
Altenpflegerin Annett Müller, 40, ist die bekannteste Liedermacherin der rechten Szene© Arnold Morascher
"Es gibt nicht nur Rechtsrock, sondern auch rechten HipHop und rechten Techno", sagt Cindy. "Wenn die Jugendlichen meinen Worten nicht zuhören, weil sie verblendet sind", erklärt sie, "bekomme ich sie halt über die Musik". Auch Judith Rothe, stellvertretende Bundessprecherin des RNF, nutzt die Tatsache, dass man sie oft nicht erkennt. Selbst Bündnisse gegen Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus habe sie besucht und ihre Meinung kundgetan - häppchenweise. Sie sei auch gegen Gewalt, habe sie einfließen lassen und später hinzugefügt: gegen linke Gewalt und Ausländerkriminalität. Wenn sie nicht gleich verrate, dass sie in der NPD ist, erfahre sie oft Zustimmung. Zum Interview hat sich die 28-Jährige ein Café ausgesucht, altmodisch mit holzgetäfelten Wänden. Ein paar Tische weiter haben sich vier ältere Damen zum Kaffeeklatsch zusammengefunden. Eine lächelt herüber. Vielleicht denkt sie, dass Judith Rothe wie die perfekte Schwiegertochter aussieht: randlose Brille, Nadelstreifenanzug, ein verschmitztes Lächeln. "Wir reden noch persönlich mit dem Bürger", sagt Judith Rothe. Sie hat eine sanfte Stimme, einfühlsam, verständnisvoll.
Anfang des Jahres sei sie persönlich von Tür zu Tür gegangen, um Unterschriften zu sammeln, dafür, dass die NPD bei den Kreistagswahlen in Sachsen-Anhalt antreten dürfe. Dabei, erzählt sie, habe sie einmal ein Mann angesprochen, verblüfft, weil sie ja ganz normal sei - "so wie wir auch". "Guter Mann", habe sie daraufhin erwidert, "was haben Sie denn erwartet? Dass ich mit Springerstiefeln rumstehe?" In Sotterhausen, dem Dorf, in dem Judith Rothe und ihr Lebensgefährte Enrico Marx mit ihren beiden Kindern leben, erhielt sie bei den Kreistagswahlen 15 Prozent der Stimmen. Der RNF kommentiert auf seiner Website: "Dies zeigt einmal mehr überzeugend, dass dort, wo die Kandidaten persönlich bekannt sind, wo die Menschen wissen, dass sie es mit ehrlichen Bürgervertretern zu tun haben, die Wahlergebnisse am besten sind." Probleme mit Nachbarn oder anderen Eltern habe sie keine, behauptet Judith Rothe. Sie sei sogar im Elternrat an der Schule ihrer Söhne. "Von 24 Eltern gewählt", sagt sie stolz. Obwohl die wüssten, wer sie und ihr Lebensgefährte seien. Wieder ein verschmitztes Lächeln. Enrico Marx, der im Verfassungsschutzbericht Sachsen-Anhalts als "bekannter Neonazi" beschrieben wird, ist ein bulliger Kerl, tätowiert, Glatze.
Auf seinem Hof organisiere er "wiederholt Musikveranstaltungen mit rechtsextremistischen Bands", an denen bis zu "300 Personen aus dem gesamten Bundesgebiet teilnahmen". Bei Enrico Marx und Judith Rothe laufen viele Fäden zusammen. Er produziert und vertreibt rechte Musik, ist Leiter des lokalen JN-Stützpunkts und Kameradschaftsführer. Sie sitzt im Kreistag und ist RNF-Mitglied - aus NPD-Sicht ein Traumpaar. Wenn sie beruflich unterwegs sei, erzählt Judith Rothe, kümmere sich ihr Lebensgefährte um die beiden Kinder, koche, mache die Wäsche. Das sei für ihn kein Problem. Dass die Polizei jedes Wochenende Männer vor ihrem Grundstück positioniert, der Verfassungsschutz sie beobachtet, Polizeitrupps die Veranstaltungen in ihrem Haus stürmen, hält sie für Schikane. Das seien Treffen mit Freunden, bei denen man Kaffee trinke, grille, musiziere. Seit Juni stehen am Landgericht Halle drei junge Männer und eine Frau wegen versuchten Mordes und Brandstiftung auf ein Asylantenheim vor Gericht. Judith Rothe und Enrico Marx sind als Zeugen geladen. Kurz vor der Tat waren die mutmaßlichen Täter bei einem Fest auf ihrem Hof. "Wir haben damit nichts zu tun."
