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24. Dezember 2008, 17:21 Uhr

Das heilige Land

Palästina, Weltreligion, Jerusalem, Messias, Bibel

Abertausende reisen Jahr für Jahr in das Gelobte Land© Jüdisches Historisches Museum, Amstersdam

Die Römer mordeten die Juden, weil die nicht an ihre Götter glaubten. Es kamen die Christen. Die verstießen fast alle Juden, weil sie nicht an Jesus glaubten. Es kamen die Muslime. Die mordeten die Christen, weil sie nicht an Mohammed glaubten, die Christen kamen zurück und mordeten die Muslime, weil die nicht an Jesus glaubten, worauf die Muslime zurückkamen und die Christen mordeten, weil die nicht an Mohammed glaubten. Zuletzt kehrten die Juden zurück und vertrieben die Araber, egal, ob Muslime oder Christen, weil sie keine Juden waren. Weswegen derzeit nicht wenige Muslime davon träumen, die Juden zu morden, weil sie keine Muslime sind. Der einzigartige Status ihrer Heimat hat den Menschen im Heiligen Land kein Glück gebracht.

Enttäuschte Hoffnungen auf Frieden und Versöhnung

Seit im zweiten Jahrhundert nach Christus ein Bestseller namens "Bibel" in Umlauf kam, der sowohl das Alte wie auch das Neue Testament beinhaltet, ist die Geschichte Palästinas Weltkulturerbe, überladen mit immer wieder enttäuschten Hoffnungen auf Frieden und Versöhnung. Bis heute wird alles, was hier geschieht, unter ein Vergrößerungsglas erdumspannender Aufmerksamkeit gelegt. Von Beirut bis Bordeaux, von Krefeld bis Kinshasa, von Mailand bis Moskau haben ganze Generationen die Saga der jüdischen Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob gehört oder gelesen. Sie kennen die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern, sie wissen, wie Moses, das Findelkind, sein Volk aus Ägypten heimführte ins Gelobte Land, ohne es je betreten zu dürfen.

Dort droschen sich die Hebräer irgendwie durch, sie intrigierten, liebten, buhlten, plünderten, mordeten, stritten mit anderen und untereinander, unterdrückten und wurden selbst unterdrückt, bauten einen Tempel, der wieder zerstört wurde. Sie wurden reich, um bald darauf wieder zu verarmen, landeten im babylonischen Exil und kehrten wieder zurück. Nicht immer fürchteten sie ihren strengen Gott, weswegen der Herr in regelmäßigen Abständen Propheten zu den Kindern Israels entsandte, die das Volk zur Ordnung riefen und Grausiges vorhersagten. "Man wird dies Land ringsumher bedrängen und dich von deiner Macht herunterreißen und deine Häuser plündern" und dergleichen mehr - was über kurz oder lang auch geschah. In der Zwischenzeit massakrierten sich hier auch sämtliche Supermächte der Gegend: Assyrer und Ägypter, Babylonier und Perser, Griechen und Römer.

Unruhige Zeiten

Als Jesus im mythischen Stall zu Bethlehem zur Welt gekommen sein soll, war seine Heimat Teil des Römischen Reiches und hatte unter der Herrschaft des Herodes, König von Roms Gnaden, eine kurze Blütezeit erlebt. Der brillante Verwalter hatte eine Wasserleitung nach Jerusalem legen lassen, den jüdischen Tempel wieder aufgebaut, Masada, das Herodium und Caesarea errichten lassen. Ein angenehmer Zeitgenosse war er gleichwohl nicht: Nacheinander beseitigte er seinen Schwager, seine zweite Frau und drei seiner Söhne. Weil ihm klar war, dass sich nach seinem Ableben die Trauer seiner Untertanen in Grenzen halten würde, ließ er Hunderte von Männern in der Arena von Jericho einschließen. Sein diabolischer Plan, sie nach seinem Tod ermorden zu lassen, damit das Volk bei seinem Begräbnis weinen würde, konnte zwar vereitelt werden. Doch seither gilt er als Schurke schlechthin.

