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19. März 2010, 13:09 Uhr

Hier reden die Opfer

Kirche, katholische Kirche, Missbrauch, sexueller Missbrauch, Canisius, Ettal, Jesuiten, Benediktiner, Vergewaltigung, Kindesmissbrauch, Papst, Ratzinger

Bernhard Rasche© Marek Vogel Fotografie

Bernhard Rasche, 51, Neumarkt/Oberpfalz

"Als ich in der sechsten Klasse war, fiel mir ein Prospekt des Internats Lebenhan in die Hände. Darauf ein Foto mit lauter glücklichen Gesichtern in den Schulbänken. Für mich stand fest: Da will ich hin. Unbedingt! Bis auf einen waren alle Lehrer Padres. Da gab es viele, die richtig toll waren, fachlich wie auch pädagogisch. Aber es gab eben auch die anderen, die Brutalen. Die Schläger. Wie diesen alten Turnlehrer, ein Sadist, der uns immer den Daumen ins Kreuz gerammt und Kopfnüsse gegeben und mit dem Lineal geschlagen hat. Wir wussten zwar, dass diese Gewalt eigentlich nicht akzeptabel war - aber keiner hat was gesagt.

Ich war zwölf Jahre alt, als der sexuelle Missbrauch anfing. In Lebenhan ist dieser Missbrauch insofern besonders gewesen, als dass er meist in den Schlafsälen stattfand. Wir waren neun Kinder im Saal. Um acht Uhr sind wir ins Bett gegangen. Dann kam irgendwann der Pater Präfekt und hat begonnen, unter die Decken zu greifen. Fast jeden Abend haben wir diesen Missbrauch still durchlitten. Für einzelne ging das über Jahre. Wenn man Nein sagte, dann war klar: Der Präfekt geht einfach ein Bett weiter. Dann hast du den Missbrauch deines Bettnachbarn miterlebt. Wir haben es alle gehört. Wir haben es alle gewusst.

Erst später habe ich begriffen, dass wie ich auch andere mit Angst im Bett lagen und beteten: Bitte, nicht ich! Uns war allen klar, dass Ungeheuerliches geschieht. Aber es wurde nicht darüber geredet. Nie. Die größten Opfer des Präfekten waren immer die, die am meisten geschlagen wurden. Und gleichzeitig - das ist das Perfide - hatten die Opfer 'Vorteile'. Die durften mit ihm einkaufen fahren nach Bad Neustadt. Sonst kam doch niemand raus aus dem Internat! Deshalb spreche ich heute auch von einer prostitutiven Atmosphäre. Wir haben gedacht: Ach, wenn ich mitmache, dann kann ich auch mal in die Stadt fahren! Oder: Dann bin ich vor anderen Klassenkameraden geschützt.

Es gab auch kleine Feiern auf dem Zimmer des Präfekten. Immer mit einem oder zwei Auserwählten. Der Präfekt oder sein Freund aus Kassel sind dann nachts in den Schlafsaal gekommen und haben Schüler zur Fete geholt. Manchmal haben sie auch Kinder in den Urlaub mitgenommen, oder der Freund hat sie mit zu sich nach Hause genommen.

Der Präfekt unterrichtete Kunst. Nach außen hin war er ein Charmebolzen, total nett, freundlich, offen. Doch auf der anderen Seite war er ein brutaler Schläger. Wenn man nachts aufs Klo musste und er hat einen erwischt, dann wurde man zusammengeprügelt. Oder er hat einen gepackt, in die Waschrinne gelegt und alle Wasserhähne aufgedreht. Manchmal hat er Kinder auch krankenhausreif geschlagen. Keiner hat dem Einhalt geboten. Ich habe gelitten. Aber ich habe nie daran gedacht, das Internat zu verlassen. Ich komme aus einem kleinen Ort, von einem Bauernhof. In Lebenhan hatte ich plötzlich Freizeit, die ich als Bauernjunge vorher so gar nicht kannte. Also hielt ich eine Fassade aufrecht. Der einzige Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmte, waren meine Schulleistungen, die immer schlechter wurden. Wie die anderen auch wechselte ich nach der Mittleren Reife vom Internat Lebenhan auf ein staatliches Gymnasium. Und nach zwei harten Jahren wurde ich wieder besser.

Dass etwas mit mir nicht stimmte, wurde mir zum ersten Mal richtig bewusst mit meiner ersten Freundin. Wir stießen beim Thema Sexualität an Punkte, über die ich einfach nicht reden konnte. Ich war darüber so verzweifelt, dass ich die Beziehung beendete. Die nächste Beziehung - das gleiche. Und wieder und wieder. Ich saß meinen Beziehungen weinend gegenüber und konnte nichts sagen. All meine Beziehungen sind damals daran gescheitert. An der Sprachlosigkeit. Nicht sprechen können. Nicht handeln können. Bis heute ist es sehr schwer, darüber zu sprechen. Viele Opfer sind sich gar nicht im Klaren darüber, wie sehr sie der erlebte Missbrauch verändert hat. Oft braucht es einen bestimmten Auslöser, damit die Opfer ihr Schweigen brechen. Ich habe von einem Mann gehört, der saß am Mittagstisch mit der Familie und aß eine Wurst, eigentlich sein Lieblingsessen - und plötzlich brach er zusammen. Aus heiterem Himmel. Ein einziger Auslöser. Aber die empfundene Scham ist so groß. Man hat immer das Gefühl: Ich bin ja selbst Schuld daran. Man hat immer Angst, dass niemand den Missbrauch glaubt. Es braucht also eine große Verzweiflung, um den Schritt zu gehen. Und es braucht Stärke, um dabei nicht zusammenzubrechen. Die hat man nicht nach einem Jahr. Die hat man manchmal erst nach Jahrzehnten."

Bernhard Rasche hat den Missbrauch 2008 beim Bistum Würzburg und beim Orden der "Missionare der heiligen Familie" angezeigt. Der beschuldigte Pater hat gestanden, 16 Schüler missbraucht zu haben. Er wurde des Amtes enthoben, darf aber unter Auflagen im Orden verbleiben.

Fast jeden Abend haben wir den Missbrauch still durchlitten.

Seite 1: Hier reden die Opfer
Seite 2: Bernhard Rasche, 51, Neumarkt/Oberpfalz
Seite 3: Ralph Vetter, 47, Köln, Mineralienhändler
Seite 4: Dr. Ludwig Z., 61, München (Name geändert)
 
 
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