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5. Juni 2009, 11:54 Uhr

Kampfplatz Hauptschule

Hauptschule, Schlägerei, Lehrer, Schüler

Versagen die Fäuste, kommt das Messer. Eine Gewaltspirale, die fast immer zu Hause ihren Anfang hat© Julian Röder

23. September 08

In Englisch in der 6c lasse ich einen persönlichen "Steckbrief" verfassen. Heino schreibt, dass er einen Hund hat. Auf Nachfragen sagt er, dass er einen Hund hatte. Er habe ihn zum Geburtstag von seinem Vater bekommen. Der Hund, fünf Monate, stammt aus dem Tierheim, Heino nannte ihn Timmy. Ich wollte wissen, wo der Hund jetzt ist. Er musste ihn wieder "abgeben", sagt Heino. Was war passiert? Zwei Tage nach seinem Geburtstag ist Heino mit der Schwester beim Vater und dessen neuer Freundin. Zuerst sind die Kinder mit dem Hund in der Küche; weil sie aber "stören", gehen sie in Heinos Zimmer. Plötzlich "flippt" die Frau aus, erzählt der Elfjährige. Sie will den Hund verprügeln, schmettert das Handy von Heinos Schwester gegen die Wand. Heinos Vater will die Freundin stoppen, "schubst" sie. Die 37-Jährige fällt zu Boden, stellt sich tot. Heino muss Timmy noch am selben Tag weggeben, "in eine Familie auf dem Land". Heino vergräbt das Gesicht in den Händen. Der Junge, der die ganze Zeit reglos erzählt hat, weint jetzt hemmungslos. Ich verspreche ihm, meinen Hund mit in die Schule zu bringen.

23. September 08

Conny aus der 7d zeigt mir in der Deutschstunde seine geschwollene Lippe und bittet um ein Kühlpack. Cafer habe ihm die Faust ins Gesicht gerammt.

23. September 08

In der Pause kommt Martin aus der 8a weinend zu mir und sagt, er sei von Darcan mit dem Ellbogen gestoßen und mehrfach in den Magen getreten worden. Der Grund: Im Kunstunterricht hatte Darcan das Zeichenpapier von Martin in einen Wasserbecher gesteckt und war daraufhin von der Lehrerin Antje Rosgarten ermahnt worden. Für Darcan Grund genug, Martin neben Prügel noch "Todesschläge" anzudrohen. Ich mache ein Formular für die Ordnungskonferenz fertig, halte es Darcan unter die Nase und drohe, dass ihm noch mehr blühe, falls er Martin auch nur ein Haar krümme. Der 15-jährige Marokkaner, der in seiner Freizeit Taekwondo betreibt, fängt an zu weinen. Seine Klassenlehrerin erklärt, dass Darcan bei der kleinsten Beschwerde aus der Schule von seinem Vater windelweich geprügelt würde. Sie habe ihn schon mehrfach mit blauen Flecken gesehen. Ich werfe das Formular in den Papierkorb und beschließe mit Antje, dass Darcan drei Wochen die Klasse fegen muss.

24. September 08

Gertrud Steinert und ich unterhalten uns in der Pause zur dritten Stunde vor ihrer 7a. Aber wir müssen abbrechen, weil in ihrer Klasse mehrere Kinder aufeinander losgehen und ich die 7d eine Deutscharbeit schreiben lassen will. Wenige Minuten nach Unterrichtsbeginn reißt ein Junge die Klassentür der 7d auf, ruft um Hilfe. In der 7a werde geprügelt. Kollegin Steinert steht auf dem Gang und hält sich den Kopf. Einer ihrer Schüler hat ihr einen Stapel Bücher und Hefte an den Kopf geschmissen. Die 59-Jährige hilflos: "Das ist mir in 33 Jahren an der Hauptschule noch nicht passiert." Tränen laufen ihr über die Wangen. "Das muss man sich von einem Rotzlöffel gefallen lassen." Muss man sich das gefallen lassen? Sind Lehrer ohnmächtig? Keine schöne Vorstellung.

