
"Villa Rascona": Frauen, die hier auf Freierfang gehen, wissen das Familiäre zu schätzen© Fred Stäfken
Mechthild Eickel von "Madonna e. V.", einer Bochumer Beratungsstelle, hilft vor allem legal arbeitenden Prostituierten beim Ausstieg. Hier ist das Hauptproblem weniger Zwang und Menschenhandel, sondern der "Mangel an Alternativen". Für schlecht ausgebildete Frauen hießen die "Ladenkasse oder Fließband". Und viele verglichen einfach die Einkommensmöglichkeiten: "Stärker ausgebeutet als im Bordell fühlen sich diese Frauen im Supermarkt oder in der Fabrik."
Vicky aus Hamburg wusste schlicht nicht weiter. Das Kind klein, der Vater weg, die letzten 50 Mark im Portemonnaie in eine Kleinanzeige investiert. "Ich war zu stolz, zum Sozialamt zu gehen." Arbeiten konnte sie nur zu Hause - "das Kind". Der erste Freier, sagt sie, "hat mich die ganze Nacht vorgenommen, ich hab am ganzen Körper gezittert". Er zahlte viel zu wenig. "Danach hab ich mich erst mal nach den Preisen erkundigt." Das war der Einstieg. Heute ist sie selbstbewusster, ihre mollige Figur ist ihr Kapital: "Eine Dicke muss immer da sein."
Der Ausstieg "kommt bei vielen erst mit dem Älterwerden", sagt Mechthild Eickel, "das wird einfach zu anstrengend". Bis dahin aber wollen viele Frauen nicht als Opfer gesehen werden. Sie nennen sich "Sexarbeiterinnen", und zu ihrer Selbstbestimmung gehört auch, selbst zu bestimmen, wann, wie oft und mit wem sie Sex haben. Gegen Geld.
Doch der Markt ist eingebrochen, die Krise sortiert das Gewerbe neu. Nach dem Vorbild der Elektronikmärkte lockt jetzt auch die Erotikbranche mit dem Preis. So findet der Kunde zum Beispiel in Berliner Pornokinos schon für 30 Euro flotte Bedienung. "Bei jeder schlechten Konjunkturmeldung wird der Geldbeutel fester zugeschnürt", sagt Kinobetreiberin Moni, und so bieten ihre legalen Ich-AGs freundlichen Service, der nur noch zehn Euro über den Tarifen der Straßenmädchen liegt.
Ein weißes Häuschen, vierspurige Durchgangsstraße im Hamburger Osten. "Geiz macht geil" ist gelb auf grün an die Fassade gemalt. Eine Ampel am Eingang regelt den Verkehr, rot bedeutet, der Laden ist voll. Meist steht sie auf Grün. Eine Empfangsdame drückt auf einen Knopf, Models schreiten über einen imaginären Laufsteg, wie bei einer Wäscheschau, geben höflich die Hand, stellen sich kurz vor und verschwinden wieder im Warteraum. Erscheint ihre Nummer auf der elektronischen Anzeige, sind sie ausgewählt. Der Kunde kauft einen Chip: 38,50 Euro für Französisch und Verkehr.
Mineralwasserflaschen, Schminkutensilien, Dessous und Pizzakartons: Der Warteraum des Personals erinnert an die Garderobe einer Balletttruppe. Gründe, hier auf die Nummer zu warten, nennen die Sexarbeiterinnen viele: das knappe Geld, die Steuernachzahlung, der fehlende Hortplatz. Mütter, die hier anschaffen, sind oft alleinerziehend. 20 Euro pro Kunde bleiben beim Standardprogramm bei ihnen. Sonderwünsche werden extra berechnet. Mary, kinderlos, lässt sich gerade eine Harley- Davidson zusammenbauen. Im Geizhaus macht es die Masse.
"Sex als kalkulierbare Dienstleistung, einfach zum Entladen", sagt Doris Gutsche, 27 Jahre im Milieu und eine der drei Betreiberinnen des Geizhauses. Auf die Reeperbahn hätten sie sich wegen des Machtgefüges nie gewagt. "Hier draußen sind wir keine Konkurrenten." Die 2002 von der rot-grünen Bundesregierung durchgesetzte Legalisierung der Prostitution hat Bordellinhabern eine völlig neue Option ermöglicht: "Wir können jetzt die Hilfe der Polizei in Anspruch nehmen." Das konnten sie davor nicht, ohne selbst Ärger mit dem Gesetz zu riskieren. Früher galt jedes gewaschene Laken schon als Förderung der Prostitution. Heute hat Doris Gutsche Beschützer und Kampfhund auf das Altenteil verbannt.
Wenn das Geizhaus der Discounter ist, bilden die Laufhäuser den flächendeckenden Einzelhandel. In fast jeder größeren Stadt stehen diese Supermärkte des Beischlafs. Überall locken als legale Sonderangebote Frauen aus Bulgarien, Rumänien, Polen und dem Baltikum: "Kommst du verwöhnen? 50 Euro." Ein Preis, der sich bundesweit eingependelt hat.
Viele Huren wechseln von einem Laufhaus zum anderen oder kommen als "Terminfrauen" vorbei, gern dort, wo gerade Messe ist. Die Mieten für die Zimmer, in denen sie während ihrer Tourneen auch wohnen, liegen zwischen 50 und 150 Euro die Nacht, inklusive Wäsche und Security, die auf Klingeldruck im Zimmer steht. Aus den Mieten können bei zu wenigen Feiern genannte "Blockschulden" entstehen, die Frauen mühsam abbezahlen müssen. "In den Hauptstoßzeiten während der Messe arbeitest du dich wund, um die Blockschulden abzubezahlen" sagt eine ehemalige Prostituierte, die inzwischen in einen Pflegeberuf gewechselt ist. In einigen Bundesländern zieht nach dem neuen Gesetz der Bordellbetreiber auch gleich die Abschlagszahlung fürs Finanzamt ein. Es gibt Laufhäuser mit Kantinen und auch einige wegen der guten Verdienstmöglichkeiten sehr gefragte Häuser mit Wartelisten. Marktplatz des Wandergewerbes sind ausgerechnet die Anzeigenseiten in der Hausfrauen-Postille "Heim und Welt".
Die Betreiber müssen aufpassen, dass ihnen die Lieferanten keine Zwangsprostituierten auf den Flur stellen, sonst droht Anklage wegen Unterstützung des Menschenhandels. Ein niedersächsischer Bordellchef berichtet von sogenannten Agenturen, die ihm Frauen vermittelt hätten. "Und dann wollten sie bei denen abkassieren." Das stellte er ab. Rainer Lederer, Laufhaus- Betreiber im schwäbischen Sindelfingen, sagt: "Normalerweise rufen Frauen an, um sich zu bewerben, aber wenn mich ein Mann anruft und wenn er dann auch noch zwei oder drei Frauen anbietet, lege ich auf." Lederer war Getränkehändler, sein Kompagnon Immobilienmakler. Sie wollen keinen Ärger.
Der gehörte im Milieu früher immer dazu. Uschi zum Beispiel, die großbusige Herzensdame aus dem Pott, hat schon einiges hinter sich: einen zerschmetterten Kiefer, Messerstiche, einmal eine Kugel gefangen, und einmal hat ihr Lude sie an den Füßen aus dem Fenster gehalten. "Es war nicht alles rosarot." Als sie in den Siebzigern anfing, kam keine Frau ohne Lude in den Puff. Und kein Mann galt dort als Kerl, der nicht selbst eine Frau "laufen" hatte.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 11/2009