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15. März 2009, 19:29 Uhr

Eine Branche mit Steher-Qualitäten

Prostitution, Bordell, Sex

"Villa Rascona": Frauen, die hier auf Freierfang gehen, wissen das Familiäre zu schätzen© Fred Stäfken

Mechthild Eickel von "Madonna e. V.", einer Bochumer Beratungsstelle, hilft vor allem legal arbeitenden Prostituierten beim Ausstieg. Hier ist das Hauptproblem weniger Zwang und Menschenhandel, sondern der "Mangel an Alternativen". Für schlecht ausgebildete Frauen hießen die "Ladenkasse oder Fließband". Und viele verglichen einfach die Einkommensmöglichkeiten: "Stärker ausgebeutet als im Bordell fühlen sich diese Frauen im Supermarkt oder in der Fabrik."

Prostitution statt Sozialamt

Vicky aus Hamburg wusste schlicht nicht weiter. Das Kind klein, der Vater weg, die letzten 50 Mark im Portemonnaie in eine Kleinanzeige investiert. "Ich war zu stolz, zum Sozialamt zu gehen." Arbeiten konnte sie nur zu Hause - "das Kind". Der erste Freier, sagt sie, "hat mich die ganze Nacht vorgenommen, ich hab am ganzen Körper gezittert". Er zahlte viel zu wenig. "Danach hab ich mich erst mal nach den Preisen erkundigt." Das war der Einstieg. Heute ist sie selbstbewusster, ihre mollige Figur ist ihr Kapital: "Eine Dicke muss immer da sein."

Der Ausstieg "kommt bei vielen erst mit dem Älterwerden", sagt Mechthild Eickel, "das wird einfach zu anstrengend". Bis dahin aber wollen viele Frauen nicht als Opfer gesehen werden. Sie nennen sich "Sexarbeiterinnen", und zu ihrer Selbstbestimmung gehört auch, selbst zu bestimmen, wann, wie oft und mit wem sie Sex haben. Gegen Geld.

Doch der Markt ist eingebrochen, die Krise sortiert das Gewerbe neu. Nach dem Vorbild der Elektronikmärkte lockt jetzt auch die Erotikbranche mit dem Preis. So findet der Kunde zum Beispiel in Berliner Pornokinos schon für 30 Euro flotte Bedienung. "Bei jeder schlechten Konjunkturmeldung wird der Geldbeutel fester zugeschnürt", sagt Kinobetreiberin Moni, und so bieten ihre legalen Ich-AGs freundlichen Service, der nur noch zehn Euro über den Tarifen der Straßenmädchen liegt.

Catwalk und Chip

Ein weißes Häuschen, vierspurige Durchgangsstraße im Hamburger Osten. "Geiz macht geil" ist gelb auf grün an die Fassade gemalt. Eine Ampel am Eingang regelt den Verkehr, rot bedeutet, der Laden ist voll. Meist steht sie auf Grün. Eine Empfangsdame drückt auf einen Knopf, Models schreiten über einen imaginären Laufsteg, wie bei einer Wäscheschau, geben höflich die Hand, stellen sich kurz vor und verschwinden wieder im Warteraum. Erscheint ihre Nummer auf der elektronischen Anzeige, sind sie ausgewählt. Der Kunde kauft einen Chip: 38,50 Euro für Französisch und Verkehr.

Mineralwasserflaschen, Schminkutensilien, Dessous und Pizzakartons: Der Warteraum des Personals erinnert an die Garderobe einer Balletttruppe. Gründe, hier auf die Nummer zu warten, nennen die Sexarbeiterinnen viele: das knappe Geld, die Steuernachzahlung, der fehlende Hortplatz. Mütter, die hier anschaffen, sind oft alleinerziehend. 20 Euro pro Kunde bleiben beim Standardprogramm bei ihnen. Sonderwünsche werden extra berechnet. Mary, kinderlos, lässt sich gerade eine Harley- Davidson zusammenbauen. Im Geizhaus macht es die Masse.

"Sex als kalkulierbare Dienstleistung, einfach zum Entladen", sagt Doris Gutsche, 27 Jahre im Milieu und eine der drei Betreiberinnen des Geizhauses. Auf die Reeperbahn hätten sie sich wegen des Machtgefüges nie gewagt. "Hier draußen sind wir keine Konkurrenten." Die 2002 von der rot-grünen Bundesregierung durchgesetzte Legalisierung der Prostitution hat Bordellinhabern eine völlig neue Option ermöglicht: "Wir können jetzt die Hilfe der Polizei in Anspruch nehmen." Das konnten sie davor nicht, ohne selbst Ärger mit dem Gesetz zu riskieren. Früher galt jedes gewaschene Laken schon als Förderung der Prostitution. Heute hat Doris Gutsche Beschützer und Kampfhund auf das Altenteil verbannt.

Supermärkte des Beischlafs

Wenn das Geizhaus der Discounter ist, bilden die Laufhäuser den flächendeckenden Einzelhandel. In fast jeder größeren Stadt stehen diese Supermärkte des Beischlafs. Überall locken als legale Sonderangebote Frauen aus Bulgarien, Rumänien, Polen und dem Baltikum: "Kommst du verwöhnen? 50 Euro." Ein Preis, der sich bundesweit eingependelt hat.