24. September 08

Hendrik, 8. Klasse, die blondierten Haare hochgegelt, beschimpft den spanischen Lehrer Carlos Maia. Alle Spanier seien "schwul und homosexuell". Carlos will ihn von den Eltern abholen lassen. Bei Hendrik ist niemand zu Hause. Unterricht? Nur in Law-and- Order-Manier. Du musst einen Spruch mehr und möglichst einen besseren auf Lager haben. Hauptschule heißt, an Grenzen gehen. Immer. Die Gefahr ist, sich vom optimistischen Bildungsvermittler zum lethargisch-resignierten Stundenklopper zu verbiegen. Die Kinder schreien nach Erziehung und klaren schulischen Aufgaben. Sie brauchen Bestätigung und individuelle Förderung, selbst bei einfachsten Übungen. Haupt- und Realschule sowie Gymnasien zur Gemeinschaftsschule zusammenlegen? Wie soll das gehen, wer hat was davon? Hauptschüler sicher nicht. Eva, Marie und Johanna aus der 5c erzählen beim Mittagessen, wie sie auf der Grundschule vier Jahre darunter gelitten hätten, nicht mithalten zu können. "Jetzt habe ich zum ersten Mal eine Zwei geschrieben", sagt Johanna. Hier liegt die große Chance der Hauptschule: Die Verlierer im Wettkampf Schule wieder aufzubauen. Erfolgserlebnisse als Erfolgsrezept.

25. September 08

Der Konrektor schimpft im Lehrerzimmer, dass er "keinen Bock mehr" habe, mit Magenkrämpfen zur Schule zu kommen. Er "hasse" seinen Job.

25. September 08

Eidem aus der 7d bricht auf dem Schulhof zusammen. Der Zwölfjährige trägt ein Herzfrequenzmessgerät, weil sein Herz plötzlich nachts schnell und heftig schlug. Der Notarzt bringt den Bewusstlosen in die Klinik. Zu Hause ist niemand zu erreichen. Als die Ärzte endlich die marokkanischen Eltern am Telefon haben, zieren die sich, den Sohn zu besuchen. Die Ärzte müssen, so erzählt es eine Kollegin, die Eltern mit den Worten "Einer von Ihnen kommt jetzt augenblicklich hierhin" in die Ambulanz zitieren. Denn ohne ihre Einwilligung könnten sie den Jungen nicht versorgen.

25. September 08

Große Pause. Prügelei vor dem Schultor. Rund 150 Schüler feuern Ilgar und Faik an, fast geifernd. Ilgar kassiert mehrere Faustschläge ins Gesicht - eine Lehrerin steht hilflos daneben.

25. September 08

Deutschunterricht in der 8a. Die Tür geht auf, der Direktor kommt mit einer Schülerin. Er sucht ein Mädchen, das diese Schülerin erpresst.

26. September 08

Und auch das gibt es: Anne, Miriam und Ben aus "meiner" 9c haben für mich gekocht, weil sie mir "etwas Gutes" tun möchten. Eine köstlichere Lasagne habe ich selten gegessen. Als ich in der Mensa versuche, das Essen zu genießen, schreit ein Fünftklässler sein Gegenüber an: "Ich töte dich, du kleiner Bastard."

29. September 08 bis 11. Oktober 08

Herbstferien

13. Oktober 08

Erster Schultag nach den Ferien. In der großen Pause steht ein Junge aus der 6. Klasse mit blutender Nase vor dem Rektorzimmer. Ich nehme mir fest vor, Gewalt und Chaos bei den Kollegen zum Thema zu machen.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 23/2009

 
 
KOMMENTARE (10 von 46)
 
ullae (15.06.2009, 16:33 Uhr)
Lehrer
Ach ja: Eine Gesellschaft braucht sich nicht zu wundern, dass Kinder mit Lehrern und Pädagogen so umspringen, schließlich wird ja an jedem Eck ein Witz über diese "faulen Säcke" gemacht.
ullae (15.06.2009, 16:25 Uhr)
Hauptschule hat versagt
Mit der Zusammenlegung von Haupt- und Realschule legt man nun einen Kranken zu einem Gesunden ins Bett, in der Hoffnung, dass der Kranke gesund wird, sehr clever und versucht ganz nebenbei noch einen Fehler durch einen neuen zu egalisiseren! Anstatt die Hauptschulen zu stärken und auch dort Qualität und Leistung - was meiner Meinung nach über Jahre hinweg total versäumt wurde, nämlich durch Kuschelpädagogik und mangelndem Anspruch - abzuverlangen, macht man nun eine gut funktionierende Schulart kaputt! Schulschwänzer und solche, die sich nicht zu benehmen wissen, sollten viel stärker sozialisiert werden und wenn es sein muss durch drakonische Strafmaßnahmen!
ganzbaf (15.06.2009, 09:02 Uhr)
Das "finnische-DDR-System" ist natürlich klar besser

