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30. März 2005, 10:34 Uhr

"Es ist brutal, aber man wächst da rein"

Maria-Theresia Maresch richtet ihren Sohn Klaus, 56, im motorisierten Bett auf. Die 90-Jährige betreut ihn, seit er vor fünf Jahren einen Hirnschlag erlitt. Die Ärzte hatten damals gefragt, ob sie die Maschinen abstellen sollen© Regina Recht

Weshalb die Floristin so plötzlich umfiel, kann niemand sagen. Vielleicht war es Stress mit dem Arbeitgeber, vielleicht die Trennung von ihrem Freund, der jetzt wieder an ihrer Seite sitzt. "Ich habe mich für sie entschieden, weil sie eine Superfrau ist", sagt der 20-jährige Zivildienstleistende. "Auch wenn wir gerade nicht wirklich zusammen sind, werde ich bei ihr bleiben, bis sie aufwacht. Wenn sie mich dann in den Arsch tritt, kann ich auch nichts machen. Stimmt's?", fragt er seine komatöse Geliebte und lacht.

Eine Ärztin hatte mir anfangs gesagt, eine Verbesserung würde nicht mehr eintreten", sagt Dolores Schönstedt, "ich sollte einen Heimplatz suchen." Doch das wollte sie ihrer Tochter nicht antun, und sie hätte es auch gar nicht finanzieren können: Von den 6000 Euro monatlichen Kosten hätte die Pflegeversicherung maximal ein Drittel gezahlt. Stattdessen brachte sie Jasmin für drei Monate in das Haus "Ilona", wo Ergo- und Physiotherapeuten für die Stimulation der Sinne sorgen. Wo Logopäden am verloren gegangenen Hust- und Schluckreflex arbeiten. Wo Schwestern Hühnerfrikassee mit Reis kochen, pürieren und es den Patienten über die Sonde direkt in den Magen spritzen. "Irgendwas", sagt Dolores Schönstedt, "muss doch zu machen sein."

Wie schwer das ist, das bekommt Annelie Bär täglich zu spüren. Sie hat ihren Teilzeitjob als Bürokraft aufgegeben, um ihren Sohn Andreas zu waschen, zu füttern und seine Windeln zu wechseln. Seit fast sechs Jahren ist der 33-Jährige im Wachkoma. "Wenn ich ganz ehrlich sein soll", sagt sie, während sie ihm durch das dünne Haar streicht, "erkenne ich ihn nicht wieder. Er ist ein anderer Mensch. Aber er ist immer noch mein Sohn."

Andreas Bär, gelernter Schreiner aus Darmstadt, zeichnete früher gern die Nacht hindurch Science-Fiction-Figuren und schlief dann bis in die Nachmittagsstunden. Er wollte irgendwann nach Afrika, als Entwicklungshelfer. Doch am 16. Mai 1999 stieß er auf dem Rad mit einer Straßenbahn zusammen und wurde schwer am Schädel verletzt.

Jasmin Schönstedt, 20, wird von ihrem gleichaltrigen Freund Gerd umsorgt. Sie war vor sieben Monaten aus unerklärlichem Grund in ihrem Auto zusammengebrochen und wurde erst nach einer halben Stunde reanimiert© Stefan Enders

Heute setzt ihm seine Mutter den Kopfhörer auf, damit er "Drei Fragezeichen" oder "Harry Potter" hören kann. Oder schiebt ihn in seinem Rollstuhl vor den Fernseher. Vor allem die ARD-Soap "Marienhof" habe es ihm angetan, glaubt sie: "Wenn es besonders spannend wird, verändern sich seine Gesichtszüge. Er wirkt irgendwie konzentriert. Manchmal grummelt er auch." Wie alle im "Haus Ilona" ist Annelie Bär davon überzeugt, dass ihr Sohn eines Tages wieder zu sich kommt. "Ich weiß nicht, wie das sein wird, aber ich habe auch Angst vor diesem Augenblick."

"Wunder können wir hier nicht vollbringen", sagt Dietmar Baumhof, "aber man kann dazu beitragen, dass es passiert." Baumhof hatte die Wachkoma-WG gegründet, nachdem seine Tochter Ilona, Mutter von drei Kindern, bei einer Sterilisation ins Koma gefallen und nach zwei Jahren aufopfernder Pflege gestorben war. Seitdem betreibt er die Reha-Station im ersten Stock seines Hauses, wo Patienten und Angehörige in maximal drei Monaten gemeinsam auf die Hauspflege vorbereitet werden. Die meisten, die hierher kommen, gelten als "austherapiert". Das heißt: keine weitere Entwicklung möglich. "Das ist Unsinn", sagt Hrachya Shalyan, Arzt aus Armenien und Spezialist auf dem Gebiet der Farben- und Klangtherapie. "Fortschritte sind immer möglich. Man muss nur geduldig sein."

