
In Michelberg bei Hirschhorn (Baden-Württemberg) hat ein Jäger ein Wildschwein zur Strecke gebracht und bricht es auf© Caroline Wadenka/DDP
Wie viele Wildschweine es in Deutschland gibt, weiß niemand. Schätzungen gehen von mehr als einer Million Tiere aus. Die Bundesrepublik, so schrieb die "Deutsche Jagd-Zeitung", sei das schwarzwildreichste Land Europas. Fasst man die Erklärungen von Wissenschaft, Politik und Jagd zusammen, dann ist der Klimawandel schuld daran. In den milden Wintern sterben weniger Frischlinge. Und Eichen und Buchen produzieren vermehrt Samen - fast jedes Jahr schon, und nicht wie früher, alle zehn. Ihre Samen sind die Lieblingsnahrung der Sauen.
Wenn es keine Eicheln gibt, geht die Sau aus dem Wald und frisst Maiskolben. Jenen Rohstoff für Biogasanlagen, mit dem Deutschland zugepflanzt wird. Fünf Prozent der gesamten Republik sind mit Mais besät. Seit 1960 ist die Anbaufläche um das 33-Fache gestiegen. In elf Tagen kann eine Saufamilie vier Hektar plattmachen, dass kein Halm mehr steht. Und sind sie einmal drin, gehen sie nicht mehr raus.
Michael Ballmann-Zenz kann von seinem Wohnzimmer die Maisfelder sehen, in denen die Sorten Agro Gas 280 und Kabans K 260 angebaut werden. Schwere Lkws bringen die Ernte in die Nachbardörfer, zu den ein Dutzend Biogasanlagen. Dort gärt gehäckselter Mais in hausgroßen Silos, setzt Gas frei, das dann in Turbinen in Strom umgewandelt wird. Ballmann-Zenz sieht aber auch die brachliegenden Weinberge, die zuwuchern. Jahrelang haben die Winzer an der Mosel für das schnelle Geld auf Billigwein gesetzt und auf sauren Wiesen Reben gepflanzt. Der Fusel verkauft sich seit Jahren schlecht, die Winzer setzen wieder auf Qualität, und die Weingärten liegen brach. Sie wachsen zu mit allem, was im Biologiebuch steht, besonders mit Brombeeren und Holundergehölzen; das mögen die Schweine.
Doch je enger die Tiere zusammenleben, desto eher kommt es zum Ausbruch von Seuchen. Besonders gefährlich ist die Schweinepest. Theoretisch reicht eine infizierte Scheibe Salami: in Rumänien gekauft, an der A 7 weggeworfen und von der Sau gefressen. Das Virus bleibt lange am Leben, kann die Tiere töten und überträgt sich rasend schnell auf Hausschweine. Für den Ernstfall hat die EU bereits "paramilitärische Pläne in der Schublade", wie ein Wildbiologe weiß: "Dann wird getötet, flächendeckend." Bislang blieb der Ernstfall zum Glück aus.
Die "Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands" fordert schon seit Längerem die Antibabypille für Wildschweine. Die Wissenschaftler am Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung arbeiten an einem Mittel, das die Tiere chemisch sterilisiert. Jäger, Wildbiologen und Politiker lehnen dies aber ab. Das sei ein "unkalkulierbares Risiko", sagt Andreas Leppmann vom Jagdschutzverband.
Inzwischen hat die Diskussion um die Pille auch Osann-Monzel erreicht. Die Leute, die im Dorf was zu sagen haben, sind sich einig, dass die Jäger allein dem Wildschwein nicht Herr werden. Auch Gerd Fritzen, 57, ist für die Pille. In der Gemeinde ist er für die Jagd verantwortlich, Tag und Nacht sei er mit seinen Kameraden draußen gewesen. An einem Tag holten sie mal 68 Sauen aus dem Wald, "das ist kein Hobby mehr". Neulich trieben seine Hunde ein Wildschwein auf einen Felsvorsprung. Das Tier habe kurz durchgeatmet und sei plötzlich in die Mosel gesprungen, "wie vom Zehnmeterbrett".
Früher hatte das Wildschwein noch den Bären, den Luchs und den Wolf als Feind. Heute sind seine einzigen natürlichen Feinde der Jäger und das Auto. Jedes 20. Wildschwein wird von einem Autofahrer erlegt, im vergangenen Jahr waren es 23.500 Stück. Prallt ein Wagen mit 50 Stundenkilometern gegen eine 80 Kilogramm schwere Sau, wird aus der Sau ein zwei Tonnen schweres Hindernis und aus dem Wagen ein Totalschaden. Deshalb stehen an Autobahnen Wildzäune, und auch Bauern und Kleingärtner spannen ihre Gemarkung ein. Doch ob das bisschen Draht eine Wildsau aufhalten kann, bezweifelt Wolfgang Keck, Jäger im Pfälzer Wald. In der Zeit des Kalten Kriegs arbeitete er in der Nähe von Fischbach bei Dahn, an der Grenze zum Elsass. Dort hatte die US-Armee eine Kaserne. "Es gab immer mal wieder Vermutungen, dass es dort Giftgas gab oder so was", sagt Keck. Das 600 Hektar große Areal war mit Stacheldraht, Maschendraht, Stahl und Beton gesichert. "Ich weiß, dass die Army ein Problem mit Sauen hatte", sagt der Jäger. Die Tiere hätten immer die schwächste Stelle im Zaun gefunden. "Wenn eine Sau irgendwo reinwill, dann kommt sie rein."
Michael Ballmann-Zenz, der Winzer aus Osann-Monzel, hat sich nun für 1000 Euro einen Elektrozaun gekauft. Er ist dreifach gespannt, im Kabel fließt eine Spannung von 8000 Volt, den Strom dafür liefert eine Lkw-Batterie. Er sehe darin die letzte Chance, die Sauen loszuwerden. Ein Jäger im Dorf erzählte ihm, dass er im vergangenen Sommer gesehen habe, wie eine Sau, geschätzte 90 Kilogramm schwer, an einen Elektrozaun ging, schnüffelte und zuckte. Dann sei das Tier 20 Meter zurückgegangen, habe Anlauf genommen und sei mit Geheul losgerannt. "Das ging mit Zunder", sagte der Jäger. "Die ging da rein in den Zaun mit einem Tonnenschub. Das war wie eine Explosion." Die Sau kam durch.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 10/2009