10 gemeinsame Jahre. Dann, je nach Abschlussnote, noch 2 Jahre Schulberechtigung hin zur zur Hochschulreife.
.
Nur dass man vielleicht wirklich spezielle "Interventionsklasen" einrichten sollte, in denen echte Problemschlüler gesondert trainiert und päd. betreut werden.
silberregen (15.06.2009, 08:02 Uhr)
@aeternitas
Ihr Beitrag lässt mich schmunzeln. Also wirklich, bei uns wurden diese von Ihnen genannten handwerklichen Berufe auch gelernt, nicht jeder ist Ingenieur geworden. Es geht um eine gute Allgemeinbildung. Und das ist bei einer Hauptschule und den Zuständen dort wie im Artikel geschildert nicht gegeben.
Bei uns hat jeder egal ob er Bäcker, Krankenpfleger, Lehrer oder Büromensch geworden ist das gleiche gelernt, also die Naturwiss., Techn. Zeichnen, Astronomie, Geschichte, Mathe, Fremdsprachen usw... auch Musik, Kunst usw.
Das ist Allgemeinbildung, nicht die Spassfächer von der Hauptschule. Auch in handwerklichen Berufen sollte schon aus Neugier eine grosse Allgemeinbildung vorhanden sein. Es muss ja nicht Latein sein, das brauchen wirklich nur einzelne Berufszweige.
Und noch zum nachdenken: nennt mir einen Politiker oder Manager, der seine Kinder an eine Hauptschule schickt!
Wenn die nämlich soooooooo zukunftsbildend ist wie Ihr glaubt, wären dort auch deren Kinder .
aeternitas (15.06.2009, 07:57 Uhr)
Die Hauptschüler
können auch ohne die studierten leben, wir aber nicht ohne die, da sollte man nicht vergessen. Oder welcher Abiturient meldet sich freiwillig zu einem der unten genannten Berufe? Ich kenne einige, die ins Handwerk oder in Pflegeberufe gegangen sind, aber das ist eine Minderheit!
Es wird vielleicht noch zu unseren Lebzeiten soweit kommen, dass wir keine Informatiker mehr brauchen, keine Mathematiker, keine Philosophen, keine Ingenieure sondern Leute, die wissen wie man Gemüse anbaut, Lebensmittel und Textilien herstellt, ein Haus baut und nicht nur, wie man seine Statik berechnet....
aeternitas (15.06.2009, 07:49 Uhr)
Ist die Hauptschule ausreichend?
"Wo haben Sie den Ihren Ehrgeiz gelassen etwas mehr aus Ihren Leben zu machen?"
Ähm nicht jeder möchte sein Leben lang einen Schreibtischjob haben! Es soll auch Leute geben, die einen der folgenden Berufe ergreifen wollen:
- Bäcker
- Metzger
- Zimmermann
- Dachdecker
- Maurer
- ALTENPFLEGER!
etc.
Würden uns diese Leute fehlen, wir würden ganz schön dumm aus der Wäsche schauen. Mehr als wenn viele studierten fehlen würden, die würde nämlich erstmal keiner vermissen. Sie sollten es mal so sehen: die einen haben eine Gabe, die sie nutzen wollen (geschickte Hände, keinerlei Berührungsängste mit Alten, die Liebe zum Bauen mit Holz, das Verlangen körperlich tätig zu sein) und die anderen haben entweder die Gabe nicht oder wollen schlicht nicht körperlich tätig sein, und damit die nicht ganz leer ausgeben, wurden Bürojobs für sie geschaffen... das Handwerk war da BEVOR es das Bürowerk gab. Oder die Unis. Und wenn es hart auf hart kommt, ist es wichtiger zu wissen, wie man ein Tier schlachtet und sein Fleisch verarbeitet ohne dass es verdirbt, als wenn man gewaltige mathematische Operationen versteht oder das Spätwerk von Seneca mit den Ansichten moderner Philosophen vergleichen kann.
silberregen (15.06.2009, 07:15 Uhr)
@Dorf_NKB
Ihre Ansichten finden nicht meine Zustimmung, das was ich an den Kölner Hauptschulen beobachten kann entspricht genau den Schilderungen des Autors.
Ich bedauere jeden Pädagogen, der es mit solchen Assis zu tun hat. An Ihren Äusserungen kann ich auch den Hauptschüler "rauslesen" und sind Sie stolz darauf Hauptschüler zu sein? Wo haben Sie den Ihren Ehrgeiz gelassen etwas mehr aus Ihren Leben zu machen?
Hauptschule das ist ausreichend?! Also ich kann jeden Personalleiter voll verstehen, wer Hauptschüler ablehnt.
Und ich muss Ihnen sagen - ja es war früher besser an den Schulen, ich spreche da von meiner Schulzeit 1959-69 - na wahrscheinlich zähle ich für Sie als alte Schachtel, naja juckt mich nicht wirklich ;-)
