Die Unsicherheit dieser jungen Mäner bleibt ja weiterhin bestehen. Auch wenn sie immer radikaler werden, erfahren sie nie Entspannung oder ein Gefühl von Glück, nach dem sie sich so sehnen. Das Selbstmordattentat bietet die Möglichkeit, leicht und bequem ein vom Scheitern ehrgeiziger Wünsche, von mangelnder Anerkennung behelligtes Leben in einer einzigen Tat zu beenden. Der Augenblick vor einem Selbstmordattentat ist ein Moment der Selbstidealisierung: Ich bin endlich angekommen. Ich bin gut. Ich bin stabil. Und bevor dieses Gefühl gleich wieder zusammenbricht, gibt es die Alternative, sich zu sprengen. Dann ist man für immer oben.
Es mag verführerisch klingen, die eigene klägliche Wohnung und Ehefrau gegen einen Palast und 99 Jungfrauen zu tauschen. Ich denke aber nicht, dass das im Erleben der Täter eine Rolle spielt. In ihren Fantasien ist es viel mehr dieses narzisstiche Suizidmotiv: Keine Schmerzen mehr empfinden, keine Qualen, keine Unsicherheiten. Das ist ein zentraler Trost.
Der Terror hängt zeithistorisch mit der Entwicklung der Massenmedien und des Dynamits zusammen. Es ist etwas völlig anderes, ob Sie sich und andere in die Luft sprengen oder ob Sie mit einem Schwert Amok laufen. Da sehen Sie die Menschen und ihre Verletzungen und müssen sich damit auseinandersetzen. Dagegen ist das Sprengen wie Zapping am Bildschirm. Man schaltet einfach aus. Und das vermittelt dem Täter: Ich schalte ja nur. Ich sorge ja nur dafür, dass etwas Unvollkommenes beendet wird und bin dann vollkommen.
Wichtig ist, dass man diese Terroristen als ganz gewöhnliche Verbrecher behandelt. Es ist unglaublich schwer für den Rechtsstaat, angesichts der enormen Provokation souverän zu bleiben. Zu dieser Souveranität gehört auch, dass der Staat offenlegt, wie er ermittelt hat. Wen er in diese Gruppe eingeschleust hat, wer echter Täter und wer V-Mann war.
Wenn jemand, um den sich bislang nie jemand gekümmert hat und den keiner ernst genommen hat, plötzlich beobachtet, was für ein Aufwand ihm zuliebe betrieben wird, der auch noch Hunderttausende von Euro kostet, dann fühlt sich dieser junge Mann natürlich aufgewertet. Und das beflügelt ihn. Da kommen auch die Medien ins Spiel: Was den Terrorismus am meisten fördert, ist die öffentliche Berichterstattung. Wobei sich andererseits die Öffentlichkeit mit diesem Thema auseinandersetzen muss. Ein Dilemma, ganz klar.
Man kann sich schon mehr als bisher fragen: Wie kann man eine Prophylaxe gegen Terroristenkarrieren aufbauen? Wie kann man verhindern, dass Jugendliche verführbar werden?
Man müsste mehr in die Verhinderung von Frühschäden bei Kinder investieren. Mehr in Angebote an Jugendliche. Es gab eine Zeit lang viele gute Angebote, vor allem aus dem Bereich der Erlebnispädagogik. Die wurden zu einem großen Teil eingespart. Aber man muss sich schon fragen: Was kostet es, selbst Erlebnispädagogik anzubieten? Und was kostet es, die andere Art von Erlebnispädagogik zu überwachen, nämlich die Reise ins pakistanische Ausbildungscamp?