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6. Juni 2008, 10:58 Uhr

Ermordet im Namen der Ehre

Morsal veränderte sich

Morsal Obeidi, die MeriyeM in der Familie heißt, ist keine gute Schülerin, aber eine starke Person. "Sie konnte beeindruckend argumentieren und wurde von ihren Mitschülern sehr ernst genommen", sagt Helmut Becker, stellvertretender Leiter der Schule Ernst-Henning-Straße, einer Grund-, Haupt- und Realschule in Hamburg- Bergedorf. Als sie im Herbst 2005 von der Fritz-Köhne-Schule dorthin wechselt, ist sie bereits als "Streitschlichterin" ausgebildet. Sie nimmt auch am Projekt "Peer Education" teil. In kleinen Gruppen reden die Schüler über Gewalt und Drogen und darüber, was man dagegen tun kann. Eine Stiftung vergibt einen Preis dafür, und Morsal wird mit dem Satz in der Zeitung zitiert: "Es gibt jetzt weniger Prügeleien."

Im Unterricht spielt Lehrer Becker manchmal "Blitzlicht". Dann sagt jeder Schüler kurz, wie es ihm geht, welche Probleme er hat und welche Ängste. "Morsal konnte sich komplett in die andere Person hineinversetzen und sehr in die Tiefe gehen", sagt Helmut Becker. Nur wenn sie selbst drankam, sagte sie Sätze wie: Ihr gehe es gut. Das Wetter sei schön. Sie hoffe, dass sie gute Noten bekomme.

In dieser Zeit verändert sich Morsal aus Kabul. Sie wird zu Morsal aus Hamburg. Sie übertreibt mit allem ein wenig, sie steckt ja mitten in der Pubertät. Der Mittelscheitel weicht einer hochtoupierten Frisur. Sie zupft sich die Augenbrauen und legt Make-up auf. In ihrem hell tapezierten Zimmer räumt sie die Hälfte des Kleiderschranks für Tuben und Fläschchen frei. Ihren Freundinnen bringt sie eine orientalische Methode bei, um die Beinhaare mit einem Faden zu entfernen. Und wenn sie den Müll nach unten tragen soll, frisiert sie ihre Haare und stäubt sich mit Parfüm ein. "Man weiß nie, wem man begegnet", ruft sie den Freundinnen zu, während sie mit der Tüte ins Treppenhaus stöckelt.

Morsal wird zum Kinder- und Jugendnotdienst gefahren

Der Vater versucht es mit Reden. Wenn R'n'B-Musik durch die Wohnung wummert und Morsal hemmungslos vor dem Spiegel tanzt. Vergebens. Wenn er im Badezimmer kalten Rauch gerochen hat, von einer Zigarette oder einem Joint. Schulterzucken. Wenn sie im knappen Outfit das Haus verlässt, mit einem aufgemalten Leberfleck über der Lippe, ihrem "Piercing", wie sie sagt. Als sie ihren Vater einmal um Geld für eine neue Hose bittet, sagt der: "Nur wenn der Pickel wegkommt." Sie wischt sich den Kajal-Fleck weg, nimmt die 30 Euro und malt ihn sich wieder auf. Einmal lädt sie ihre Freundinnen zum Shoppen bei H & M ein. Erst später erzählt sie, woher sie das Geld hat. Sie hat die Kasse ihrer Schwester aufgebrochen.

Morsal meldet das erste Mal Anfang November 2006 der Polizei, dass sie von ihrem Bruder Ahmad geschlagen wird. Weil sie nach der Schule nicht gleich zu Hause war, habe er sie mit Fäusten zu Boden geprügelt, und die ältere Schwester habe ihr das Gesicht zerkratzt. Zu seiner Mutter soll Ahmad gesagt haben: "Ich bringe Morsal um."

Die Polizei fährt das Mädchen zum Kinder- und Jugendnotdienst. Im Jugendamt wird eine Akte über sie angelegt, mit den Eltern "Hilfe zur Erziehung" vereinbart. Alles nimmt seinen Lauf. Die Staatsanwaltschaft leitet ein Verfahren gegen Ahmad ein. Er ist dort schon bekannt.

Ahmad Obeidi wurde das erste Mal mit 13 festgenommen. Heute stehen weit über 20 Einträge in seiner Strafakte. Diebstahl, Nötigung, Trunkenheit im Verkehr. Und immer wieder Körperverletzung.

Der Jugendrichter bestraft ihn mal mit Sozialstunden, mal mit zwei Wochen Arrest. Der Vater sagt bei einer Vernehmung, er wisse, dass sein Sohn Probleme habe. Er ist bereit, Hilfe anzunehmen. Ahmad kommt für einige Wochen in eine betreute Wohnung. Man behält ihn dort als laut in Erinnerung. Als einen, der gern davon spricht, wen er alles umbringen werde. Was die Betreuer nicht weiter beunruhigt. Hier reden alle so.

Die Gesamtschule Mümmelmannsberg besucht Ahmad lange nicht mehr. Er übernimmt die Geschäftsführung im Bushandel des Vaters, verdient offiziell 2000 Euro netto. Er reist in die alte Heimat, wo er heiratet. Seine afghanische Frau kommt nicht mit nach Hamburg. Er hat hier andere Frauen. Im Oktober 2006 verhandelt das Amtsgericht Hamburg mehrere Anklagepunkte. Ahmad soll unter anderem eine Ex-Freundin drangsaliert und ihr Handy geklaut haben. Am Ende bleiben von sieben Vorwürfen drei übrig. Die Ex-Freundin sagt, sie habe bei der Polizei übertrieben. Das Gericht verurteilt ihn trotzdem zu einem Jahr und einem Monat auf Bewährung.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 23/2008

 
 
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