Sie kommt mit ihren drei Kindern. Nur zwei große dunkle Augen sind hinter dem Stoffgitter ihrer Burka zu sehen. Sie heiße Nadschla. "Ich war 15, als mein Onkel zu uns kam und mich für seinen Sohn verlangte. Er und mein Vater vereinbarten Badal: dass ich seinen Sohn heiraten würde und mein Bruder dessen Schwester."
Ob sie den Bräutigam mochte? "Neeei, bachoda", nein, bei Gott. "Ich war für die Hochzeit im Schönheitssalon gewesen. Da hat er gebrüllt: Warum bist du da hingegangen? In der Hochzeitsnacht hat er mich das erste Mal geschlagen. Er hat mich nie gemocht. Dabei habe ich wirklich versucht, ihn zu verstehen. Ich brauche nicht viel, ein Stück Brot am Tag reicht. Aber ich hätte so gern ein friedliches Leben gehabt." Sie, die lesen und schreiben kann, musste als Wäscherin für die Nachbarn arbeiten, ihr Mann war Analphabet, verbrachte den Tag zu Hause und verschwand am Abend. Wohin? "Ich weiß es nicht. Seit ich ihn einmal gefragt habe, hat er nicht mehr mit mir geschlafen."
Nie habe das Geld gereicht. Als ihre Tochter krank wurde und dreimal in Kabul operiert werden musste, habe sie das Kind verkauft: "Ich habe tagelang die Wartenden im Hospital gefragt, ob jemand sie nehmen und dafür die Operationen bezahlen würde. Ein altes Ehepaar hat sie gekauft und wird sie nach ihrer Genesung bald zu sich nehmen." Nur ein Glitzern hinter dem Stoffgitter verrät die Tränen der Mutter. Die Tochter lehnt still an ihrem Knie. "Sonst wäre sie jetzt tot."
Nur eines ist schlimmer für sie als alles Elend: dessen Ende. "Ich wollte nicht geschieden werden! Wo soll ich nun hin?" Alle Ansprüche habe ihr der Richter verweigert, er habe sie gezwungen zu verzichten. Die Kinder durfte sie behalten, die interessierten den Mann nicht. Eine Weile könnten sie im Zimmer ihrer Mutter unterkommen, "aber dann?" Geschieden sei sie ein Nichts. Rasch verabschiedet sie sich, verschwindet im Getümmel der Straße, ein hellblaues Nichts.
Das ist Afghanistan im Sommer 2009. Als das Parlament Ende März auf Betreiben von Präsident Karzai ein neues Familienrecht für die schiitische Minderheit beschloss, blieb vom Verfassungsanspruch auf Gleichberechtigung wenig übrig: Frauen dürfen das Haus fortan nur noch mit Genehmigung des Mannes oder Vaters verlassen, sei es zur Arbeit oder auch nur zum Arztbesuch. Und die Frau habe ihrem Mann alle vier Tage zu Willen zu sein. "Sonst muss er ihr nichts zu essen geben", präzisierte Ayatollah Mohseni die Bestimmungen, die maßgeblich auf sein Betreiben entstanden. Auch jener Passus, der Frauen zum Auflegen von Makeup verpflichte, sei nur zu ihrem Schutz gedacht, fügte er mit milder Stimme hinzu. Und gelte nur, wenn der Mann dies wünsche. Damit er nicht das Interesse an der Frau verliere. Auf die Frage, wo das denn im Koran stehe, hat er nie geantwortet.
Am 15. April dann geschah das Unerhörte: Knapp 300 Frauen und einige Männer versammelten sich zur Demonstration gegen das Gesetz. Geplant war ein ruhiger Marsch von Mohsenis Koranschule zum Parlament. Doch am Tor der Madrasa empfingen sie 1000 Jünger des Ayatollah mit Steinen: "Geht nach Hause, ihr Huren! Hündinnen! Tod den Sklavinnen der Christen!" Ein Kordon von Polizistinnen schützte die unterlegene Schar. "Wir wollen doch nur gleiche Rechte …", setzte eine junge Frau im roten Kopftuch an, bevor sie sich vor weiteren Steinwürfen ducken musste. Sie war mit ihrer Schwester gekommen. Gemeinsam gingen sie zu einigen verschleierten Frauen, die am lautesten wider die "Sklavinnen der Ungläubigen" keiften. "Ihr seid doch selber die Sklaven!", riefen die Demonstrantinnen. "Wir kämpfen für euch, und ihr merkt es noch nicht einmal!"
Als der Auflauf vorbei war, kam Mohammed Hussein Dschaafar, einer der Mullahs aus Mohsenis Madrasa, auf den Platz. "Das ist eine Auseinandersetzung zwischen Profis und Amateuren", erklärte er und gab zu verstehen, dass er sich zur Riege der professionellen Frauenversteher zähle. "Wir, die Gelehrten, haben Koran und Scharia studiert und kennen uns aus, was Frauen angeht - die Demonstrantinnen tun es nicht. Wir haben dem Gesetz zugestimmt, das Parlament, der Präsident haben es gebilligt. Ganz demokratisch", schob er lächelnd nach.
Die kämpferischen Schwestern werten es unter diesen Umständen schon als Erfolg, dass der Präsident nach der Demonstration das Gesetz überarbeiten ließ, auch wenn die neue Version noch nicht in Kraft ist.
Jalda und Homa Rojan sind ungewöhnliche Frauen. Ihre Familien waren während des Krieges ins pakistanische Quetta geflohen. "Unsere Brüder durften alles, wir mussten putzen und kochen. Und darum kämpfen, überhaupt das Haus verlassen zu dürfen." Sie sei stets die Klassenbeste gewesen, erinnert sich Jalda, "aber während unsere Brüder zum Englischkurs gingen, mussten wir deren dreckige Socken waschen." Homa, die Ältere, floh nach Teheran. Jalda arbeitete bei einer afghanischen Hilfsorganisation.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 33/2009