Aus Richtung des Reaktorblocks kommen dumpfe Schläge, die ersten Kühlrohre platzen. "Ich verstehe das nicht", brüllt Akimow zu seinen Kollegen, "wir haben doch alles richtig gemacht."
Wenige Sekunden später erschüttern zwei Explosionen die Schaltzentrale. Das Licht geht aus, Scheiben bersten, Deckenteile fallen herab, die Wände wackeln wie bei einem Erdbeben, und mehliger Staub dringt mit der Druckwelle in den Raum.
Block vier des Wladimir-Iljitsch-Lenin-Kernkraftwerks Tschernobyl ist explodiert.
1300 Kilometer weiter westlich, in der Bundesrepublik, zeigt die Uhr 0.24 Uhr. Im Spätprogramm der ARD brilliert Walther Matthau in "Opa kann's nicht lassen", das ZDF zeigt den englischen Thriller "Blutige Streiche". Die Nachrichten des Tages: US-Präsident Reagan schließt Angriffe gegen Iran und Syrien nicht aus. Bundeskanzler Kohl trifft den französischen Präsidenten Mitterrand in Trier. Die Herzogin von Windsor stirbt und vermacht Prinzessin Diana Juwelen im Wert von 50 Millionen Mark. Und kann Bayern München den Bremern morgen, am letzten Spieltag, noch die Meisterschale wegschnappen? Das Wetter: häufig sonnig, vorübergehend wolkig, meist trocken, Höchsttemperaturen 15 bis 20 Grad.
Schichtleiter Akimow ist über und über mit weißem Staub bedeckt. Er ahnt weder, dass er schon jetzt schwer radioaktiv verseucht ist, noch, was überhaupt passiert. Akimow glaubt, der Reaktorkern sei intakt. Tatsächlich lodert dort, wo einst Block vier stand, ein atomares Feuer. Knallgas hatte sich nach dem plötzlichen Herunterfahren fast aller Steuerstäbe gebildet, das nach wenigen Sekunden explodierte. Die erste Detonation riss die mehrere tausend Tonnen schwere Platte über dem Reaktorkern auseinander. Nach der zweiten Explosion stürzte die ganze Konstruktion zusammen. Eine sichernde Betonhülle um den Reaktor gibt es nicht. Es ist der erste GAU in der Geschichte der Atomkraft - der größte anzunehmende Unfall.

Akimow schickt zwei junge Operatorenanwärter nach draußen. Sie schlagen sich zur Reaktorhalle durch. Überall lodern Flammen, liegen rot glühende Reste des Graphitkerns und der hochstrahlenden Uranstäbe. Schon haben brennende Trümmer wie Feuergeschosse das Dach der Maschinenhalle in Brand gesetzt. Die jungen Ingenieure klettern über Betonbrocken, verbogene Stahlträger, nähern sich einem Krater, dort, wo einst der Reaktor stand.
Unten leuchtet rotes und blaues Licht. Die Hände vorm Gesicht, blicken sie eine Minute in den Höllenschlund. 30 000 Röntgen pro Stunde strahlen ihnen entgegen - schon einige wenige gelten als gefährlich. Ihre Haut verfärbt sich rotbraun. Sie schleppen sich zurück, können noch berichten: "Die Explosion hat alles zerstört, über uns war nur noch Himmel." Dann brechen sie zusammen. Wenige Stunden später werden sie sterben.
Die ersten Feuerwehren rasen vors Kraftwerk. Die Männer klettern zwischen den strahlenden Trümmern auf das Dach der Maschinenhalle, versuchen die überall lodernden Brände unter Kontrolle zu bringen, ihre Stiefel kleben im aufgeweichten Teer. Nur ein paar Meter entfernt läuft noch immer Block drei des Kraftwerks - der leitende Ingenieur hat verboten, den Reaktor abzuschalten. Endlich, nach fünf Stunden, haben die Löschtrupps zumindest die Feuer außerhalb von Block vier gelöscht. Der Preis ist hoch: Fast die gesamte erste Schicht stirbt nach wenigen Tagen.
Um acht Uhr morgens wird Alexander Akimow im zerstörten Kontrollraum abgelöst. Genau nach Schichtplan. Da hat die tödliche Strahlung schon begonnen, auch seinen Körper zugrunde zu richten.
Bilanz des Grauen Nur 50 Tote oder eine halbe Million? So klar der Hergang der Katastrophe mittlerweile ist, so umstritten ist die Zahl der Opfer. Zwei internationale Organisationen, die Atomenergiebehörde (IAEA) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO), haben gemeinsam die Auswirkungen von Tschernobyl untersucht. Laut ihrer Studie, vorgestellt im September 2005, ist nur der Tod von 50 Menschen direkt auf den Reaktorunfall zurückzuführen. Weitere 4000 Personen seien möglicherweise an Spätfolgen gestorben. Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace kommen in eigenen Untersuchungen auf bis zu 500 000 Todesopfer. Auch Nikolai Omelyanets, Chef der ukrainischen Kommission zum Schutz vor Strahlenschäden, spricht von mehr Opfern: "Wir haben herausgefunden, dass die Kindersterblichkeit nach dem Unfall um 20 bis 30 Prozent angestiegen ist. Unsere ganzen Informationen wurden von IAEA und WHO ignoriert."
Die Behörden in der damaligen Sowjetunion zählten zwei Millionen Menschen in stärker verseuchten Gebieten zu den Strahlengeschädigten. Von ihnen sind 500000 nicht mehr am Leben, aber ein Teil von ihnen starb schlicht eines natürlichen Todes. Zu der erhöhten Sterblichkeit könnten auch andere Umweltbelastungen oder wachsende Armut geführt haben.
Einig sind sich alle Experten beim Zuwachs von Schilddrüsenkrebs unter Kindern. Die Zahl der Fälle hat sich in den verseuchten Regionen verhundertfacht. Die Heilungschancen sind allerdings gut. Wird der Krebs früh erkannt, liegen sie bei 90 Prozent. Nur neun Kinder sind seit dem Reaktorunglück an der Krankheit gestorben.
Übernommen aus ...
Ausgabe 17/2006