Aber glauben Sie mir, es war wirklich besser. Wir haben damals mehr gelernt als heutzutage selbst an Gymnasien geboten wird. Und solche Spassdinge Fach abwählen , und dafür ein Spassfach wählen, gabs bei uns nicht. Wir haben keine Spassfächer gehabt, bei uns zählte die Allgemeinbildung und die Naturwissensch. Fächer wurden von der 5.-10. bzw bis zum Abi ohne Pausen jedes Jahr gelehrt. Hier ist doch so ein Irrsinn mal gibts ein halbes Jahr Biologie , dann kommt ein halbes Jahr Chemie, dann mal ein bischen Physik, ...dann kann mans abwählen wenns kein Spass macht und dafür Kochlöffel schwingen lernen. Natürlich hat so eine Hauptschulbildung nur Spasswert.
Das kann man ja am Verhalten der Schüler genau beobachten.
Sie brauchen sich also nicht als Elite sehen.
Und noch was...
bei uns damals wurde wirklich nicht geprügelt, es waren Lehrer als Aufsicht immer da, auch in den Pausen, und die hätten eingegriffen.
Wir sind in den Pausen noch im Schulhof im grossen Kreis langsam spaziert, sowas wie heute wie enorm lauter Lärm und mobben und andere Kinder erpressen gabs nicht.
Also stellt Euch nicht als Elite hin.
Und aus uns ist jedenfalls etwas geworden. Ich habe nach Schule und Berufsausbildung in den 70igern sogar noch ein Fernstudium an einer Ingenierschule erfolgreich durchgezogen. Uns hat unsere Schulzeit etwas gebracht.
Bei den Schülern heute sehe ich es so...na bringen wir den tag mal vorbei in der Schule... Kumpels, Handy, Alk, usw zählen mehr, sind wichtiger als der Lehrer der da vorn steht. Das ist traurig.
Mich selbst würde noch interessieren, ob die heutigen Schüler überhaupt noch aufstehen wenn der Lehrer ins Klassenzimmer kommt ...ich glaube eher nicht. Die Kapuzen und Mützen lasst Ihr ja auch auf... da sieht man Eurern Respekt.
Null Respekt. Schämt Euch Ihr Hauptschüler.
Dorf_NKB (15.06.2009, 00:48 Uhr)
Realität???
Hallo erstmal
Ich frage mich beim lesen der Kommentare ob der Nationalsozialismus zurückkommt!
Was ich aus den Beiträgen herauslesen konnte ist ganz einfach.
1. Früher war alles besser!
(Da haben sich die Kiddis nicht auf dem Schuhhof geprügelt. Dafür haben aber einige Studenten Bombenanschläge verübt.)
2.Die 68 und die Politk ist schuld!
(Sorry Leute aber IHR habt die Leute gewählt)
3. Es sind die Ausländerkinder und Muslime!
(Is das nicht etwas zu einfach????)
Nun mal Tacheles:
Was ich bemerkenswert finde sind 3 Sachen in diesem Artikel.
1 Der Artikel fängt damit an das ein Vertretungslehrer nicht auftaucht. Also nicht nur das der eigentliche Lehrer wahrscheinlich krank ist sondern auch das es nicht geschafft wird einen anderen zu schicken.(Das sollte sich mal jemand in der Wirtschaft erlauben)
2. 1/4 der Lehrer ist krank. Ja ich weiß der ganze Stress 6 h zu unterrichten. Aber jetzt mal ehrlich wieso sollten die Kinder zum Unterricht erscheinen wenn es nur 3/4 der Kollegiums schaffen?
3. Ich habe in diesem Artikel so häufig von Körperverletzungen gelesen das ich es etwas unglaubwürdig fand. Schlimmer war aber für mich die Feststellung das (falls der Author das nicht weggelassen hat) in keinem dieser Fälle Anzeige erstattet wurde! Ich glaube nicht das alle Kinder unter 14 waren .
Ich hoffe das die Lehrer sich mal zusammenreißen und sich wenn nötig Hilfe von außen holen.
Wenn Muslimische Kinder immer wieder aufsässig sind sollte man mal mit den Eltern reden oder villeicht mal den Iman der Moschee fragen.
Es gibt so viele Möglichkeiten. Aber das immer nur auf die Kinder , nur auf den Staat oder nur auf die Lehrer zu schieben finde ich ziemlich assi.
Gruß
NKB
PS.: Ich bin auch ein Hauptschüler :-)
ekaaat (14.06.2009, 22:19 Uhr)
führerschein nur mit hauptschulabschluss
das motiviert
ganzbaf (14.06.2009, 20:57 Uhr)
Keine SCHULPFLICHT...

sondern Schule als Angebot.
Und wer sich weigert oder groben Unfug anstellt, dessen Eltern wird das Kindergeld gestrichen.
-
Nicht schlecht ;-?
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