
Versagen die Fäuste, kommt das Messer. Eine Gewaltspirale, die fast immer zu Hause ihren Anfang hat© Julian Röder
In Englisch in der 6c lasse ich einen persönlichen "Steckbrief" verfassen. Heino schreibt, dass er einen Hund hat. Auf Nachfragen sagt er, dass er einen Hund hatte. Er habe ihn zum Geburtstag von seinem Vater bekommen. Der Hund, fünf Monate, stammt aus dem Tierheim, Heino nannte ihn Timmy. Ich wollte wissen, wo der Hund jetzt ist. Er musste ihn wieder "abgeben", sagt Heino. Was war passiert? Zwei Tage nach seinem Geburtstag ist Heino mit der Schwester beim Vater und dessen neuer Freundin. Zuerst sind die Kinder mit dem Hund in der Küche; weil sie aber "stören", gehen sie in Heinos Zimmer. Plötzlich "flippt" die Frau aus, erzählt der Elfjährige. Sie will den Hund verprügeln, schmettert das Handy von Heinos Schwester gegen die Wand. Heinos Vater will die Freundin stoppen, "schubst" sie. Die 37-Jährige fällt zu Boden, stellt sich tot. Heino muss Timmy noch am selben Tag weggeben, "in eine Familie auf dem Land". Heino vergräbt das Gesicht in den Händen. Der Junge, der die ganze Zeit reglos erzählt hat, weint jetzt hemmungslos. Ich verspreche ihm, meinen Hund mit in die Schule zu bringen.
Conny aus der 7d zeigt mir in der Deutschstunde seine geschwollene Lippe und bittet um ein Kühlpack. Cafer habe ihm die Faust ins Gesicht gerammt.
In der Pause kommt Martin aus der 8a weinend zu mir und sagt, er sei von Darcan mit dem Ellbogen gestoßen und mehrfach in den Magen getreten worden. Der Grund: Im Kunstunterricht hatte Darcan das Zeichenpapier von Martin in einen Wasserbecher gesteckt und war daraufhin von der Lehrerin Antje Rosgarten ermahnt worden. Für Darcan Grund genug, Martin neben Prügel noch "Todesschläge" anzudrohen. Ich mache ein Formular für die Ordnungskonferenz fertig, halte es Darcan unter die Nase und drohe, dass ihm noch mehr blühe, falls er Martin auch nur ein Haar krümme. Der 15-jährige Marokkaner, der in seiner Freizeit Taekwondo betreibt, fängt an zu weinen. Seine Klassenlehrerin erklärt, dass Darcan bei der kleinsten Beschwerde aus der Schule von seinem Vater windelweich geprügelt würde. Sie habe ihn schon mehrfach mit blauen Flecken gesehen. Ich werfe das Formular in den Papierkorb und beschließe mit Antje, dass Darcan drei Wochen die Klasse fegen muss.
Gertrud Steinert und ich unterhalten uns in der Pause zur dritten Stunde vor ihrer 7a. Aber wir müssen abbrechen, weil in ihrer Klasse mehrere Kinder aufeinander losgehen und ich die 7d eine Deutscharbeit schreiben lassen will. Wenige Minuten nach Unterrichtsbeginn reißt ein Junge die Klassentür der 7d auf, ruft um Hilfe. In der 7a werde geprügelt. Kollegin Steinert steht auf dem Gang und hält sich den Kopf. Einer ihrer Schüler hat ihr einen Stapel Bücher und Hefte an den Kopf geschmissen. Die 59-Jährige hilflos: "Das ist mir in 33 Jahren an der Hauptschule noch nicht passiert." Tränen laufen ihr über die Wangen. "Das muss man sich von einem Rotzlöffel gefallen lassen." Muss man sich das gefallen lassen? Sind Lehrer ohnmächtig? Keine schöne Vorstellung.
Hendrik, 8. Klasse, die blondierten Haare hochgegelt, beschimpft den spanischen Lehrer Carlos Maia. Alle Spanier seien "schwul und homosexuell". Carlos will ihn von den Eltern abholen lassen. Bei Hendrik ist niemand zu Hause. Unterricht? Nur in Law-and- Order-Manier. Du musst einen Spruch mehr und möglichst einen besseren auf Lager haben. Hauptschule heißt, an Grenzen gehen. Immer. Die Gefahr ist, sich vom optimistischen Bildungsvermittler zum lethargisch-resignierten Stundenklopper zu verbiegen. Die Kinder schreien nach Erziehung und klaren schulischen Aufgaben. Sie brauchen Bestätigung und individuelle Förderung, selbst bei einfachsten Übungen. Haupt- und Realschule sowie Gymnasien zur Gemeinschaftsschule zusammenlegen? Wie soll das gehen, wer hat was davon? Hauptschüler sicher nicht. Eva, Marie und Johanna aus der 5c erzählen beim Mittagessen, wie sie auf der Grundschule vier Jahre darunter gelitten hätten, nicht mithalten zu können. "Jetzt habe ich zum ersten Mal eine Zwei geschrieben", sagt Johanna. Hier liegt die große Chance der Hauptschule: Die Verlierer im Wettkampf Schule wieder aufzubauen. Erfolgserlebnisse als Erfolgsrezept.
Der Konrektor schimpft im Lehrerzimmer, dass er "keinen Bock mehr" habe, mit Magenkrämpfen zur Schule zu kommen. Er "hasse" seinen Job.
Eidem aus der 7d bricht auf dem Schulhof zusammen. Der Zwölfjährige trägt ein Herzfrequenzmessgerät, weil sein Herz plötzlich nachts schnell und heftig schlug. Der Notarzt bringt den Bewusstlosen in die Klinik. Zu Hause ist niemand zu erreichen. Als die Ärzte endlich die marokkanischen Eltern am Telefon haben, zieren die sich, den Sohn zu besuchen. Die Ärzte müssen, so erzählt es eine Kollegin, die Eltern mit den Worten "Einer von Ihnen kommt jetzt augenblicklich hierhin" in die Ambulanz zitieren. Denn ohne ihre Einwilligung könnten sie den Jungen nicht versorgen.
Große Pause. Prügelei vor dem Schultor. Rund 150 Schüler feuern Ilgar und Faik an, fast geifernd. Ilgar kassiert mehrere Faustschläge ins Gesicht - eine Lehrerin steht hilflos daneben.
Deutschunterricht in der 8a. Die Tür geht auf, der Direktor kommt mit einer Schülerin. Er sucht ein Mädchen, das diese Schülerin erpresst.
Und auch das gibt es: Anne, Miriam und Ben aus "meiner" 9c haben für mich gekocht, weil sie mir "etwas Gutes" tun möchten. Eine köstlichere Lasagne habe ich selten gegessen. Als ich in der Mensa versuche, das Essen zu genießen, schreit ein Fünftklässler sein Gegenüber an: "Ich töte dich, du kleiner Bastard."
Herbstferien
Erster Schultag nach den Ferien. In der großen Pause steht ein Junge aus der 6. Klasse mit blutender Nase vor dem Rektorzimmer. Ich nehme mir fest vor, Gewalt und Chaos bei den Kollegen zum Thema zu machen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 23/2009