Dass er nach der Geburt des Jesuskindes aus Angst vor der Ankunft des Messias sämtliche kleinen Knaben in und um Bethlehem abschlachten ließ, wie im Matthäus- Evangelium zu lesen ist, kann jedoch nicht stimmen. Denn damals lag Herodes bereits seit vier Jahren mausetot in seinem Grab im Herodium, das in puncto Größenwahn einer Pyramide kaum nachsteht. Trotzdem wurde der holde Knabe im lockigen Haar, dessen Geburtstag wir demnächst wieder in einer planetaren Party besingen werden, in unruhige Zeiten hineingeboren, der heutigen Situation im Westjordanland und in Gaza nicht ganz unähnlich. Die Juden litten unter der römischen Besatzung und waren untereinander zutiefst gespalten. Einige kollaborierten mit den Römern, andere, insbesondere die fanatischen Zeloten, riefen zum bewaffneten Aufstand auf, während die asketischen Essener am Toten Meer ein weltabgewandtes Leben führten. Immer wieder kam es zu Unruhen, die von allerlei messianischen Erlösern, Heilsbringern und Wundertätern mit religiösen Inhalten überfrachtet wurden.

Das Buch der Bücher

Jesus war nur einer unter vielen, der damals die göttliche Stimme vernahm, aber vermutlich war er der Charismatischste - und vielleicht auch der Einzige, der behauptete, zugleich Menschensohn und Gottes Kind zu sein. Es kam, wie es kommen musste, er hatte es oft genug selbst prophezeit: gekreuzigt, gestorben und begraben, dann auf wundersame Weise wiederauferstanden von den Toten. Manchmal langweilt die himmlische Saga auch, besonders, wenn man die Namen der Propheten im Religionsunterricht auswendig lernen muss, Habakuk, haha, und Hesekiel zum Beispiel. Dennoch ist die Bibel das Buch der Bücher. Die Schicksale von Kain und Abel, von Saul, David, Absalom, Samson und Delila, die Geschichten von Johannes dem Täufer, der grausamen Salome und dem entsetzlichen Martyrium des Mannes aus Nazareth, das uns irgendwie trotzdem Trost spenden soll, bewegt die Menschen, weit über die Christenheit hinaus. Tausendfach wurde diese kollektive Fantasie gemalt, inszeniert, ausgeschmückt, besungen, verfilmt.

Jeder machte aus dem Heiligen Land, was er wollte. Auf den Gemälden sieht der Nahe Osten mal aus wie Holland, mal wie Umbrien. Der Jordan ist breit wie der Rhein, Jesus könnte Venezianer sein, und Maria die Nachbarin von Peter Paul Rubens in Antwerpen. Das babylonische Exil wurde dank Boney M. zum Disco-Beat - "By The Rivers Of Babylon" -, der Exodus aus Ägypten zum Gospel - "Let My People Go" - und die Geschichte von Moses und seinem Bruder Aaron zu einer Oper von Arnold Schönberg. Dan Brown transformiert in seinem "Da Vinci Code" die biblische Geschichte zum spinnerten Krimi, Mel Gibson verwandelt die "Passion Christi" in eine Blutorgie. Manche können sich kaum satthören an Jesu Tod, vertont von Bach in der Matthäuspassion, andere bevorzugen das Leiden seiner Mutter Maria in Pergolesis "Stabat mater".

Zwischen Traum und Albtraum

Abertausende reisen Jahr für Jahr in das Gelobte Land, kaufen Holzkreuze und Fläschchen mit Jordanwasser und suchen Gott in den Abgaswolken, die ihre Reisebusse in Bethlehem, Nazareth, Jerusalem und rund um den See Genezareth hinterlassen. Offenbar finden sie ihn auch. Davon zeugt die ekstatische Leere in ihren Gesichtern und die wundersame Art, mit der es ihnen gelingt, alles zu übersehen, was nicht in ihr Bibel-Bild passt: die Mauer, die das Land von Nord nach Süd durchzieht, die Kilometer von Stacheldraht, mit dem seine Bewohner sich voreinander schützen, die Checkpoints. Man würde sich gern über die frommen Touristen lustig machen, doch das Lachen bleibt einem im Hals stecken, wenn man die Felsen der Wüste Negev betrachtet oder die Hügel rund um Jerusalem im Morgenlicht. Plötzlich ist man selbst gefangen in einer eigentümlichen Atmosphäre, irgendwo zwischen Traum und Albtraum. Dann hilft es, an den Strand von Tel Aviv zu gehen, in ein Café in Ramallah oder in einen Supermarkt in Afula. Hier steht nichts geschrieben, hier wurde nichts versprochen. Das Land ist nicht heilig. Aber es ist ein Zuhause.

Mitarbeit: Felix Schroeter

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 52/2008

Von Stefanie Rosenkranz
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