Judith Rothes Stimme wird energisch. Von Gewalt, verfassungswidrigen Emblemen, Musik, die zu Angriffen auf Ausländer aufruft, will sie nichts wissen. "Im Zuge von Auflösungen derartiger Veranstaltungen", heißt es hingegen im Verfassungsschutzbericht, "wurden Devotionalien der rechtsextremistischen Szene sichergestellt, darunter zwei Fahnen mit verbotenen Emblemen und eine Hitlerbüste." Außerdem biete Marx der Szeneband "Hate Soldiers" ein Podium. "Gewalt", sagt Judith Rothe, sie betont jede Silbe einzeln, "bringt gar nichts." Nur über Politik könne man bewirken, dass Ausländer "nach Hause" zurückkehrten, in ihre Länder. "Dorthin, wo sie hingehören." Aber die Polizeistürmungen seien schon ein Problem. Vor einiger Zeit wären Beamte wieder einmal "unberechtigt" auf ihr Grundstück vorgedrungen und hätten mit Knüppeln auf ihre Gäste eingeschlagen - vor den Augen der Kinder. "Die hatten danach richtig Angst vor der Polizei", sagt sie. Sie habe deswegen die Polizei vor Ort angesprochen, man kenne sich ja. "Die Kinder durften sich ins Polizeiauto setzen und die Kelle in die Hand nehmen", erzählt sie. Seither wissen ihre Söhne, heute sieben und neun, dass es beides gibt: gute und böse Polizisten.
Und was erklärt sie den Kindern, wenn in der Schule das Thema Nationalsozialismus angesprochen wird? Schon jetzt wüssten die Söhne, dass man nicht alles glauben muss, was die Lehrerin sagt. "Und bis das durchgenommen wird", sagt sie, "habe ich sie so weit, dass sie in der Schule das sagen, was der Lehrer hören will, und zu Hause wird’s ein anderes Geschichtsbild geben." Wenn man Gitta Schüßler auf das Thema Nationalsozialismus anspricht, verdreht sie die Augen. "Wir sind eine Partei, die in die Zukunft blickt, nicht in die Vergangenheit." Sie spricht lieber die Probleme der Gegenwart an: Hartz IV, mangelnde Anerkennung von Müttern, zu viel Multikulti. "Der Nationalsozialismus hat mit unserer Politik nichts zu tun." Seltsam nur das Plakat, das in ihrem "Bürgerbüro" im sächsischen Meerane hängt, gleich neben gerahmten Abbildungen von Fachwerkhäusern und romantischen deutschen Gassen. Es ist eine Persiflage der "Bild"-Zeitungs-Kampagne "Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht".
Das Plakat in Gitta Schüßlers Büro zeigt nicht etwa Alice Schwarzer oder Mahatma Ghandi wie in der Originalkampagne, sondern Joseph Goebbels. "Ein Scherz", Gitta Schüßler lacht, wenn man sie auf das Plakat anspricht. Das sei "nicht weiter" ernst gemeint. Sechs Wochen nach dem "JN-Sachsentag" steht sie wieder hinter ihrem Losstand, diesmal in Hannover beim Wahlkampfauftakt der NPD Niedersachsen. Vorn auf dem Tisch liegen frisch gedruckte Flugblätter "Deutschland ist auch Frauensache" - bezahlt vom Erlös beim Losverkauf auf dem "Sachsentag". Wieder steht sie am Rand, während vorn in der fensterlosen Halle die Männer flammende Reden halten. Nur eine tritt an diesem Tag ans Mikrofon, füllig, mit schulterlangem blondem Haar, sportlich gekleidet, in der Hand eine Gitarre: Annett, die "begnadete Liedermacherin", wie Gitta Schüßler schwärmt. "Es ist Zeit zu rebellieren, es ist Zeit, um aufzustehn." Sie grölt nicht, sie singt. Einige Kameraden stimmen mit ein. Annett Müller, 40, hauptberuflich Altenpflegerin, ist die bekannteste Liedermacherin der rechten Szene. Die Themen ihrer Lieder ähneln den Reden der Männer.
Aufstehen für Deutschland, Kämpfen gegen die Überfremdung, denn sonst - ihre Stimme hallt über die Köpfe der Kameraden hinweg: "Vermischung pur, ist das das Ende vom Lied und es eine Minderheit an Deutschen in ihrem Deutschland gibt." Donnernder Applaus. Nach ihrem Auftritt schlendert sie am Losstand vorbei. Sie angelt sechs Lose aus der Schale, die ihr Gitta Schüßler entgegenhält. "Wahrscheinlich gewinne ich meine eigene CD", scherzt Annett. Sie reißt das erste Los auf. Tatsächlich ein Gewinn. Ein Buch über Schmetterlinge. "Nein danke, lass mal." Annett lacht und legt das Buch zurück auf den Tisch. "Ich gebe das als Spende zurück." "Nimm wenigstens einen Trostpreis." Gitta Schüßler greift in ein Körbchen voller bunter Steintiere, nimmt ein kleines, rostbraunes Schweinchen heraus und drückt es Annett in die Hand. Es stammt aus dem Bestand des Esoterikladens, den sie vor dem Landtagseinzug betrieben hat. Annett betrachtet das Tierchen und grinst. "Passt ja", sagt sie, "’ne braune Sau."
Die Recherche zu dieser Reportage wurde durch das Gabriel-Grüner-Stipendium der Agentur Zeitenspiegel ermöglicht.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 45/2007