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3. August 2009, 14:58 Uhr

Von Treue und Tango

Argentinien, Tango, Diktatur, Buenos Aires, Gaucho, Stundenhotel, Liebesmotel

Noch etwas unsicher, auf den nächsten Schritt konzentriert, tanzen Männer im "La Marshall" inmitten anderer Paare© João Pina

"Wir holen eine Menge nach seit der Diktatur", sagt Moria Casán. Sie klingt ein bisschen wie eine Freiheitskämpferin. Sie fühlt sich auch so. "Ich hatte die erste Silikonbrust Argentiniens 1973", sagt sie mit einem Stolz, als wäre dies das Äquivalent zum Sturm auf die Bastille.

Nur zwei Straßenecken weiter, in der Rúa Gorriti, versammeln sich in dieser Nacht Intellektuelle und Touristen in der rot ausgeleuchteten aphrodisischen Bar "Te Mataré Ramirez." Sie bestellen Gerichte mit Namen wie "Ich ergebe mich dem Angriff deiner Brüste" und "Ich gleite sanft über dein Geschlecht". Sie beißen in Lachsstreifen, geformt wie Vaginas, und benutzen Salzstreuer in Form einer großen Spermie. Einige Paare sitzen unter einem Schaukasten mit Reizwäsche und reden über Borges. Andere küssen sich vor Wandbildern kopulierender Paare und reden über die Globalisierung. Sie nennen dies "Inteligencia meets Sex", sie leben den alten Latino-Traum aus Sex, Kunst und Rebellion. Che Guevara und Borges. Evita und Perón. Revolutionäre waren in Argentinien immer auch Sexsymbole. Literaten waren immer auch Lustmolche. Von beiden gibt es nicht mehr viele, aber das stört die Gäste nicht.

Stadt der Therapeuten

Auf der Bühne führen Schauspieler ein pornografisches Puppenmärchen auf. Eine wilde Ménage à trois, in der muskulöse Klempner und Polizisten das Liebesleben intellektueller Paare auffrischen. Sex im "Mataré" hat nichts Verruchtes oder Ordinäres, er lauert überall, im Dessert und an den Wänden, auf der Bühne und dem Klo, er entlässt die Gäste lustvoll in den frischen Morgen. Nur ist nicht ganz klar, ob die Paare noch dieselben sind, die drei Stunden zuvor ankamen.

"So ist das im Argentinien des 21. Jahrhunderts", sagt der Sexualforscher Dr. Adrián Sapetti. "Die Grenzen sind gesprengt. Alles ist bei uns explodiert, die Zahl der Scheidungen, Swingerclubs, Homosexuellen, Transsexuellen." In Buenos Aires, der Stadt mit der weltweit höchsten Psychologendichte, gibt es für alles Therapeuten, vor allem für die Liebe und ihre Abgründe, und wenn es einen Obertherapeuten gibt, ist dies Sapetti. Er ist ein kleiner Mann mit nervöser Stimme, der auch aus einem Woody-Allen-Film stammen könnte. Er behandelt Betrogene und Betrüger, Swinger und Transsexuelle, und wenn er auf diese Jahre blickt, wird ihm manchmal schwindelig. "Unter der Diktatur und der Vormacht der katholischen Kirche Anfang der 80er Jahre war alles untersagt, Homosexualität, Scheidung, Pornografie; das Fernsehen durfte nicht einmal Küsse zeigen. Liebe fand im Verborgenen statt. Heute hat sich vor allem in den Beziehungen der unter 30-Jährigen eine Flüchtigkeit durchgesetzt, ‚Fast Fucking‘ und ‚Touch and go‘. Männer wollen sich nicht mehr binden. Aber auch Frauen nicht. Frauen stehen an der Spitze der sexuellen Revolution."

Sapetti sieht den argentinischen Mann in einer schweren Identitätskrise, die sich in Zeiten der Rezession noch verschlimmert. "Der Argentinier tut sich schwer mit Frauen, die heute nicht nur ihr Recht auf Arbeit, sondern auch ihr Recht auf Lust ausleben wollen." Dabei war die argentinische Frau immer stark. Den Protest gegen die Diktatur führten nicht Männer an, sondern die Mütter der Plaza de Mayo. Argentinien hatte schon eine Präsidentin, als ganz Europa noch davon träumte. Die Landesheilige war immer eher Evita Perón als die Jungfrau Maria. Und die Männer, sagt Sapetti, ziehen sich zurück und gehen zu Huren. "Prostitution gehört für viele Männer zum Alltag, zu ihrer Mittagspause. In dieser Begegnung dürfen sie noch Boss sein", sagt Sapetti und bittet um Entschuldigung. Er hat selbst einen Termin beim Therapeuten.

Rollenspiele zur Rettung der Beziehung

Wenn man Paola Kullock glauben darf, weiß sie genau, wie man die verlorenen Männer zurückgewinnt. Sie demonstriert dies an einem Sonntagmittag auf einer Verbrauchermesse an der Trabrennbahn in Buenos Aires. Kullock steht im engen Minirock vor einer Gruppe von 80 jungen Frauen und sagt: "Mein Name ist Paola, ich bin Sex-Coach. Ich habe in zehn Jahren über 10.000 Männer befriedigt, heute kommen wir zur technischsten meiner Lektionen: Wie befriedige ich meinen Mann. Wie viele von euch haben schon Rollenspiele mit den Männern gespielt? Sechs Hände gehen zögerlich hoch. "Was, nur so wenige? Heute zeige ich euch, wie man eine Hure spielt. Da gehen eure Männer schließlich hin, machen wir uns nichts vor." Getuschel im Raum. "Als Erstes zieht euch anders an, richtig ordinär. Ihr lasst euch anrufen. Ihr trefft euch dann in einem Telo. Ihr lasst euch für Sex bezahlen." Gekicher im Raum. "Das meine ich ernst. Für Analverkehr nehmt ihr das Doppelte. Ihr werdet sehen, dann läuft er euch so schnell nicht weg."

