Schon einmal wurde nach einem Super-Gau eine Sperrzone eingerichtet wie jetzt in Fukushima - vor 25 Jahren in Tschernobyl. Besuch in einer von der Zivilisation fast vergessenen Gegend. Von Niels Kruse, Tschernobyl

Für einen Feiertag aufgebaut und niemals benutzt: der verrottene Autoscooter in der Geisterstadt Pripjat© Helmut Fohringer/EPA/DPA
Trockenes Heu verwischt den Übergang zwischen Wald und verkratertem Beton, der Wind weht Sträucher und Äste auf die Wege, in die die Witterung gartenteichgroße Schlaglöcher meißelt. Weder Straßenpfosten noch Gräben, weder Müll noch Schilder säumen den Rand dieser Buckelpiste, um die sich seit 25 Jahren niemand mehr kümmert. Nur kurz greift der Mensch in diese Wildnis ein: In einer 90-Grad-Kurve weißen fünf Arbeiter gerade eine Leitplanke - eine bizarre Aufgabe in der Sperrzone von Tschernobyl, inmitten der mit am schlimmsten radioaktiv verseuchten Gegend der Welt.
Auch wenige Meter vom Unglückreaktor entfernt kniet eine Handvoll Frauen, um mit einfachen Pinseln die verblasste Farbe einer Bordsteinkante aufzufrischen - als könnte etwas Weiß die unendlichen Folgen der
Er erzählt, was alles verboten ist in dem rund 3000 Quadratkilometer großen Gebiet: Essen, Trinken und Rauchen unter freiem Himmel zum Beispiel. Bewohner und Besucher sind zudem angehalten, sich regelmäßig Hände, Gesicht und Schuhe zu säubern, um möglichst wenig mit dem strahlenden Erbe des zerborstenen Block 4 des Lenin-Kraftwerks in Kontakt zu kommen. Mindestens 11.000 TeraBecquerel an Radioaktivität, so viel wie niemals zuvor, sind damals ausgestoßen worden - darunter Cäsium, Strontium und Plutonium. Das Zeug hat sich rund um den Reaktor auf den Böden niedergelassen. Jeder Windzug, jeder Spatenstich, jedes Tier wirbelt bis heute belastete Staubpartikel auf, die, sollten sie in den Körper gelangen, jahrelang vor sich hinstrahlen.
An Landwirtschaft ist mindestens die nächsten 300 Jahre deshalb nicht zu denken, doch Hanna Sawarotnia schert sich nicht darum. Im Vorraum ihrer Zwei-Zimmer-Hütte im Dörfchen Kupowate lagern Kartoffeln, Zwiebeln und Rote Beete in Weidenkörben - Früchte aus dem heimischen Garten, angebaut nur wenige Kilometer entfernt vom Zentrum der Katastrophe. 78 Jahre alt ist Hanna, sie trägt ein rostrotes Kleid, ihr Kopf ziert ein helles Kopftuch mit Blumenmuster und wenn sie lächelt blitzt ein unterer Schneidezahn goldfarben auf. "Ich spüre keine Strahlung", sagt sie, "ich weiß auch nicht was das ist."
Noch am 26. April wurde ihr und den Nachbarn angekündigt, dass sie bald weggebracht würden. Am nächsten Tag standen Autobusse bereit, die sie zu Gastfamilien außerhalb der Sperrzone fuhren. Ein Jahr später kehrte Hanna wieder zurück. Erlaubt war das nicht, aber es wurde geduldet. "Heimat lässt sich nicht ersetzen", sagt sie. Zurück auf ihrem Hof bestellte sie die Böden neu und lebte ihr altes Bauernleben weiter. Nur auf die Kühe musste sie verzichten. Wegen der belasteten Milch, die die Viecher nun gaben, weil sie das belastete Gras aus den belasteten Böden rupften. Jetzt, ein Vierteljahrhundert später, gackern neben den Schweinen die Hühner im Garten und in den Birken stecken wieder Blechecken, über die der Baumsaft in große Einmachgläser tropft. 22 Menschen leben noch in Kupowate - fast ausschließlich Frauen. Einige Männer sind nicht wieder zurückgekehrt, andere in der Fremde gestorben. Hanna ist fest davon überzeugt, dass es Heimweh war, das sie dahingerafft hat.
Rund 170.000 Menschen wurden in anderthalb Wochen aus der 30-Kilometer-Zone geschafft. Viele starben kurz danach an der Überdosis Strahlen, die genaue Zahl kennt bis heute niemand. Andere kehrten schon nach wenigen Wochen in ihre alten Häuser zurück und lebten noch einige Jahre. Die meisten Rückkehrer waren alte Leute, die keine Kraft hatten, in der Fremde neu anzufangen. Und kein Geld, um sich dort das Lebensnotwendige leisten zu können.
Zu Hause aber wartete ihr Häuschen und ein Stück Land, das mit der eigenen Hände Arbeit beackert werden konnte. Immerhin: Das Grundwasser ist von der Radioaktivität weitgehend verschont geblieben. Auch 25 Jahre nach der Explosion des Reaktorblocks halten sich 300, 400 Menschen in der Zone auf diese Weise über Wasser. Bis vor zwei Jahren wurde das dort angebaute Gemüse noch auf Kontamination gemessen, doch dafür hat die ukrainische Regierung kein Geld mehr, oder will es nicht mehr haben. Manchmal kommen bei Hanna Verwandte vorbei, bringen unbedenkliches Essen mit und versuchen die Rückkehrerin zu überreden, diese elende Gegend zu verlassen. Doch Hanna will nicht: "Wenn ich ein Tier wäre, wäre ich schon längst gestorben", sagt sie und versucht dabei tapfer zu lächeln.
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