
Früher Krupp, heute Linkspartei: Helmut Laakmann© Hardy Müller
Helmut Laakmann sitzt im "Reichsadler", einer legendären Tränke in der Nähe der mittlerweile abgewickelten Krupp-Hütte in Duisburg-Rheinhausen, und erzählt vom Kampf. Das Bier kostet einen Euro zwanzig, das Mittagessen drei achtzig. Früher, als Krupp hier das modernste Hüttenwerk Europas betrieb, war der Reichsadler rund um die Uhr geöffnet, "dreischichtig". Mittlerweile hocken dort Rentner beim Preisskat. Laakmann, 59, Kommunalpolitiker der Linken, war jener Arbeiterführer, der 1987 der von Entlassung bedrohten Belegschaft zurief: "Kruppsche Arbeiter, nehmt die historische Chance wahr, um das auszufechten, was wir ausfechten müssen." Rheinhausen machte trotzdem dicht, aber Laakmann erinnerte die Leute immerhin an ihren Stolz und half mit, einen ordentlichen Sozialplan auszuhandeln. Auf dem ehemaligen Hüttengelände hat sich nunmehr Logport angesiedelt, das Logistik-Zentrum des Duisburger Hafens, die jüngste Erfolgsgeschichte im Pott. Dort entstehen Tag für Tag neue Arbeitsplätze, und abends donnern die Lastwagen durch Rheinhausen, auf ihren Rücken die Container, und die Gläser wackeln auf den Tischen. Das Brummen der Lkws ist die Geräuschkulisse des heutigen Rheinhausen. Logistik ist so wichtig geworden wie ehedem Stahl, und so ist auch Rheinhausen angekommen im globalen Zeitalter.
Laakmann ergeht sich nicht in Trauer nach alten Zeiten, er ist kein Sozialromantiker, "war ja auch viel Scheiß". Und dann erzählt er doch eine Geschichte von früher, die für ihn exemplarisch den Menschenschlag Ruhr erklärt. Wie er, der Betriebsleiter und Boss über 500 Arbeiter, nächtens durchs Werk streifte und eine Putzfrau sah, die eine Bunkeranlage, voll mit Erz, steuerte, als der Meister mal kurz weg war. Laakmann fragte: "Wat machst du denn da?", und die Frau antwortete völlig verdutzt: "Jetzt mach hier mal nicht den Dicken, dat mach ich schon seit Jahren, ich kann das." Da musste Laakmann lachen, schenkte ihr eine Flasche Sekt und sagte: "Tu mir einen Gefallen, mach dat nie wieder." Laakmann nimmt einen Schluck Bier, er sagt: "Das ist es, verstehst du? Die Leute hier sind robust. Die packen zu. Die können improvisieren. Es gibt nirgendwo so viel Potenzial wie im Ruhrgebiet."
Sie müssten lediglich mehr an sich glauben und verdammt noch mal akzeptieren, dass im Ruhrpott alles Gute eben von unten kommt. Schon insofern sind Vergleiche mit London und Paris und Berlin obsolet. Wenn die Leute dort von "unten" sprechen, meinen sie maximal die U-Bahn. Das Ruhrgebiet ist anders, und das ist gut so. "Wir sind eher breitgeklopfte Dörfer, in wenigen Jahren planlos zusammengewürfelte Siedlungen, als über Jahrhunderte gewachsene Städte", sagt der junge Dortmunder Oberbürgermeisterkandidat Jörg Stüdemann (SPD). Er vergleicht den Pott wahlweise mit einem großen Labor, einer Werkstatt oder einem Sandkasten. Überall wird experimentiert, probiert oder gebuddelt. "Ein bisschen wie Gründerzeit", sagt Stüdemann. Wer heute durchs Revier fährt, kann das nur ahnen. Und noch nicht zwangsläufig sehen. Wir sprechen noch von Visionen, die langsam, ganz langsam Gestalt annehmen. Wandel braucht seine Zeit.
Es wäre ja schon viel damit getan, wenn der Metropolengedanke verfinge im Bewusstsein. So etwas wie die "Vereinigten Städte des Ruhrgebiets". Das wäre ganz nach dem Geschmack von Bodo Hombach. Der mächtige Geschäftsführer der WAZ-Gruppe holt hinter einem großen Schreibtisch sein Mittagessen aus einem Henkelmann, "wenn ich das nicht aufesse, macht meine Frau Ärger". Er war einst der Kronprinz von Johannes Rau, selig. Einige nannten ihn sogar Raus Gehirn. Ein Wahlkampfstratege, blitzgescheit und voller Ideen, Ruhrpott durch und durch. Er wohnt in Mülheim direkt an der Ruhr. Hombach war Sonderbeauftragter im Kosovo und hat dort gelernt, grenzübergreifend zu arbeiten. Er trieb die verschiedenen Fraktionen nach dem Bürgerkrieg dazu an, Brücken zu bauen und Egoismen zu überwinden. Was im Kosovo die ethnischen Gruppen waren, sind im Revier die Städte, die erst jetzt anfangen zu begreifen, dass sie nur gemeinsam eine Chance haben - wie die Kumpel. Hombach sagt: "Hier kannst du einen Blaumann erst mal nicht von einem Milliardär unterscheiden. In Düsseldorf sofort. Bei uns sagen die Leute: Wir haben Probleme, aber wir schaffen es." Das liebt er so am Revier. Kein Jammern. Kein Zetern. Kein Gedöns. Mund abputzen, weitermachen.
