen. Außerdem lassen sie Proben im Labor untersuchen, die vorgeschriebene Quote beträgt fünf Proben pro 1000 Einwohner. Daneben müssen die Betriebe Eigenkontrollen durchführen.

Bei Fleischprodukten kommen zusätzlich Veterinäre zum Einsatz: Sie müssen vor der Schlachtung jedes Tier begutachten, ob es gesund ist. Solch eine strenge Kontrolle gibt es bei keiner anderen Produktgruppe.

Bei Lebensmitteln, die importiert werden, wird der Zoll hinzugezogen. Er arbeitet mit den kommunalen Kontrolleuren zusammen und kann Ware aufhalten. Bei Verstößen wird der Importeur zur Verantwortung gezogen.

Die Berliner Ekelliste Bundesweit einmalig ist ein Projekt des Berliner Bezirks Pankow. Gastronomische Betriebe, die bei Lebensmittelkontrollen aufgefallen sind, werden im Internet veröffentlicht. Die Negativliste und weitere Informationen finden Sie hier: www.berlin.de/ba-pankow

Von Sönke Wiese
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KOMMENTARE (10 von 14)
 
Josh67 (10.03.2010, 16:56 Uhr)
Das ist genau
das was in diesem Land zu erwarten war.
immer mehr gägnelei für den "kleinen Bürger" und die Reichen und großen Konzerne können machen was Sie wollen, mit unterstützung der Politiker.
Gande (10.03.2010, 16:47 Uhr)
Die Hersteller
der Lebensmittel sind unehrlich!! Billig (minderwertig!!) produzieren, teuer verkaufen. Und... auch die verschiedenen Supermarktketten sind ebenfalls unehrlich. Keine transparente Kennzeichnungen, Mogelpackungen allerorten, (umkleben des Haltbarkeitsdatum!!) und vieles mehr.
Irgendwie schade.....
Nursery (10.03.2010, 16:39 Uhr)
Versagen der Aufsicht überall Spürbar
ES ist nicht mehr zu verbergen wie Aufsichtspflichten des Staates jämmerlich versagen.Man sehe sich nur die Kölner U-bahn Tragödie an.Dazu kommt noch das die Staatsanwaltschaften definitiv von der Politik an der "Kurzen Leine" gehalten werden.Die Folgen sind verheerend gar nicht vom Vertrauensbruch zu sprechen.Der Verabraucherschutz ist Nett verpackt doch man sehe sich nur die Bereich Finanzdienstleistungen an.Da hat selbst der Staat kleine Sparer durch Enteignung der HRE vor vollendete Tatsachen gestellt.Es ist keine Quantität der Prüfer vorhanden noch die Qualität Kontrolle gewährleistet.Ein völliges Versagen des Staates der sich hier durch angreifbar macht. Weder SPD noch CDU haben hier an Reformen gedacht.
Corazito3333 (10.03.2010, 16:36 Uhr)
korrupt sind sie natürlich
Gammelfleisch bringt Kohle viel Kohle, daß reicht vür eine Villa und eine Yacht.....und wichtiger ist beim Wein das Ettikett als das was drin ist..... ...das Argument, daß Menschen die immer weniger Kohle "billig einkaufen müssen" ist ja wohl auch "billig", schlechte Lebensmittel dürfen nicht in den Verkauf auch nicht für arme Menschen.....und zudem Aldi hat frischeres Gemüse als Kaufhof oder Tengelmann????? Belastet mit Chemie, sind auch die teuren Bio-Sachen....ist doch alles nur Preistreiberei....
insLot (10.03.2010, 16:26 Uhr)
Machen wir uns nix vor!
Verbraucherschutz in Deutschland

bedeutet Handel/Produzenten vor den Verbrauchern zu schützen und nicht, wie man annehmen sollte, umgekehrt!
Die Realität bestätigt diese Faustregel täglich! Es geht nur um Geld um unser Geld!

Freigeist5 (10.03.2010, 16:21 Uhr)
Wunder ???
Ich bin jedes mal erstaunt.....

1. Lebensmittelkonzerne sind mächtig
2. Die Regierenden von dieser Macht abhängig und erpressbar
3. Sollte einer der Kontrolleure doch herumzustochern, dann wird er zum Psychologen geschickt - vorzeitiger Ruhestand
4. Der Bürger will alles billiger - und hat ganz selten die Idee was er damit anrichtet.
5. Gewinn und Arbeitsplätze geht vor Moral und Gesundheit.

Übrigens nicht nur die Lebensmittel sind nicht kontrolliert sondern meist auch die Verpackung. 100.000 unkontrollierte Substanzen in Plastik.... wie gesagt die Chemische Industrie ist mächtig......


rinaldi (10.03.2010, 16:06 Uhr)
Gerade beim Thema "Verbraucherschutz"
zeigt sich ganz deutlich, was diese Republik ist:
korrupt, korrupt, korrupt ...
Wie nennen Sie es denn, wenn Politiker und Beamte z.B. erlauben, dass ein Hemd, auf dem steht "100% Baumwolle" bis zu 50% Chemie enthalten darf?
Ich nenne diese Volkszertreter korrupt!
Keine Diskussion!
Stern007 (10.03.2010, 15:09 Uhr)
Bäh
Also, dass die Lebensmittel nicht wirklich kontroliert werden ist schon recht skandalös. Ich versuche schon beim kauf darauf zu achten, dass die Waren auch i.O sind.
Aber wir müssen uns auch nicht wundern, wenn wir in Deutschland, so wie Aixo schreibt den Müll zu kaufen bekommen und in Frankreich die Quallität besser ist! Die Franzosen geben auch viel mehr Geld für Lebensmittel aus, in Deutschland ist die Qualität zweitrangig, hauptsache es ist BILLIG!
Aber trotzdem, selbst Billigprodukte dürfen nicht gesundheitsgefährdent sein...
Aixo (10.03.2010, 14:48 Uhr)
Komposthaufen
Man gehe doch nur mal in einen der üblichen Supermärkte. Dann gucke man die Salate an. Üblicherweise sind die alles andere als Frisch, sondern erinnern an den Komposthaufen. Dann kaufe man Tomaten, Die Chance steht 1:2, dass die alt und mehlig schmecken. Salatgutken: oft weich und kurz vor der Verflüssigung. Fleisch: Oft stinkt das schon beim Auspacken unangenehm, wahrscheinlich nur neu etikettiert. Was gar nicht mehr geht, kommt eben "mariniert" wieder in den Verkauf. Verdorbene Milch hatten wir auch schon.

Und das seit Jahren in verschiedenen Supermärkten.

Dagegen ist es jedes Mal eine Lust, in Frankreich einzukaufen. Frisch, knackig, riecht auch gut. Manchmal habe ich den Eindruck, der Müll wird anschließend nach Deutschland entsorgt.

Grüße
T.
hotte_m (10.03.2010, 14:43 Uhr)
Ich bin auch überzeugt
dass Korruption das eigentliche Problem ist.
Roß und Reiter müssen öffentlich gemacht werden. Ich kenne bis heute nicht alle Gewinnler am Gammelfleisch namentlich!
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