"Massenmord wird uns jetzt öfter treffen"

19. Dezember 2012, 12:14 Uhr

Beim Amoklauf von Winnenden 2009 wurde die 16-jährige Tochter von Jurij Minasenko ermordet. Im stern.de-Interview spricht der Psychiater über die Zeit danach – und Parallelen mit Newtown.

Die Kontrollen von Waffenbesitzern wurden nach Winnenden verschärft.

Das Waffengesetz zu ändern, reicht bei Weitem nicht. Viel wichtiger ist ein gesellschaftlicher Diskurs, wie ihn Barack Obama jetzt für Amerika fordert. Unser Waffengesetz wurde verändert, aber nicht unser Bewusstsein.

Ein Beispiel?

Es gab eine große Diskussion in Winnenden, ob es eine öffentliche Gedenkstätte in der Stadt geben sollte, oder ob man die Bevölkerung besser vor dieser schlimmen Erinnerung schützen sollte. Wir Angehörigen mussten nicht nur für die Gedenkstätte kämpfen, sondern auch dafür, dass es einen Prozess gegen den Vater von Tim K. gab. Beides waren keine Initiativen der Politik. Eine Gedenkstätte ist wichtig für uns, aber wir brauchen sie nicht für unsere Trauerarbeit - sie ist wichtig für die Gesellschaft.

Wie gehen die Menschen in Winnenden heute mit dem Amoklauf um?

Sie möchten weiterleben wie vorher. Das liegt daran, dass es keine echte gesellschaftliche Diskussion gab. Die Leute glauben, dass es nur unser Schicksal ist - es hat nichts mit ihnen zu tun. Aber wir waren Zufallsopfer, meine Tochter kannte Tim K. nicht einmal.

Ist Verdrängen denn nicht eine normale Reaktion auf so großes Leid?

Natürlich, das sind Mechanismen, um sich in der akuten Phase selbst zu schützen. Aber danach muss die Gesellschaft das bearbeiten. Nach welchen Werten leben wir? Welche Vorbilder bieten wir jungen Menschen?

Was ist das Ziel des gesellschaftlichen Diskurses, den Sie verlangen?

Solche Taten zu verhindern und vor allem zu verstehen, was dahinter steckt.

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