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2. September 2007, 07:29 Uhr

Grüße aus San Luca

Der kalabrische Ort San Luca, 4000 Einwohner. Hier herrscht die 'Ndrangheta© DPA

Die neuen handeln vom weltweiten Kokainhandel, der von den Männern aus diesen Dörfchen gesteuert wird, fast die Hälfte des Kokains, das aus Lateinamerika nach Europa kommt, dirigieren die 'Ndranghetisti, so steht es in einem vertraulichen Bericht des Bundesnachrichtendienstes aus dem Jahr 2006. Jahresdrogenumsatz: 22 Milliarden Euro. Sie sollen eigene Felder in Bolivien und Peru besitzen, um nicht von den Kolumbianern abhängig zu sein, mit denen sie genauso zusammenarbeiten wie mit den Albanern, den Rumänen oder den Russen. Sie dealen mit Atommüll und EUFördergeldern, sie schicken ihre Kinder auf die besten Schulen, damit sie als Anwälte, Richter und hohe Staatsbeamte ihren Familien dienen können.

Und doch wiederholen sich die alten Geschichten seit mehr als hundert Jahren bis heute. Am Mittwoch voriger Woche stand Don Pino in seiner Kirche in Polsi und hielt Chorunterricht. Die Kinder sangen, Elisa Giorgi begleitete sie an der Orgel, als ein Anruf von Elisas Vater kam. Es gab eine Nachricht aus Duisburg. Ihr Bruder. Im Fernsehen werden sie in den nächsten Tagen auch hier in San Luca deutsche Politiker sehen, die bisher nicht wussten, wo San Luca lag. In San Luca wissen alle, wo Duisburg liegt. In San Luca sprechen viele Menschen Deutsch, und einige fahren Autos mit deutschen Kennzeichen, Bochum, Duisburg, wo sie gearbeitet haben.

Sie werden nicht überrascht sein, dass etwas passiert ist, auch nicht darüber, dass es Duisburg war. Auch werden sie nicht lange fragen, wer die Täter waren und warum sie zuschlugen. Sie kennen die Geschichte. Sie beginnt am 10. Februar 1991, es ist Karneval, und in eine Bar fliegen Eier. Jugendliche aus dem Strangio-Nirta-Clan haben sie in den Laden des gegnerischen Vottari-Pelle-Romeo-Clans geworfen, es ist ein Teenagerstreich. Vier Tage darauf rennen Francesco Strangio, 20, und Domenico Nirta, 19, maskiert in die Bar, um den Wirt zu erschrecken, ein weiterer kleiner Scherz in San Luca. Keine Stunde danach sitzen sie auf einer Mauer und lachen noch darüber, als Antonio Vottari vorbeikommt und sie erschießt. Er ist 24 und aus dem Vottari-Pelle- Romeo-Clan. Auch er wird nicht mehr lange leben. Im Juli 1992 jagen Unbekannte zwölf Kugeln in sein Gesicht, für jede Familie ihres Clans eine. Im Jahr darauf werden vier Männer erschossen, zwei aus jedem Clan, zwei am Tag, zwei am Abend. Es wird dank einer Waffenruhe zwölf Jahre dauern, bis der nächste stirbt, und dann nur neun Monate, bis die Rache folgt.

Es tobt ein Krieg, bei dem es in Wahrheit nicht nur um Ehre oder Kinderscherze geht, sondern vor allem um die Herrschaft im Kokaingeschäft. Und so rasen an jenem Weihnachtsfeiertag die Motorräder zum Haus des Nirta-Strangio-Bosses, am Tag, an dem zugleich das Auto von Marco Marmo vor dem Haus des feindlichen Clanchefs gesehen wird.

Alle Männer, die mit den Clans zu tun haben, verschwinden bald darauf aus dem Dorf. Nur Marco Marmo bleibt, Marmo, der dicke Schwätzer, der gern einen ausgibt, auch wenn er doch offiziell nur in einer Fensterfabrik arbeitet. Er ist erst 25, aber einer, der aufsteigen will im Clan der Vottari- Pelle-Romeo, und er ist schon weit gekommen, das weiß man hier, selbst die Polizei weiß es, und darum überwacht sie ihn. Anfang August verschwindet auch Marmo aus San Luca, nachdem innerhalb von drei Monaten drei weitere Männer erschossen worden waren. Aber Marco Marmo flieht nicht in die Berge.

Am Mittwochabend, Mariä Himmelfahrt, sitzt Heinz Sprenger, Hauptkommissar der Mordkommission in seinem Büro in der Düsseldorfer Straße in Duisburg und wartet auf zwei Männer. Sie kommen aus Kalabrien, Fahnder der Squadra Mobile, des mobilen Einsatzkommandos des Innenministeriums. Fünf weitere Fahnder werden in den nächsten Tagen nach Duisburg reisen. Mehr als 50 Beamte arbeiten in der Mordkommission "Mülheimer Straße", die größte SoKo, die es je in Duisburg gab. Sie hat eine schwierige Aufgabe zu bewältigen. Die Deutschen werden Zeit brauchen, die Zusammenhänge zu verstehen und die Namen zu unterscheiden. Manche der nicht gern entschuldigt. Ein Charmeur, der mit seinem weißen Opel-Kastenwagen zum Metro fährt und an der Kasse der Verkäuferin mit flinker Klinge eine Rose aus Roter Bete schnitzt.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 35/2007

 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
mramorak (03.09.2007, 07:31 Uhr)
Verbrecher haben Freie Fahrt in Europa
Nicht einmal solche Verbrechen wird die europäischen Politiker zur Vernunft bringen. Die Polizei darf auf keinen Fall ausgerüstet sein, Verbrecher jeder Art zu verfolgen und festnehmen. Das dürfte ja bestimmte, 3.-rangige Menschenrechte verletzen. Der Mensch, wenn er kein Verbrecher ist, hat ja kein Recht auf Leben! Europa, besonders die Menschenrechts-Heuler, ist sich nie so einig, wie im Schutz für die Verbrecher - welcher Art auch immer.
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