In jedem Fall hätten fast alle jugendlichen Täter zuvor selbst Gewalt erfahren, sagt der Mannheimer Sozialwissenschaftler Kilb. "Die meisten haben eine jahrelange Demütigung und Erniedrigung hinter sich, sei es in der Familie oder im Freundeskreis." An wen oder wann sie ihren Frust ablassen, sei vollkommen unvorhersehbar.
Auch am 14. Mai war jeder, der an diesem Abend zufällig an der S-Bahnstation Jungfernstieg wartete, ein potenzielles Opfer von Elias A. Der 16-Jährige wird schon seit langem in der sogenannten Protäkt-Datei geführt. In dem "Projekt täterorientierte Kriminalitätsbekämpfung" listen die Hamburger Behörden die schlimmsten Jugendstraftäter der Stadt auf - es sind die "Top 100" der insgesamt rund 500 identifizierten jugendlichen Intensivtäter. Elias A. fiel das erste Mal mit 10 Jahren durch eine Körperverletzung auf, 15 Einträge umfasst seine Akte bis heute. Er war eine tickende Zeitbombe.
Was aber tun gegen gewaltbereite Jugendliche? "Kurzfristig könnte verstärkte Polizeipräsenz zumindest die Sicherheit im öffentlichen Raum erhöhen", sagt Sozialwissenschaftler Kilb. Tatsächlich hatte die Hamburger S-Bahn zur Tatzeit keine Sicherheitsmitarbeiter am Jungfernstieg im Einsatz. Der Ort gehöre nicht zu den Kontrollschwerpunkten, das sei gewöhnlich eine unauffällige Station, sagte ein Sprecher zur "Hamburger Morgenpost".
Sollte das Waffenrecht verschärft werden, wie es nun die Hamburger SPD fordert? "Das bringt gar nichts", glaubt Volkert Ruhe. "Die meisten Waffen der Jugendlichen sind ja bereits illegal. Das schert die gar nicht."
Könnte wenigstens ein strengeres Strafrecht helfen? Auch daran glauben die Experten nicht. Härtere Strafen funktionierten bei verkorksten Kindern nicht als Abschreckung. "Eine Verschärfung des Jugendstrafrechts hat keinen Effekt", sagt Kilb. "Dass das ab und an gefordert wird, ist eine rein symbolische Handlung der Politik." Auch Volkert Ruhe vom Verein "Gefangene helfen Jugendlichen" meint, dass der "rechtliche Rahmen absolut ausreichend" sei.
Habe ein Jugendlicher erst einmal eine Karriere wie Elias A. eingeschlagen, könne man im Grunde nichts mehr tun, glaubt er. "Diese Jungs sind kaum noch therapierbar." Selbst bei einer Verurteilung setze noch kein Umdenken ein. "Für sie ist Knast erst einmal cool. Dort sind lauter interessante Männer, die mit Hanteln trainieren, ihre Körper stählen - so in etwa ist ihre Vorstellung."
Viele seien intellektuell gar nicht in der Lage, ihr Verhalten zu reflektieren. "Wir müssen so früh wie möglich in ihre Köpfe bringen, dass sie mit ihren Übergriffen Leben verpfuschen - ihr eigenes und das der Opfer", sagt Ruhe. Schon in früher Kindheit zeichneten sich kriminelle Karrieren ab. Dagegen helfe nur viel intensivere Präventionsarbeit, in den Kindergärten, Schulen und vor allem in den Familien. Aber Ruhe weiß: "Das ist vor allem eine Frage des Geldes."