In der Wohngemeinschaft wird jedes Geräusch, das neu ist, wie eine Wiedergeburt gefeiert. Egal, ob quietschen, stöhnen oder ächzen. Jeder Ton könnte ein Hinweis auf bewusste Wahrnehmung sein. Auch Kommunikation wird versucht. Einmal Augenzwinkern bedeutet "ja", zweimal "nein". Manchmal geschieht auch Wundersames. "Vor ein paar Wochen haben wir meinen Vater gefragt, was er trinken möchte", erzählt Daniela Kern, Tochter eines 65-jährigen Rentners, der im Mai vergangenen Jahres mit einem Schlaganfall zusammengebrochen war. "Trollinger", habe der ehemals leidenschaftliche Weintrinker geantwortet. Aber seitdem schweigt er wieder.

Andreas Bär, 33, liegt nach einem Verkehrsunfall im Wachkoma. Seine Mutter hat ihren Job aufgegeben, um ihn zu betreuen© Stefan Enders

Wie viel Wachkoma-Patienten wirklich mitbekommen, ist stark umstritten. Während Ärzte äußerst skeptisch sind, glauben Angehörige immer wieder, stumme Botschaften zu verstehen. "Wenn Annegret Hunger hat, geht sie in die Spastik, verkrampft und knoddelt. Geht es ihr schlecht, weitet sie ihre Augen und runzelt die Stirn. Geht es ihr gut, brummelt sie", sagt Karl-Otto Mackenbach, "sie hat ihre eigene Sprache. Man muss nur lernen, sie zu verstehen."

Seine Frau ist seit Juli 1999 im Koma, als die 39-Jährige bei einem Unfall aus dem Fenster eines Wohnmobils geschleudert und darunter begraben wurde. Jetzt, nach einem Aufenthalt im Haus "Ilona", liegt sie wieder in Erblingen im umgebauten Haus der Familie, wo zwei Pflegebetten das Ehebett ersetzt haben. Ihr Mann geht mit ihr in einem speziell konstruierten Fahrrad auf Touren, und die Söhne erzählen ihr beim Abendbrot von der Schule. "Sehen Sie sich meine Frau an. Es geht ihr gut, sie kann es mir nur nicht erzählen", sagt Mackenbach. "Was man mit Terri Schiavo gemacht hat, ist ein Verbrechen. Da wäre es fast humaner, man hätte ihr einfach die Luft abgedrückt."

Auch Susanne Altemeyer, 29, ist überzeugt davon, dass die Amerikanerin durchaus spürte, was mit ihr passierte. Sie sitzt im Wohnzimmer ihrer Mutter in Essen und starrt unbewegt auf das Fernsehgerät, wo N 24 die neusten Meldungen über die US-Patientin bringt. Sie erinnern sie an ihr eigenes Martyrium, das im März 2000 mit einer Influenza begann und in epileptische Anfälle überging, bis das Hirn großflächig mit Viren befallen war. "Ihre Tochter wird wahrscheinlich sterben", sagten die Mediziner der Mutter, die nach weiteren Komplikationen einen Bestattungsunternehmer informierte. Doch heute ist ihre Tochter so weit genesen, dass sie wieder lesen und schreiben und über ihre vierjährige Reise durch die Finsternis sprechen kann.

Karl-Otto Mackenbach, hier mit Sohn Matthias, fährt seine Frau Annegret, die 1999 schwer verunglückte, mit einem Spezialfahrrad spazieren© Stefan Enders

"Einmal habe ich an meine Mutter gedacht, obwohl sie nicht da war", sagt die ehemalige Zahnarzthelferin leise, weil ihr das Reden und Konzentrieren noch immer schwer fällt, "ich habe mitbekommen, wie ich in Behandlungsräume gebracht wurde. Sie haben Knöpfe auf meinem Rücken befestigt, die mich massiert haben. Und ich wusste, dass ich eine Art Tagesablauf hab." Sie erinnert sich daran, dass sie aus Zorn, nicht sprechen zu können, mit Gegenständen um sich geworfen habe. "Ich hab mich so geärgert, da hab ich mir die Schläuche aus meinem Körper gerissen. Einmal sogar den Beutel von meinem künstlichen Darmausgang. Selbst wenn ich den Rest meines Lebens im Wachkoma geblieben wäre, ich hätte niemals sterben wollen."

Immer wieder gibt es scheinbar hoffnungslose Einzelfälle, in denen Patienten verblüffende Fortschritte machten. Jürgen Siepl aus Amberg, der 1989 mit seinem Wagen nach der Disco gegen einen Baum gekracht war und danach monatelang im Wachkoma lag, kann heute wieder Pizza essen und in "Wolfis Fitness-Studio" fahren; er zittert noch beim Gehen, zittert und lallt beim Sprechen. Im US-Staat Arkansas soll ein 39-Jähriger nach 19 Jahren Koma erst nach "Mama" und dann nach "Pepsi" gefragt haben. Und von einer 80-jährigen Amerikanerin wird berichtet, dass sie nach 29 Jahren ihre Augen aufgeschlagen und ihren fernsehenden Mann angeschnauzt habe: "Ich will aber die I-love-Lucy-Show sehen". Die gab es längst schon nicht mehr.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 14/2005

 
 
 
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