Ein Arzt sollte seinem unheilbar kranken Patienten auf dessen ernsthaften Wunsch hin offen und legal Suizidhilfe leisten dürfen – auch in Deutschland.
Palliativmedizin macht die Diskussion um Suizidhilfe keineswegs überflüssig: Manche Patienten leiden unstillbare Schmerzen, andere wünschen sich auch ohne Schmerzen und mit lieben Angehörigen ein schnelles Ende ihres Siechtums. Wer könnte sich anmaßen, solche Suizidwünsche moralisch zu verurteilen?
Schwerstkranke sind oft unfähig, sich das Leben ohne fremde Hilfe zu nehmen. Und der Wunsch, dies mit Medikamenten wenigstens sicher und erträglich zu bewerkstelligen, ist nur allzu verständlich. Sie bräuchten also ein Rezept – aber oft auch die hilfreiche Anwesenheit des Arztes im Ernstfall. Um wie viel menschlicher wäre das als der Suizid-Tourismus auf schweizerische Parkplätze.
Der standespolitische Widerstand der Ärztekammer gegen Suizidhilfe steht gegen die mehrheitliche Meinung der Öffentlichkeit. Vor allem aber entbehrt er einer plausiblen Rechtfertigung. Denn warum sollte Suizidhilfe in solchen Extremfällen unärztlich sein? Für echte Krisen wünschen wir uns zu Recht den Arzt als Freund – mit Fachkompetenz, Hilfsbereitschaft und Respekt vor unserer Selbstbestimmung. Natürlich soll es diesem Arzt-Freund zumeist um Heilung, Linderung und Rettung gehen – aber in Grenzfällen eben auch um andere kompetente Hilfe.
Wer seinem schwerstkranken Patienten bei der Selbsttötung hilft, weil der Rod für diesen das kleinere Übel wäre, ist kein Schurke – im Gegenteil. Und doch heißt es oft, schon die dahinter stehende Absicht verstoße gegen das ärztliche Ethos. Was für ein unrealistisches, defensives, ja unsympathisches Arztbild.
Länder, in denen ärztliche Suizidhilfe offen praktiziert wird, zeigen: anhaltend wenige Patienten machen am Ende von dieser Option Gebrauch – aber etliche beruhigt es schon, für den schlimmsten Fall ein Rezept in der Tasche haben zu können, das sie dann doch nie einlösen. Und das Verhältnis zu Ärzten wird offener. Ich bin überzeugt: ärztliche Suizidhilfe als eine letzte Hintertür offen zu halten, wäre ein Gewinn an Menschlichkeit.
Zur Person Bettina Schöne-Seifert hat einen Lehrstuhl für Medizinethik am Institut für Ethik, Geschichte & Theorie der Medizin Universität Münster. Sie ist zudem Mitglied des nationalen Ethikrats.