Kullock redet ununterbrochen. Sie redet wie einer dieser Motivationstrainer, nur dass sie Blowjob sagt statt Bilanz und Prostata statt Profit. Sie sieht sich als Lehrerin einer Sexschule, die die Lust zurück in fade Beziehungen bringt. Die den Trend zur Zweitfrau stoppen will. Sie nimmt 120 Pesos für eine Stunde Beratung, etwa 25 Euro. Sie gibt Auffrischungskurse für Rentner und Einführungskurse für Jungfrauen. Auf alles hat sie eine Antwort, nur dann nicht, wenn 60-Jährige flehen, Sex noch mal von Grund auf zu lernen, weil ihre Männer den 20-Jährigen hinterherlaufen. "Da hast du keine Chance", rät sie. "Vergiss ihn."

Kullock legt einen mit Unterhose bekleideten Mann auf einen Massagetisch und schnallt ihm einen Dildo um. Vereinzelt kichern die Frauen, aber vor fünf Jahren wären sie vor Scham noch geflüchtet. Dann beginnt sie mit der Erotikmassage und kommentiert das Geschehen wie ein Fußballreporter. Sie erklärt Atemtechniken und Rhythmuswechsel und den gezielten Einsatz von Fingernägeln. "Könnt ihr folgen?", ruft sie, und wie beim Kasperletheater rufen alle: "Ja." Sie animiert zum Mitmachen, und dann umkreisen an einem Sonntagmittag auf einer Trabrennbahn in Buenos Aires 80 Frauen mit ihrer rechten Hand ihre Unterarme, und es wirkt wie eine bizarre Ballett-Choreografie. Kullock beschwört die neue Lust der Frauen, aber es wirkt eher wie die servile Rückeroberung des argentinischen Mannes.

Tango unter Männern

Argentinien war mal das Land der Machos, aber die haben es eher in den Ruin getrieben. Es ist das Land mit mehr als 90 Prozent Katholiken, das Land, das sich gern antiamerikanisch gibt, aber "Sex and the City" hat hier mehr Einfluss als das Neue Testament. Es ist das Land, das mit Wehmut nach Europa schaut, dabei hat es seine eigenen Mythen der Liebe geschaffen, Evita, den Gaucho, den Tanguero.

Augusto Balizano trägt viel Gel im Haar und im Blick eine Menge Stahl. Seine Haltung ist stolz und sein Körper drahtig und in seinem Gesicht kein Lächeln zu erkennen. Er sieht sich als Altmeister des Tangos, als Bewahrer einer argentinischen Tradition, in dramatischer Pose führt er übers Tanzparkett. Aber in seinem Arm liegt keine Frau, sondern ein schmaler biegsamer Mann, der etwas theatralisch jauchzt.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 32/2009

 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
Progreso (08.08.2009, 17:31 Uhr)
Falta un grupo importante
Der Autor hat eine große Und einflußreiche) Gruppe zu wenig ausführlich (oder gar nicht) beschrieben:
Die Papa-Hijitos und Mama-Hijitas der Mittelklasse, die in einem pseudoinzestuös-ödipalen Familienclan-Verhältnis leben, deren "symbiotische Liebe" sich auf die Viejos (als Geldgeber) und die eigenen Chicos (als Sicherung der eigenen Pflege im Alter!) konzentriert, dabei eine eigenständige, wirklich emotionale und kommunikative Beziehung zum eigenen Partner/in jedoch praktisch nicht zulässt bzw. inexistent ist. Daher gehen diese "Frauen" fast ausschließlich mit ihren Freundinnen aus und diese "Männer" mit ihren Pibes (Kumpels) zum Sport.
Erotik, Knistern, gegenseitige Anziehung, Diskussion, produktive Konfrontation gibt es nicht!
Da wird dem Papa vom Sohn zärtlich über's Haupt gestreichelt was er niemals bei seiner eigenen Frau machen würde!
Schon die ganz jungen Ehen wirken trist und langweilig (und weitaus spießiger als bei uns) - man spricht einfach nicht wirklich miteinander!
Für mich ist das der symbiotisierte Egoismus im vorhandenen "amoralischen Familismus" (Edward Banfield) der argentinischen Mittelschicht oder -klasse, dessen eigenes, unterschwellig vorhandenes spürbares Unwohlsein sich in der exorbitanten Dichte an Psycho-Onkels manifestiert, die wegen jedem kleinen "Furz" konsultiert werden.
Hauptsache man setzt sich nicht mit sich selbst auseinander sondern gibt dies als Fremdreflexion an Dritte ab.
Das bei uns kreierte Latina-/Latinlover-Image der Argentinos ist eine sehnsuchtsgetriebene Kopfgeburt der (Nord)Europäer, aber in Realität nur eine klitzekleine Randerscheinung im Land der Winde!
Saludos (un pocito decepcionados) desde la costa atlántica!
reimberto (08.08.2009, 14:41 Uhr)
So ist das hier......
So ist das hier in Argentinien.Alles
Extreme,alles entweder schwarz oder weiss,niemals grau.Warum sollte es beim Sex anders sein?Und grau ist
die Farbe,die Argentinien sehr viel
Gutes tun wuerde,wenn die Menschen
lernen wuerden,sie wahrzunehmen.
znew (08.08.2009, 14:16 Uhr)
eine feuchtheiße Nacht wie aus den Romanen Jorge Luis Borges'
Borges hat keinen einzigen Roman geschrieben. Erzählungen und Lyrik, ja. Romane, nein.
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