Vater Heinz W. beteuert, er habe nicht weggeschaut, sondern einfach nichts von dem Treiben seiner Frau mitbekommen. "Diese Dinge fanden statt, als ich nicht dabei war." Wahrscheinlich, so denkt W., habe sich seine Frau vor der Haushälterin sicher gefühlt. Der Polizei sagte die Haushälterin: "Ich hatte gar keine Chance, irgendwelche Anschuldigungen zu erheben. Ich bekam zur Antwort, dass ich mir überlegen soll, wem ich was sage. Denn wem würde man eher etwas glauben: Der Putzfrau oder der Frau Architektin?"
Ein Bekannter des Ehepaares - er hatte ebenfalls einige Übergriffe bemerkt - zeigte Monika D. im Sommer 2009 an. Doch die Staatsanwaltschaft hatte Zweifel an den Aussagen der Haushälterin. "Es gab Anzeichen dafür, dass die Zeugin beeinflusst wurde", sagt Barbara Stockinger, Sprecherin der Staatsanwaltschaft München. Der Fall wurde im Herbst 2009 eingestellt, der Sohn blieb bei der Mutter. Das Jugendamt München sah keine Veranlassung, Lukas vor seiner Mutter zu schützen. Amtsleiter Uwe Hacker wollte sich zu dem konkreten Fall nicht äußern. Er versichert aber, man habe sich stets am Kindeswohl orientiert.
Dabei weist die Zeugenaussage der Haushälterin, die stern.de vorliegt, auf eine jahrelange Misshandlung des Buben hin. Demnach missbrauchte Sabine D. ihren Sohn nicht nur massiv sexuell, sie ließ ihn geradezu verwahrlosen, wusch ihn selten, gab ihm wenig zu essen und hielt ihn vom Kontakt mit Gleichaltrigen ab. "Ein absoluter Skandal", wettert W.'s Anwalt Johannes Hock. "Die Aussagen der Haushälterin bei der Polizei waren eindeutig. Die Staatsanwaltschaft hätte das Verfahren nie einstellen und das Kind hätte nicht bei der Mutter bleiben dürfen."
Eine Beschwerde des Anwalts hatte Erfolg. Vor einigen Wochen nahmen die Ermittler ihre Arbeit wieder auf. Neue Informationen hätten ergeben, dass eine "konspirative Absprache" wohl doch nicht stattgefunden habe, heißt es von der Staatsanwaltschaft. Die Haushälterin wurde ausführlich vernommen. Dann ging alles sehr schnell. Seit Ende März sitzt Monika D. in Untersuchungshaft - Fluchtgefahr. "Wir ermitteln gegen die Frau wegen des Verdachts des schweren sexuellen Missbrauchs ihres Kindes", bestätigte Barbara Stockinger. Die Anwälte von Monika D. wollten sich nicht äußern. Die Staatsanwaltschaft geht von langwierigen Ermittlungen aus. "Es ist ein sehr komplexer Fall", sagt Sprecherin Stockinger. Taten im familiären Umfeld seien zudem immer sehr schwierig aufzuklären. Denn es spielten dabei sehr viele Emotionen und persönliche Beziehungen eine Rolle. Soll heißen: Bei Trennungsfällen wird im Kampf ums Kind manchmal auch der Vorwurf des Missbrauchs gezielt eingesetzt.
Lukas lebt seit der Inhaftierung seiner Mutter nicht beim Vater sondern in einer Pflegefamilie in der Obhut des Jugendamtes. Heinz W. ist empört, schließlich habe er nichts Unrechtes getan. Er wisse nicht mal, wo sein Sohn nun sei, er habe ihn in den vergangenen Wochen nur einmal kurz gesehen. Man wolle eine "gewisse Ruhe reinbringen", sagt Jugendamtsleiter Hacker. Er müsse noch "einiges überprüfen", bevor Lukas zu seinem Vater dürfe.
Warum der Bub offensichtlich zum Sexualpartner seiner Mutter wurde, ist noch unklar. Die Täterinnen seien als Kind oft selbst Opfer gewesen, sagt Psychologin Carmen Osten. Viele hätten in ihrer eigenen Kindheit und Jugend Missbrauchserfahrungen in der Familie und später auch mit ihrem Partner gemacht. "Diesen Menschen fehlt es dann ihrerseits an Einfühlungsvermögen, aber auch daran zu erkennen, was die Bedürfnisse eines Kindes sind und wo dessen Grenzen liegen."
Einfühlungsvermögen, aber gleichzeitig die nötige Distanz: Für Experten sind das zwei ganz wichtige Faktoren in der Erziehung eines Kindes. Sie helfen dabei zu entscheiden, was noch zur erlaubten und notwendigen körperlichen Nähe gehört, und wo die Grenze zum Missbrauch überschritten ist. Carmen Osten bringt es auf den Punkt: "Man spricht von sexuellem Missbrauch, wenn es bei den Berührungen um die Bedürfnisse des Erwachsenen geht. Also dann, wenn der Erwachsene etwas tut, was nur ihm selbst etwas bringt. Das gilt für den Vater wie auch die Mutter."
*(alle Namen von direkt Beteiligten und deren Berufe von der Redaktion geändert)