
Immer bewacht: Blechschmidt war mehrere Monate in der Gewalt der Kidnapper© Pajhwak News Agency/AP
Überhaupt nichts hatten wir, es war stockfinster. Einer hat gezogen, einer hat mir mit der AK 47 ins Kreuz gehauen. Wir waren natürlich die Langsamsten. Die haben mich dann getrennt von Diedrich, weil ich viel schneller war. Und da kamen wir oben auf so ein Plateau. Es war bitterkalt. Diedrich und ich im kurzärmeligen Hemd. Wir haben nach Wasser gefragt, aber die Taliban hatten beide Kanister leer getrunken. Dann hab ich Diedrich gesagt: "Du musst deinen Urin trinken." Ich hab auch meinen Urin getrunken. Ich habe ja früher in Saudi- Arabien gearbeitet, ich kannte das von den Beduinen, das macht nichts. Diedrich hat gesagt, er kann das nicht. Weil’s so kalt war, hab ich gesagt: "Didi, wir nehmen uns in den Arm und wärmen uns gegenseitig." Wir lagen auf dem Boden. Und dann ging’s weiter. Wieder oben rauf. Die haben uns da hochgetrieben ...
Ja. Immer höher.
Vielleicht eine Stunde. Die haben auf die Nachzügler gewartet, und dann weiter. Und das war dann der Rhythmus. Laufen, kurze Rast, laufen, kurze Rast. Man hat nichts gesehen, wir sind bloß über die Steine gestolpert, mal dahin gefallen, mal dorthin gefallen. Weiter oben hab ich gesagt: "Es hat keinen Zweck, ich muss mit den Leuten mal reden, das bringt ja nichts." Ich bin zu einem Anführer, der etwas Englisch gesprochen hat, und hab gesagt: "Was habt ihr mit uns vor? Wenn ihr uns erschießen wollt, erschießt uns gleich. Es bringt ja nichts, dass ihr uns da so hochtreibt, und wir werden dann vielleicht morgen erschossen. Da können wir uns die Mühe sparen." Der Anführer hat gesagt: "Nein, ihr bleibt am Leben. Wir müssen halt sehen, dass wir weiterkommen." Die wollten natürlich weg von dem Punkt, wo sie uns festgenommen hatten. Aus Angst vor Suchmannschaften.
Schlecht, die Luft war einfach weg. Ich war kurzatmig. Wir waren ja auf 3.000, 3.500 Metern da oben. Jeder Schritt hat unheimlich Kraft gekostet, und wir mussten die Ausrüstung tragen. Ich hatte so einen Sack mit Munition, MG-Munition, da waren ungefähr 1.000 bis 1.500 Schuss drin. Und Diedrich sollte die Sprengköpfe von den Granatwerfern tragen. Er hat’s versucht, aber dann sagt er, er hat so Schmerzen in den Beinen, er kann nicht mehr laufen. Also hab ich mit dem Anführer gesprochen: "Der Mann ist schwer krank, der kann nicht laufen, warum könnt ihr ihn nicht freilassen? Es reicht ja, wenn ihr eine Geisel habt, einen Deutschen."
Ach, das interessiert die gar nicht. Die sagen "hopp oder topp", die haben da eine andere Einstellung. Ich hab zu Diedrich gesagt: "Ich bleib bei dir." Die Anführer waren schon vorgelaufen, nur noch die Jungen waren da, so 25 Jahre alt, Sadisten. Mich wollten sie wegzerren, da hab ich mich nicht wegzerren lassen, da haben sie mich zusammengeschlagen und weggezerrt von Diedrich. Ich hab mir gesagt: "Du musst durchhalten." Und nach einer Stunde war da ein kleiner Bach, und wir konnten trinken und die Wasserkanister auffüllen. Und dann ging es wieder den Berg hoch, so einen großen Berg. Ich hab gar keine Pausen mehr gemacht. Dachte, wenn du dich ausruhst, wirst du noch müder, lauf durch! Man läuft wie in Trance, keucht, denkt: keinen Schritt mehr. Und dann immer noch, immer noch, immer noch. Und nicht nach oben schauen, immer bloß unten hin, dass man nicht sieht, wie hoch das noch geht.
Viel weiter hinten. Und mit einem Mal, da waren wir eine halbe Stunde hinter dem Bach, da gab’s zwei Salven, so bu-bupp, bu-bupp. Zweimal vier Schuss. Dann hab ich gedacht, jetzt haben sie wahrscheinlich den Herrn Diedrich erschossen.
Ich hab das gespürt.
Ich hab Hass gehabt auf die Leute. Und gesagt, wenn ich sterben muss, dann nehm ich noch ein paar mit. Die waren ja alle mit Handgranaten behängt. Ich hätt bloß einen zu packen brauchen und die Handgranate abziehen. Das wär alles gewesen.
Es war ja noch ein Hügel dazwischen. Wo es den Hang raufging, hatte er sich hingesetzt und gesagt, er läuft keinen Schritt mehr. Da hat einer von den Jungen ihn erschossen.
Klar. Und der war auch noch stolz darauf. Hat mir ja hinterher noch den Ausweis von Herrn Diedrich gezeigt, ganz stolz, und gesagt: "Den hab ich ins Jenseits befördert."
Der Mörder von Diedrich hat mir gesagt: "So wirst du auch enden." Hat mir verschiedene Todesarten angedroht. Kehle durchschneiden. Mit Handgranaten in die Luft sprengen. Diese Jungen, die waren sehr aggressiv, die kamen gerade aus einem Kampfeinsatz in Helmand und hatten viele Leute verloren. Sie haben gesagt: Ihr Deutschen, ihr seid wie die Amerikaner, eure Tornados ...
Die haben immer gesagt: Eure intelligenten Flugzeuge, intelligent planes. Deswegen wurden wir ja auch dauernd verlegt, weil die Angst hatten, dass wir aus der Luft beobachtet werden.
Ich sagte: "Ich kann umfallen, dann bin ich auf der Stelle tot, dann habt ihr überhaupt nichts von mir." Das hat der alles zur Kenntnis genommen, der Sadist, und gesagt: "Allah bestimmt." Er selbst habe da nichts mit zu tun, wenn Allah das will, dass ich sterbe, dann sterbe ich. Wenn er nicht will, sterbe ich nicht. Ich mein, das ist ein einfaches Rezept. Man muss bloß dran glauben. Er hat mich dann so lange bearbeitet, dass ich den Munitionssack wieder genommen hab. So nach 150 Metern war die Luft raus, da konnte ich wirklich nicht mehr. Ich hab den Sack hingestellt, hab mich hingesetzt, und er mit seinem Gewehr sagt: "Sack nehmen, hoch!" Ich hab gesagt: "Den Sack trag ich nicht. Du bist ein junger Moslem. Im Koran steht, du sollst das Alter achten." Da ging das hin und her. Da hat er durchgeladen und mir den Lauf auf den Bauch gehalten und gesagt, wenn ich den Sack nicht nehm und hochlauf, erschießt er mich hier. Und ich hab den Lauf genommen und gesagt: "Erschieß mich." Ich wusste ja, der kann mich nicht erschießen, die wollten ja Geld. Da hat er vor Zorn gebebt.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 45/2007