Der Pott, das wissen die Leute sogar im Norden, Süden und im Osten, war die Herz-Lungen-Maschine der Republik. Ausgebombt, zerstört, wiederaufgebaut, nicht schön, weil für Schönheit und Schnörkel und Fisimatenten, wie sie im Revier sagen, keine Zeit war. Zweckmäßig stattdessen - sitzt, passt, hat Platz: fertich. Das war das Credo der Nachkriegs- und Wirtschaftswunderzeit. Der Zweck heiligte im Ruhrpott schon immer die Mittel. Kein Zufall, dass der Regionalverband Ruhr einst unter Zweckverband firmierte. Damals schauten die in München und Hamburg anerkennend auf die Malocher, die auch ihren Wohlstand aus der Erde hauten. Man nahm's zur Kenntnis, aber wer nicht musste, reiste nicht in den Pott. Später versorgten Schimanski und Thanner die Nation alle paar Monate mit Revier-Folklore, das reichte.
Touristen drehen oft noch ab im Münster- oder Sauerland, als machte der blaue Himmel einen Bogen um die Ruhr. Heißt nicht die stets verstopfte Autobahn 40 "Ruhrschnellweg", "nur schnell weg"? Als ginge es lediglich darum, möglichst flott durch den Beton zu rauschen von Westfalen hinüber ins Rheinland; kein Blick nach links und rechts und tschüs. Sie verpassen allerdings eine weltweit einmalige Kulturlandschaft: die höchste Theaterdichte auf dem Kontinent, mindestens alle paar Autobahnausfahrten ein Symphonieorchester, wenigstens. Festival auf Festival - Duisburger Akzente, Internationale Kurzfilmtage Oberhausen, Bochum Total, Mülheimer Theatertage, Ruhrfestspiele Recklinghausen, Tage alter Musik in Herne, das Klavier-Festival Ruhr und neuerdings die Love-Parade. Folkwang-Tanz-Theater in Essen, Schauspielhaus in Bochum. Für die soeben zu Ende gegangene Ruhr-Triennale kamen die Trendscouts aus New York eingeflogen und staunten über beleuchtete Hochöfen und kolossale Spielplätze wie die Jahrhunderthalle in Bochum oder die Zeche Zollverein in Essen. Das gibt es nur im Revier.
Unten können sie, das haben sie über drei Jahrhunderte bewiesen. Jetzt machen sie oben. Essen wird bald Europas Kulturhauptstadt, und in der Begründung der Jury heißt es ausdrücklich: "stellvertretend für das ganze Ruhrgebiet und seine Menschen". Für Dieter Gorny ist klar: "Die Kulturhauptstadt, das sind unsere Olympischen Spiele." Er war früher Viva-Chef in Köln, dann MTV-Mann in London, heute ist er Professor in Düsseldorf, wohnt in Essen und ist eine Art Lautsprecher des Reviers. Gorny will das Ruhrgebiet hip machen, zu einem Umschlagplatz der Neugierde, einer Wundertüte, gewissermaßen zum iPott. Das klingt schon gut. Ihm geht es um Kunst und Reibung und immer wieder um Bewegung. "Wandel durch Kultur", sagt er, "das ist der turnaround." Auch er kämpft. "Der entscheidende Punkt ist der Kampf um die Köpfe", sagt er. Um die Jungen, die Kreativen, um die Eliten, die er so gern im Ruhrpott sähe. Die Kulturhauptstadt ist nur eine Etappe auf diesem Weg: "Wir bauen hier eine Metropole, und 2010 ist Richtfest." Erst danach werde sich erweisen, welchen Weg das Revier nehme. Wenn der Wandel klappt, sagt Gorny, kann der Pott sogar Labor für Deutschland sein. Weil dort schon die Probleme drängen, die andere Regionen noch verdrängen: zu wenige Junge, zu viele Alte und die Transformation der Arbeits- in die Wissensgesellschaft. "Hier gerät was in Bewegung", sagt er, "wir müssen Leute halten und andere anziehen."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 42/2008
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