
Die Turmhaube mit dem vergoldeten Kreuz wird wieder auf die Dresdner Frauenkirche gehoben. Das Barock-Bauwerk war im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Die mithilfe von Spendengeld wieder aufgebaute Kirche ist ein Sinnbild der Versöhnung© Jürgen Lösel
Im Januar 2000 hat Moldenhauer in Frankfurt das erste Treffen von Attac in Deutschland moderiert. Die Gruppe mit dem merkwürdigen Namen ist ein Import aus Frankreich und setzt sich ursprünglich dafür ein, Börsengeschäfte mit einer Steuer zu belegen. Attac versammelt die Menschen, denen es nicht passt, dass nur noch die Rendite zählt. Organisiert haben die Aktivisten das wie ein Internet-Startup. Sie hocken an ihren Computern in Verden an der Aller - weit ab vom Schuss - und bombardieren die Sympathisanten über ihre Webseite mit Infos, Diskussionshilfen, Terminen, Foren und Kontaktdaten. "Es ist kein Zufall, dass wir auf dem Höhepunkt des scheinbaren Siegeszuges des entfesselten Marktes entstanden sind", sagt der ehemalige Attac-Aktivist Moldenhauer.
Ein paar Tage im Sommer 2001 machen aus Attac eine Massenbewegung. Es sind die Tage des G-8-Gipfels in Genua, bei dem ein Demonstrant erschossen und Zehntausende von einer wild gewordenen italienischen Polizei mit Tränengas und oft auch mit Knüppeln verfolgt werden. "Danach ging es richtig ab", sagt Moldenhauer. Ein paar Wochen denken die Globalisierungskritiker, jetzt könnten sie die Massen gewinnen und die Welt ändern. Dann kommt der 11. September 2001.
Um 8.46 Uhr Ortszeit schlägt an diesem Dienstag das erste Flugzeug im Nordturm des World Trade Center in New York ein, um 9.03 Uhr das zweite in den anderen Turm. Die Wahrzeichen der Kapitale des westlichen Kapitalismus stürzen ein. Sie begraben Tausende Menschen und den Traum von einer friedlichen Welt. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte erklärt die Nato, das alte Verteidigungsbündnis des Westens, den Verteidigungsfall. Nicht eine kommunistische Supermacht ist der Gegner, sondern fanatisierte Islamisten, die ausgerechnet in Hamburg den größten Terrorakt der Geschichte vorbereitet haben.
Der "Kampf der Kulturen", den der US-Politologe Samuel Huntington so eindringlich beschworen hatte, scheint begonnen zu haben. Spüren kann man das bald an jedem Flughafen, bei jeder Großveranstaltung und überall, wo Tausende Menschen zusammenkommen. Die Sicherheitsvorkehrungen steigern sich ins Absurde. Die Angst ist allgegenwärtig. Verwackelte Aufnahmen einer Überwachungskamera werden wenige Jahre später zeigen, wie ein Mann mit einer Kofferbombe über einen deutschen Bahnsteig schlurft.
Ausgerechnet Otto Schily, einst ein feuriger Anwalt der Freiheit des Einzelnen gegen Übergriffe des Staates, sorgt als Innenminister dafür, dass neue Gesetze die Sicherheit verbessern und das Leben ungemütlicher machen.
Doch dann passiert in Deutschland etwas geradezu Unglaubliches. Im Jahr 2006 feiert das ganze Land mit vielen Hunderttausend Gästen aus aller Welt ein gigantisches Fest. Die Sonne scheint ununterbrochen in diesen Wochen. Es ist das Sommermärchen der Fußballweltmeisterschaft. Schwarz-rot-goldene Fahnen wehen - und sind ein Zeichen guter Laune ohne jeden Hauch von Nationalismus oder Chauvinismus. Dass die Deutschen das Halbfinale unglücklich gegen Italien verlieren, wirkt im Nachhinein wie eine geniale Dramaturgie. Wir waren gut, sehr gut sogar, fast hätten wir gewonnen - und als wir das nicht getan haben, ging die Party einfach weiter. Weit mehr als ein Jahr surft das Land auf der Welle des neuen wirtschaftlichen Erfolges und einer tiefen Zufriedenheit mit sich selbst.
