
Davids Vater, Yohane Banda: Erst hatte er der Adoption zugestimmt, dann ruderte er zurück© Eldson Chagara/Reuters
Bevor ein Kind ins Ausland adoptiert wird, sollte immer zuerst geprüft werden, ob das Kind nicht doch in seiner Familie bleiben kann. Auf Madonna bezogen: In Zusammenarbeit mit den Behörden und entsprechenden Fachstellen hätte sie überlegen können, ob es nicht möglich gewesen wäre, Vater und Großmutter so zu unterstützen, dass sie das Kind aus dem Waisenhaus wieder zu sich genommen hätten. Wenn solche Reintegration nicht möglich ist, gilt es zunächst, eine Familie im Herkunftsland zu finden. Nicht ein Heim, eine Familie!
Das variiert: Bei den kirchlich gestützten Organisationen ist das sehr viel günstiger als bei den freien Trägern. Wir bewegen uns da etwa zwischen 10.000 und 15.000 Euro. Worauf es dabei vor allem ankommt: Alle Kosten müssen für die Bewerber nachvollziehbar und ausgewiesen sein. Wenn sie ihr Kind früher mitnehmen dürfen, weil sie dem Heim ohne Quittung einen kleinen Obolus zusätzlich zahlen, sollten sie die Organisation wechseln und die Angelegenheit den deutschen Behörden melden. Natürlich ist es sehr schwer, nach jahrelangem Warten in so einer Situation noch die moralische Kraft aufzubringen und zu sagen: Moment, jetzt überschreiten wir die Grenze zum Kinderhandel.
Privat- oder besser: Selbstbeschaffungsadoptionen sind für Kinder wie für Eltern schädlich. Wir kritisieren sie aus drei Gründen: Als Nichtfachmann haben sie im Normalfall keinerlei Überblick, ob das Kind, das Ihnen zur Adoption angeboten wird, tatsächlich verlassen ist, oder seinen Eltern entführt, abgeschwatzt oder auf andere Weise entzogen wurde. Außerdem bereiten seriöse Vermittlungsagenturen potenzielle Adoptiveltern gründlich auf das vor, was auf sie zukommt. Diese Überprüfung soll kein bürokratisches Hindernis sein, sondern Menschen dazu befähigen und anregen, über sich selbst nachzudenken im Hinblick auf die Aufgabe, die da auf sie zukommt. Außerdem begünstigen Privatadoptionen die Begüterten und "Beziehungsreichen". Sie sind grob ungerecht denjenigen gegenüber, die den staatlich empfohlenen und fachlich gebotenen - übrigens unter der Regierung Schröder durchgesetzten - Weg der Konventionsadoption gehen und dann feststellen, dass sie wegen ihres zu hohes Alters keine Chance mehr haben. Diese Richtlinien sind in der Haager Adoptionskonvention festgeschrieben.
Davon gehe ich aus. Wenn man Beziehungen hat, ist das kein Problem. Und erst recht nicht für Politiker. Was mich bei Prominentenadoptionen immer wieder erstaunt: Sie hätten aufgrund ihres Vermögens, ihrer Beziehungen und ihres Einflusses so viele Chancen, Gutes zu tun. Gerade für die große Zahl verlassener Kinder, die aufgrund ihres Alters, ihres Gesundheitszustandes oder ihres Aussehens nicht das Glück haben, adoptiert zu werden, und darum schon jahrelang in einem Waisenhaus leben. Da könnte man mit so viel Geld vieles verbessern. Und dann kommt Madonna und lässt jede Umsicht vermissen. Diese Kurzsichtigkeit, dieser Mangel an Empathie und Reflexion richtet großen Schaden an. Adoption ist ein Mittel der Kinderhilfe und nicht der Komplettierung von unvollständigen Familien oder der Mehrung des sozialen Rufs von Weltstars.

Davids neuer Vater, Regisseur Guy Richie© Shavawn Rissman/AP
Diese Kinder kommen häufig aus völlig anderen Lebensumständen und unterscheiden sich oft auch allein durch ihre Hautfarbe. Gerade Kinder aus Asien, Lateinamerika oder Afrika werden von Anfang an auf ihr Aussehen angesprochen - freundlich, neugierig, nichts ahnend oder auch aggressiv. Sie fangen früh an zu fragen: Warum wurde ich weggegeben, gerade ich? Wie sehen wohl meine Eltern aus? Habe ich Geschwister, Großeltern? Wohl auch deswegen ist Osteuropa bei manchen Adoptionsbewerbern so beliebt, da fällt das Aussehen nicht so sehr ins Auge.
Großartig - vor allem wenn man sich überlegt, auf welchem materiellen Niveau Menschen in Malawi existieren müssen. Wie lange wohl müsste Davids Vater in Malawi arbeiten, um das zu verdienen, was allein eine solche Reise kostet? Und was wird David - vorausgesetzt, es kommt endgültig zur Adoption - eines Tages sagen, wenn er sich über die Umstände seiner Adoption ernsthaft Gedanken zu machen beginnt? Grenzt solche Hilfe nicht an Wahnsinn?
Haager Konvention Etwa 70 Länder sind der 1993 geschlossenen Haager Adoptionskonvention beigetreten. Die Bundesrepublik hat sie 2002 zur Grundlage des neuen Adoptionsrechts gemacht. Auslandsadoptionen sind demnach nur legal, wenn sie über eine anerkannte Auslandsvermittlungsstelle vermittelt werden. Zurzeit gibt es zwölf solcher Stellen in freier Trägerschaft. Ihre Anerkennung erfolgt nach gründlicher Prüfung durch die "Zentralen Adaptionsstellen" der Landesjugendämter. Auch diese dürfen vermitteln. Die Fachstellen in freier Trägerschaft vermitteln jeweils aus bestimmten Ländern. Das können auch Länder sein, die (noch) nicht der Konvention beigetreten sind, vermittelt wird aber in jedem Fall nur nach Konventionskriterien. Das heißt: Die Bewerber werden auf ihre Eignung überprüft, Akten der Bewerber und Kinder verglichen, um herauszufinden, welches Kind zu welchen Eltern passt. Im Widerspruch dazu gibt es immer noch die Möglichkeit der Privat- beziehungsweise Selbstbeschaffungsadoption, normalerweise nur aus Ländern, die der Haager Konvention nicht beigetreten sind. Die überwiegende Zahl der Fachleute fordert seit langem, diese Praxis abzuschaffen.