27. Januar 2013, 08:50 Uhr

Münchens Angst vor den Neonazis

Stoplersteine, München, Gunter Demnig, Heinrich Oestreicher

Neue Stolpersteine vor dem Hamburger Rathaus erinnern an die von Nationalsozialisten ermordete Abgeordnete. Rechts im Bild der Künstler Demnig.©

Nur auf Privatgrundstücken

Terry Swartzberg, 59, bittet seinen Gesprächspartner in ein Teehaus. Er ist ein Mann, der von seiner Hauptwidersacherin als die "von mir sehr geschätzte Glaubensgenossin Charlotte Knobloch" spricht. Der US-Amerikaner, der seit 27 Jahren in München lebt und eine PR-Agentur betreibt, schätzt die intellektuelle Auseinandersetzung. Beide Eigenschaften braucht er für sein Ehrenamt: Swartzberg ist Vorsitzender des Vereins "Stolpersteine für München". Er setzt sich seit Jahren dafür ein, dass auch Fußgänger in der bayerischen Hauptstadt über die Messingtafeln stolpern, bewusst daran vorbeigehen oder sogar kurz innehalten. "Vandalismus gibt es überall", sagt Swartzberg, "deshalb darf man doch nicht wegen solcher Einzelfälle das Gedenken aufgeben, das wäre ein Einknicken vor den Rechten. Ich finde die Stolpersteine dafür viel zu wichtig, denn ich will nicht, dass diese Leute vergessen werden".

Es gibt inzwischen 19 Stolpersteine in München. Einige kleben versteckt in den Einfahrten, wie etwa der Stein für Heinrich Oestreicher oder die drei Tafeln schräg gegenüber, welche an die ermordete Familie Weiss erinnern. Aber stets mussten sie auf privatem Grund eingelassen werden. Im Mai 2004, wenige Monate vor der Stadtratsentscheidung, hatten Angehörige von Sigrid und Paula Jordan einen Stolperstein für die beiden Holocaust-Opfer auf dem Gehweg in der Mauerkirchnerstraße anbringen lassen. Am Tag nach der Ratssitzung wurden sie von Stadtbediensteten wieder entfernt. Der Sohn der Getöteten nannte München darauf "die Hauptstadt der Bewegung gegen die Stolpersteine".

Die Tonlage ist harsch, die Situation verfahren. Das liegt auch an der Rolle von Charlotte Knobloch, deren ausdrücklichen Wunsch kaum jemand in Stadtverwaltung und Rat ignorieren würde. Dabei spricht sich selbst ihr Nachfolger im Zentralrat der Juden, Dieter Graumann, für die Stolpersteine aus: "Ich sehe in der Aktion eine bewegende Möglichkeit, die Erinnerung an die Verbrechen der Schoa in den Alltag zu transportieren." Terry Swartzberg zitiert mit beißender Ironie in der Stimme ein jüdisches Sprichwort: "Zwei Juden, drei Meinungen."

200 weitere Stolpersteine lagern im Keller

Dabei geht es bei der Diskussion nicht nur um Juden. Thomas Groth, ein homosexueller Versicherungskaufmann aus München, hat zwei Stolpersteine gespendet, die an zwei Homosexuelle, Horace Huber und Karl Siegl, erinnern sollen. Groth hat herausgefunden, dass sie im KZ Dachau ermordet wurden. Der 35-Jährige Groth sagt: "Ich wollte damit darauf hinweisen, dass es mehr als nur die Juden waren, denen diese schlimmen Dinge passiert sind. Es gab ja auch politische Gegner, Künstler, Lesben und Schwule, die vernichtet oder verfolgt wurden." Doch auch dafür gab es bisher keinen Platz. Die beiden von ihn gestifteten Tafeln lagern wie knapp 200 weitere im Keller des Stolperstein-Vereins.

Die Münchner Grünen wollen laut ihrem Chef Florian Roth nach der Kommunalwahl 2014 und dem Ende der Ära Ude das Stolperstein-Verbot kippen. Und auch wenn Terry Swartzberg und Thomas Groth dies begrüßen würden, sagt Groth: "Vielleicht muss es auch ein Mahnmal sein, dass München sich dagegen entscheidet. Denn auch das ist mutig und sollte respektiert werden. Jede Stadt sollte frei sein bei der Entscheidung. Denn "Gruppenzwang" hat genau zu den damaligen Ereignissen geführt."

Terry Swartzberg steht mit seiner Vorstandskollegin Janne Weinzierl vor dem Stolperstein für Heinrich Oestreicher. Es ist dunkel, der Stein liegt im Schatten der Straßenlampen. Die weißhaarige Janne Weinzierl sagt: "Den Stein müssen wir mal putzen, damit er wieder leuchtet."

Von Malte Arnsperger
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