Bis vor wenigen Monaten ging das so. Und scheint doch unendlich weit entfernt. Zu tief sind die Verwerfungen, die das Desaster des entfesselten Kapitalismus im Herbst 2008 begleiten. Die Banken taumeln, die Wirtschaft stellt sich auf eine schwere Rezession ein. Ein "Katarakt" der Geschichte müsse überwunden werden, sagt der Bielefelder Großanalytiker Wehler. Eine Stromschnelle also, eine Zeit, in der sich der Lauf der Dinge beschleunigt.
Doch wer nun um seinen Job fürchtet, um seine Lebensversicherung, um die Aktien in seinem Depot - dem kann schon ein Blick auf die vergangenen zehn Jahre in Deutschland ein wenig Ruhe und Kraft geben. Auch heute ist nicht der Tag, an dem die düsteren Prophezeiungen des Johannes wahr werden. Ablesen kann man es daran, dass alles schon mal da war in diesem turbulenten Jahrzehnt: Der Dax rauschte von weit oben nach tief unten. Und kam wieder hoch. Die Zahl der Arbeitslosen lag schon einmal bei 5,2 Millionen, nämlich im Februar 2005. Und fiel wieder um zwei Millionen. Schon einmal - im Überschwang der New Economy - wurde verkündet, dass die Welt nun eine andere sei. Und doch blieb vieles, wie es war. Was damals in der Euphorie richtig war, stimmt auch in der Krise dieser Tage: Wann immer ein neues Zeitalter ausgerufen wird, ist Skepsis angebracht.
Das eigentlich Bemerkenswerte an diesen Tagen ist das Ende einer fast drei Jahrzehnte lang vorherrschenden Strömung, die aus den Studierstuben der Universitäten kam, in den 80er Jahren das Denken der britischen Premierministerin Margaret Thatcher und des amerikanischen Cowboy-Präsidenten Ronald Reagan prägte und zu Beginn des neuen Jahrhunderts auch die Sozialdemokraten in Europa infizierte. Nämlich dass der Markt der Anfang und das Ende von allem sei. Dass das Heil ausbreche, wenn man nur seiner Urgewalt freien Lauf lässt.
Seit Banker in Scharen um Geld vom Staat betteln, ist dieses Denken gründlich diskreditiert. Angela Merkel, die erste Frau und erste Ostdeutsche im Kanzleramt, ist ein gutes Beispiel für die Wende im Weltbild: 2003 noch hat sie auf dem Leipziger Parteitag der Christdemokraten einen Gottesdienst für den Markt gelesen. Jetzt schimpft auch sie - wie fast alle anderen - auf nacktes Renditedenken, auf die ungezügelte Gier und den Raubtierkapitalismus. Plötzlich scheint wieder sehr modern, was lange hoffnungslos altmodisch wirkte: die Idee des Ausgleichs zwischen Kapital- und Arbeitnehmerinteressen und die schöne Vorstellung, dass Eigentum verpflichte.
Doch wer auf die bald 60 Jahre Geschichte der Bundesrepublik blickt, der kann auch erkennen, dass die großen Erfolge erst möglich wurden durch die Wohlstandsmaschine, die eine freie Wirtschaft noch immer ist.
"Ich habe tiefen Respekt vor der ingeniösen Erfindung des Marktes", sagt der Historiker Wehler. Nur könne der Markt - wie heute leicht zu erkennen sei - weder für Gerechtigkeit sorgen noch sich selbst regulieren. Sein Fazit würde den Männern und Frauen gefallen, die diesen erfolgreichsten Staat auf deutschem Boden vor bald 60 Jahren gegründet haben: "Ich sehe niemanden, der ein System hat, das der sozialen Marktwirtschaft überlegen wäre."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 50/2008