
Florencio Avalos, einer der Verschütteten, blickt in die Kamera, die das Rettungsteam in die Grube herabgelassen hat© Ivan Alvarado/Reuters
Lilian, die Ehefrau des verschütteten, bereits 63 Jahre alten Mario Gómez, wird vom Bergbauminister Laurence Golborne persönlich unterrichtet. "Lili, dein Mann schickt dir eine Botschaft und sagt, dass er dich und die Kinder sehr liebt", habe der Minister ihr gesagt. "Ich konnte das Glück nicht fassen." Ihr Mann fährt schon seit dem zwölften Lebensjahr unter Tage. Beide sind seit 30 Jahren verheiratet, haben vier Töchter und sieben Enkelkinder. Doch auch Mario Goméz weiß, dass es noch dauern wird, bis er seine Familie wiedersieht, "Gott ist groß und mit seiner Hilfe werden wir es schaffen, hier aus dieser Mine lebend rauszukommen, auch wenn wir Monate warten müssen", schreibt Gómez in seiner Nachricht, die nach dem ersten Lebenszeichen ans Tageslicht gezogen wird.
Einhellig sprechen die Verantwortlichen in Chile davon, dass es bis zu vier Monate dauern könnte, bis ein ausreichend großer Schacht zu den Verschütteten gebohrt werden kann, um sie zu bergen. Der deutsche Bergbauexperte Tushkedi bezweifelt diese Aussage: „Ich verstehe und glaube nicht, dass das vier Monate dauern soll. Auch wenn das Gestein relativ hart ist, dauert es nicht so lange 700 Meter tief zu bohren.“ Eine Erklärung, warum selbst Präsident Pinera diese lange Bohrzeit veranschlagt, hat Tushkedi aber: Längst ist das „Wunder von San José“ auch zum Politikum geworden. Niemand möchte versprechen, die Bergleute innerhalb weniger Wochen retten zu können, und dann im Fall von Komplikationen die Menschen enttäuschen. „Wenn ich sehe wie emotional der Präsident sich einschaltet, vermute ich, dass einige mehr an die nächste Wahl denken als an die Verschütteten“, so Tushkedi weiter.
Gut möglich also, dass die Männer nicht bis Weihnachten warten müssen, um wieder das Tageslicht zu erblicken. Sollte es aber doch so lange dauern, sind sich die Experten einig, dass die Männer das Warten überleben. Über den dünnen Schacht sollen die Kumpel mit angereichertem Wasser, Mineralien und anderen Nährstoffen versorgt werden. Doch weitere Wochen mit so vielen Männern in dem begrenzten Schutzraum auszuharren, muss eine Tortur sein. Hossein Tushkedi aber ist optimistisch: „Natürlich leiden die Männer physisch und psychisch, aber Bergleute sind hart im Nehmen. Die stehen das durch.“
Fraglich ist aber, wie es danach mit den Männern weitergeht. Ob sie in den Monaten des Ausharrens in der Mine bezahlt werden ist unklar. Der Betreiber der Mine, die chilenische Gruppe San Esteban, hat nur diese eine Mine. Es droht der Bankrott. Außerdem drohen den Männern psychologische Schäden. Posttraumatische Belastungsstörungen sind nach solch existenziellen Erfahrungen alles andere als unwahrscheinlich.
Die RAG Deutsche Steinkohle, die den Steinkohlebergbau in Deutschland betreibt, rechnet jedenfalls fest damit, dass sich solche Belastungstraumata nach einem Grubenunglück einstellen können. „Wir haben deshalb schon Anfang der neunziger Jahre angefangen, Mitarbeiter in Schulungen für solche Erkrankungen zu sensibilisieren“, berichtet Frank Kremer, Pressesprecher der RAG. Auch ein engmaschiges Versorgungsnetzwerk für den Ernstfall - vom Notfallseelsorger vor Ort bis hin zur Nachsorge - sei vorbereitet, so Kremer weiter. Glücklicherweise ist der Ernstfall bislang nicht eingetreten. Der Bergbau in Deutschland gehört zu den sichersten weltweit und kann sich in punkto Sicherheit selbst mit anderen Branchen messen. „Mit 6,4 Unfällen auf eine Million Arbeitsstunden gehört der Bergbau zu den sichersten Arbeitsplätzen der deutschen Industrie“, berichtet Kremer hörbar stolz auf den Arbeitsschutz seines Unternehmens.
Chiles Präsident Sebastián Piñera hat nach dem Unglück angekündigt, die Sicherheitsvorgaben für den Bergbau zu verbessern. In Deutschland stünden die Experten sicher gern mit Rat und Tat zur Seite.