Der Fall Marwa el Scherbini, die in einem Dresdner Gerichtssaal erstochen wurde, hat auch im Ausland für Empörung gesorgt. Im Interview mit stern.de erklärt Al-Dschasira-Journalist Aktam Suliman, was in der arabischen Welt über den Prozess gedacht wird.
Erstaunlich ruhig. Sehr sachlich. Er verfolgt den Prozess sehr genau, würdigt den Täter aber mit kaum einem Blick. Ich hatte gedacht, dass er viel emotionaler auftreten würde. In gewisser Weise hält der Prozess den tiefsitzenden Vorurteilen den Spiegel vor: Da sitzt ein dunkelhäutiger, muslimischer Mann ein paar Meter entfernt von dem Mörder seiner Frau und seines ungeborenen Kindes. Und wer ist es, der randaliert? Der Täter! Ein weißer Europäer, eingehüllt in Kapuzenpullover und mit Sonnenbrille. Das Verhalten von Alex W. bestätigt, wie richtig es ist, dass er hinter einer Glasscheibe sitzt. Nicht, wie viele deutsche Blätter geschrieben haben, zu seinem Schutz, sondern um das Publikum vor ihm zu schützen.
Der Westen kann leider immer noch sehr schlecht seine Vorurteile ablegen. Im Ernst: Diese Lachfigur, diese Hobby-Scheichs, der irgendwo im Internet Drohungen im Zusammenhang mit dem Dresdner Prozess ausstoßen, haben diese Aufmerksamkeit nicht verdient. Genauso wenig wie diese Teenager, die auf Deutsch Terrordrohungen verschicken. Die sitzen wahrscheinlich irgendwo vor ihrem Tee im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet und lachen sich in Fäustchen, weil plötzlich ein Land mit 80 Millionen Einwohnern vor ihnen zittert.
Richtig. Aber das Problem dahinter ist doch folgendes: Es herrscht über viele gesellschaftliche Gruppen und Schichten hindurch die Annahme, dass diese Muslime doch irgendwie Barbaren sind. Und dieser latente Rassismus ist sehr stark. Dazu glauben im Westen viele Menschen, Muslime seien Maschinen wie bei Matrix. Man drückt einen Knopf, und dann geht's los mit der Vergeltung. Aber wir sind keine einheitliche ferngesteuerte Masse, und es auch nicht so, dass plötzlich eine Milliarde Menschen auf Kommando über einen herfallen. Wir unterliegen den Gesetzen der Soziologie, der Psychologie und sogar der Physik. Nehmen Sie mir bitte das ab.
Ich nenne sie, auch wenn es Vorläufer gab, das 11.September-Syndrom. Nach den Anschlägen in New York haben die Amerikaner eine Atmosphäre erschaffen, in der Muslime immer als die Bösen, die Täter dastehen. Zum Glück versucht Barack Obama nun, diese Vorurteile abzubauen.
Vermutlich hätte es den Mord nicht gegeben, oder zumindest wären die Reaktionen darauf in Medien und Politik ein wenig schneller und klarer.
Das wäre im Grunde egal gewesen. Aber natürlich blickt man wegen der deutschen Vergangenheit schon besonders auf das Land. Schließlich wurde ein Mensch aus religiösen oder rassistischen Gründen umgebracht. Zwar hat die deutsche Öffentlichkeit etwas Zeit gebraucht, um sich darauf einzustellen, dass ein Muslim das Opfer ist. Mittlerweile aber reagiert sie auf den Fall sehr angemessen, wie ich finde. Das hat sicher auch mit der Geschichte zu tun. Und selbst die Boulevardblätter beziehen eindeutig Stellung. Die "Bild-Zeitung" hat sogar den Täter als "Bestie" bezeichnet.
Natürlich auf die höchstmögliche Strafe. Weil Alex W. das Schlimmstmögliche getan hat. Vor allem aber soll der Täter genauso bestraft werden, als wenn er statt einer Muslimin mit Kopftuch einen Japaner oder eine Bikini-Schönheit ermordet hätte.