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Die nie endende Angst vor den Brandstiftern

16. November 2012, 12:30 Uhr

Im November 1992 warfen Neonazis Brandsätze in das Haus einer türkischstämmigen Familie in Mölln. Drei Menschen starben. Mit ihrem Sohn stürzte sich Ayten Arslan aus dem zweiten Stock - und überlebte. Von Esra Özer und Dominik Stawski

Mölln, Ayten Arslan, Fremdenhass, stern

Vor 20 Jahren steckten Neonazis ein Haus in Mölln in Brand. Drei Menschen starben.©

Vor zwei Jahrzehnten wurde Deutschland von einer Welle brauner und rassistischer Gewalt erschüttert. Einer der traurigen Höhepunkte war der Mordanschlag von Mölln am 23. November 1992. Drei Menschen starben. Ayten Arslan ist die einzige Überlebende, die noch in der Kleinstadt in Schleswig-Holstein lebt. Die Angst vor Anschlägen hat sie nie mehr losgelassen: Ihre Adresse, ihre Telefonnummer – "die kennen nur meine engen Freunde, ich behalte sie lieber für mich", sagt Ayten Arslan.

Anfang der neunziger Jahre häuften sich in Deutschland Angriffe auf Ausländer. Allein im Januar 1992 gab es zehn Steinwürfe auf Asylbewerber-Unterkünfte. In Hoyerswerda griffen im September 1991 Neonazis eine Gruppe von Vietnamesen an, später warfen sie Brandsätze. Knapp ein Jahr später, im August 1992, setzten Neonazis in Rostock-Lichtenhagen ein Ausländerwohnheim in Brand, Tausende Schaulustige sahen zu.

Und dann, Ende November, Mölln – die ersten Toten.

Zwei Neonazis, der eine 19, der andere 25, waren durch die Stadt gefahren und hatten nacheinander zwei Häuser in Brand gesteckt, in denen türkische Familien wohnten. Erst in der Ratzeburger Straße, die Bewohner konnten sich knapp retten. Ein paar Minuten später in der Mühlenstraße 9, wo Ayten Arslan, damals 26 Jahre alt, gerade ins Bett gegangen war. Ihr Sohn, sechs Jahre alt, bei ihr.

Ihre Schwiegermutter Bahide weckte die Großfamilie, schrie durch das Haus und rettete so das Leben von Ayten Arslan und den anderen. Für die Schwiegermutter selbst und zwei Mädchen, 10 und 14 Jahre alt, kam die Hilfe der Feuerwehr zu spät. "Bahide hat ihr Leben für die Kinder geopfert", sagt Ayten Arslan im stern. "Sie war diejenige, die alle geweckt hat. Die Frauen waren mutiger als die Männer. Die waren oft nicht da."

20 Jahre später: Das Haus in der Mühlenstraße ist saniert und wieder bewohnt, sie haben es nach Bahide Arslan benannt. Die zwei Neonazis, die zu zehn Jahren bzw. lebenslanger Haft verurteilt wurden, leben unter neuen Identitäten irgendwo in Deutschland. Die Männer der Familie Arslan veranstalten am 23. November dieses Jahres gemeinsam mit der Stadt Mölln einen großen Gedenktag, Politiker werden kommen, die deutsch-französische Journalistin Beate Klarsfeld wird eine Rede halten. Die Zeitungen werden noch einmal voll sein von Berichten über den Anschlag 1992.

Und Ayten Arslan? Sie hat jahrzehntelang öffentlich so gut wie kein Wort über ihr Schicksal verloren, sich nach der Trennung von ihrem Mann zurückgezogen und gelernt, mit ihren Behinderungen zu leben. Bis heute kann sie ihren linken Fuß nicht belasten, sie humpelt. Bei dem Sprung aus dem zweiten Stock brach sie sich das Gelenk, die Beine und die Hüfte. Wegen der Schmerzen will sie sich bald noch einmal operieren lassen. Wenigstens den Rollstuhl ist sie losgeworden.

Sie wird die Gedenkveranstaltung besuchen, sagt Ayten Arslan dem stern. Aber nicht lange bleiben. "Ich bin dort eine Fremde. Stehe am Rand. Es ist, als hätte ich nie in dem abgebrannten Haus gelebt."

Während die Männer der Familie nach dem Anschlag die Öffentlichkeit suchten, die Gewalt gegen ihre Familie anprangerten, hat sich Ayten Arslan immer weiter zurückgezogen. So sehr, dass heute niemand mehr über sie spricht, wenn an die Opfer von Mölln erinnert wird. "Niemand fragt nach mir. Über mich wird nicht geredet. Da ist nichts. Ich glaube, der Bürgermeister weiß nicht mal, dass ich hier wohne."

Nach dem Anschlag hatte sie überlegt, wegzuziehen, nach Hamburg oder sogar zurück in die Türkei, zu den Eltern, die sie einst nach Deutschland schickten, damit Ayten Arslan hier ihren Cousin heiraten konnte. Sie hat sich für Mölln entschieden, auch wenn sie bei jedem Gang durch die Stadt an dem Haus vorbeikommt, in dem sie fast verbrannte. "Am Anfang konnte ich meinen Kopf gar nicht zur Seite drehen und auf das Haus schauen. Heute geht das. Aber Mölln ist doch nicht daran Schuld, dass das passiert ist."

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