Viele Huren wechseln von einem Laufhaus zum anderen oder kommen als "Terminfrauen" vorbei, gern dort, wo gerade Messe ist. Die Mieten für die Zimmer, in denen sie während ihrer Tourneen auch wohnen, liegen zwischen 50 und 150 Euro die Nacht, inklusive Wäsche und Security, die auf Klingeldruck im Zimmer steht. Aus den Mieten können bei zu wenigen Feiern genannte "Blockschulden" entstehen, die Frauen mühsam abbezahlen müssen. "In den Hauptstoßzeiten während der Messe arbeitest du dich wund, um die Blockschulden abzubezahlen" sagt eine ehemalige Prostituierte, die inzwischen in einen Pflegeberuf gewechselt ist. In einigen Bundesländern zieht nach dem neuen Gesetz der Bordellbetreiber auch gleich die Abschlagszahlung fürs Finanzamt ein. Es gibt Laufhäuser mit Kantinen und auch einige wegen der guten Verdienstmöglichkeiten sehr gefragte Häuser mit Wartelisten. Marktplatz des Wandergewerbes sind ausgerechnet die Anzeigenseiten in der Hausfrauen-Postille "Heim und Welt".

Die Betreiber müssen aufpassen, dass ihnen die Lieferanten keine Zwangsprostituierten auf den Flur stellen, sonst droht Anklage wegen Unterstützung des Menschenhandels. Ein niedersächsischer Bordellchef berichtet von sogenannten Agenturen, die ihm Frauen vermittelt hätten. "Und dann wollten sie bei denen abkassieren." Das stellte er ab. Rainer Lederer, Laufhaus- Betreiber im schwäbischen Sindelfingen, sagt: "Normalerweise rufen Frauen an, um sich zu bewerben, aber wenn mich ein Mann anruft und wenn er dann auch noch zwei oder drei Frauen anbietet, lege ich auf." Lederer war Getränkehändler, sein Kompagnon Immobilienmakler. Sie wollen keinen Ärger.

Damals gab es keine Frau ohne Luden

Der gehörte im Milieu früher immer dazu. Uschi zum Beispiel, die großbusige Herzensdame aus dem Pott, hat schon einiges hinter sich: einen zerschmetterten Kiefer, Messerstiche, einmal eine Kugel gefangen, und einmal hat ihr Lude sie an den Füßen aus dem Fenster gehalten. "Es war nicht alles rosarot." Als sie in den Siebzigern anfing, kam keine Frau ohne Lude in den Puff. Und kein Mann galt dort als Kerl, der nicht selbst eine Frau "laufen" hatte.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 11/2009

 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
Leseratte79 (16.03.2009, 10:12 Uhr)
Zeiten der Not?
Also ich muss jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit an "unserer" berühmt berüchtigten Straße vorbei. Da ich in Wechselschicht arbeite kann ich Euch nur eines sagen: Der Stau Abends auf der Hauptstraße wird nur durch die viel zu kurze Abbiegerspur in eben diese Straße verursacht. Da weichen die Damen aus Platzmangel auf die Hauptstraße aus. Nach Geldnot sieht es da nicht wirklich aus.
gesox (16.03.2009, 09:48 Uhr)
Wir Deutschen...
...brauchen unsere Kraft eben für die Zeugung von Nachkommen. Nach indischem Vorbild können in diesen harten Zeiten wohl nur die Kinder einen im Alter ernähren...
Vincent_Vega (16.03.2009, 09:30 Uhr)
niedergang der Bordelle haben wohl nichts mit DER NOT zu tun
@Xennia; @botoxia
Die wirtschaftliche Krise lenkt nicht davon ab, sich befriedigen zu wollen und die ziwschenemnschlichen Bziehungen zu Hause werden jetzt auch nicht besser sein als vorher;
Es wird schlicht und ergreifend so sein, dass der Freier, der sich sonst etwas hat "gönnen" können, nun nicht mehr das Kleingeld in der Tasche hat. Schließluch will Jeder am Ende des Monats ein bißchen vom Monatsgehalt übrig haben.
provocateur (16.03.2009, 09:00 Uhr)
Spätes Rom...
Charakterbilder Spätroms im Varus-Jahr. Wie schön. Ich frage mich nur, ob die Dame mit dem "Blasrekord" evtl. ein Schleudertrauma davongetragen hat...
botoxia (16.03.2009, 08:41 Uhr)
Hätte nicht geglaubt
dass Männer doch mit was anderem denken können, und beim sich einen schleudern lassen sparen. Oder sind einfach nur die zwischenmenschlichen Beziehungen zu Hause wieder enger geworden, in diesen Zeiten der Not?
peterhamburg (15.03.2009, 23:48 Uhr)
Es geht auch mit dem STERN
Ich muss gar keinen Monitor zur manuellen Selbstbedienung nutzen, das erledigt ja auch jeder zweite STERN-Titelseite mit sinnlos nackten Frauen drauf.
Xennia (15.03.2009, 22:35 Uhr)
andere Prioritäten
Wer Sorgen hat, der denkt nicht permanent an Sex. Die überbordende Sexindustrie des Rotlichtmilieus ist
ein Produkt der Überflußgesellschaft und des Langeweile erzeugenden Wohlstandes. Die wirtschaftliche Krise lenkt von der Sucht ab, sich ständig sexuell befriedigen zu müssen. Dies ist der Hauptgrund für die Krise des Rotlichtmilieus.
Blacky007 (15.03.2009, 20:26 Uhr)
Puffs bekommen Krise weit stärker zu spüren
Erst vor Kurzem habenin Frankfurt zwei Laufhäuder Insolvenz angemeldet - das ist einzigartig in der Geschichte. Aber viele Freier halten halt ihr Geld im Augenlick zusammen. Aber es wird sein wie immer, wo es ein Down gibt, gibt es auch ein Up
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