
Klaus Ahmann, 47: "Ich bin heute viel klarer"© Mareike Foecking
Das neue Leben des Klaus Ahmann ist ein Provisorium. Vor fünf Monaten hat der 47 Jahre alte Maschinenbauingenieur seine Frau und die vier Töchter verlassen, die Doppelhaushälfte zunächst gegen eine Dreieinhalbzimmerwohnung getauscht. Sie liegt unweit des Gymnasiums, in das seine Mädchen gehen. So hat er ein wenig das Gefühl, in ihrer Nähe zu sein. Das Sorgerecht haben, so ist das rechtstheoretisch, beide Elternteile. Praktisch aber hat Ahmann die Mädchen seit Weihnachten nicht gesehen. Lara, die Zweitälteste, war anfangs für drei Monate bei ihm, hat es aber nicht ausgehalten. Sicher vermisste sie ihre Mutter, die Geschwister und jene Nestwärme, die ein durchweg vernunftgesteuerter, sich auch privat neu orientierender Vater wohl nicht geben kann. Die Wohnung, von schon rührender Traurigkeit, tat ein Übriges: im Wohnzimmer ein Tisch mit vier Stühlen, Sideboard, Zweisitzersofa und Fußballkicker, keine Bilder. Im Schlaf- und im "Kinderzimmer" jeweils ein Schrank und eine Matratze, von Freunden zusammengeliehen. Küche, Diele, Bad. Weil die Mädchen sich nicht blicken ließen, ist Ahmann Ende April wieder aus- und in eine Einzimmerwohnung gezogen.
Klaus Ahmann hat seine Familie, sagt er, nicht verlassen, weil er auf der Suche nach etwas Jüngerem war, oder weil sie ihm zu viel wurde, die eigene Sippe. Er hat sie verlassen, weil er sich schlicht überzählig fühlte. Er hat das alles aufgeschrieben, sehr detailliert, sehr subjektiv. Auszüge aus dem Protokoll geben einen Einblick in die Lebenssituation eines Typs Mann, der gar nicht so selten ist:
"Als wir heirateten, 1986, da hatte ich die Vorstellung von einer Partnerschaft auf Augenhöhe, den Traum von den Kindern und einer Rangfolge: Erst Mama und Papa, dann die Kinder und dann die Verwandten, die Freunde. Und ich kann heute sagen, dass alle vier Mädchen Produkte der Liebe waren. Aber unsere Ehe veränderte sich rapide, in der Rangfolge war ich bald auf Platz sechs. Meine Wünsche und Vorstellungen zählten nicht mehr. Unser Leben, vor allem das am Wochenende, wurde total auf die Bedürfnisse meiner Frau ausgerichtet, die ihre Vorstellungen auf die Kinder übertrug. Malen, musizieren, Events. Zweisamkeit spielte keine Rolle mehr. Ich war der Außenseiter."
Ahmann glitt in eine Depression. Erst fünf Jahre und einen leichten Schlaganfall später sei ihm klar geworden, dass es so nicht weitergehen konnte: "Das ist der Tod auf Raten. Du musst was für dich tun. Erste Trennungsgedanken kamen nach meiner Depression. Das wurde dann konkreter, als ich durch eigene Initiativen - Sport, einen Französischkurs - wieder Selbstbewusstsein gewonnen hatte. Doch ins Gespräch kam ich mit meiner Frau nicht mehr, weil es ihr wohl auch nicht passte, dass ich selbstbewusster geworden war. Sie machte zu. Ich mache heute Dinge mit meiner neuen Partnerin, die nie klappten mit meiner Frau, kochen und renovieren zum Beispiel, einfach das Leben genießen. Gelernt habe ich für meine zweite Partnerschaft, Konflikte anzusprechen, sofort und deutlich. Früher habe ich alles in mich reingefressen."
Oft ist es so, sagt der Mediziner und Bonner Klinikchef Dr. Manfred Nelting, dass sich in diesem Alter, das eigentlich von Souveränität und Gelassenheit bestimmt sein könnte, alles krisenhaft zuspitze. "Zu uns kommen Männer mit Angstsyndromen, mit Depressionen, Bluthochdruckler, Schmerzpatienten. Und viele haben gleich mehrfach Probleme. Sie werden eines Morgens wach und können sich nicht mehr bewegen. Oder sie können es zwar, bleiben aber einfach liegen und verweigern sich. Da ist dann so ein Unwirklichkeitsgefühl." Dahinter stehen oft gescheiterte Lebenspläne. Und zwar auf allen Gebieten.
Gezeiten-Haus hat Manfred Nelting seine Privatklinik genannt. Der Name ist das Ergebnis längeren Suchens und der Einsicht, dass der Begriff polare Gegensätze implizieren sollte. "Via Bonna", der gute Weg, ganz hübsch, ging darum nicht: Er hätte ja den Weg, auf dem man stolpert, ausgeschlossen. Das Gezeiten-Haus, offen für Männer und Frauen, liegt im Stadtteil Bad Godesberg, am Rande des Kottenforstes. Eine sehr schöne, waldreiche Ecke, hoch über dem Bonner Talkessel gelegen, wo sich im Sommer die Luft dermaßen staut, dass Reiz- und Aggressivitätspegel rasant steigen. Die CDU kannte schon immer die schönen Winkel. Im Zuge der Kohl'schen Spendenaffäre musste Frau Merkel den funktionalen Flachbau, Heimstatt einer der offiziellen CDU-Stiftungen, verkaufen.
Hierher reisen sie nun, die Mühseligen und Beladenen, leitende Angestellte, höhere Beamte, Chefs von mittelständischen Firmen und - ganz selten - Manager mit dem Segen der Vorstände: Psychosoziale Probleme sind immer noch ein Tabuthema. Bei Männern vor allem. Die innere Einkehr dauert in seltenen Fällen vier, meist sechs bis acht Wochen. Es kommt so mancher mit der Vorstellung vom 14-Tage-Trip. Als gelte es, zwischen zwei beruflichen Wahnsinnsprojekten mal eben zwei Wochen Puerto Andratx einzuschieben. Manfred Nelting, Ende 50, die langen, grau melierten Haare zum Pferdeschwanz gebunden, darf man als aufgeklärten 68er bezeichnen. Als einen, der die Kämpfe mit einer kriegsbelasteten und (vielleicht auch deshalb) arbeitswütigen Vätergeneration in ihrer absolutistischen Form heute als Wirrung empfindet.
Eigentlich, sagt Nelting, seien "viele von uns Mutters Söhne" geblieben. "Von klein auf erfüllte der Junge Mutters Aufträge, passte sich an, adaptierte ihre Weltsicht." Viele Männer blieben dann so, sie funktionierten, hätten damit auch Erfolg - und doch entfernten sie sich immer weiter von ihrer eigenen Identität. Das klingt sehr theoretisch, wenn Nelting aber die Folgen beschreibt, wird die seelische Verdrückung sehr lebendig: "So einer lässt immer mehr Anteile von sich selbst weg, da kann man schon prophezeien, der erreicht die Rente nicht ohne Lebenskrise, ist oft so früh ausgebrannt, das kann gar nicht klappen. Er hat ja nie richtig gelernt, sein eigenes Ding zu machen. Da war ja oft kein Vater, der gesagt hat: Mach mal." Die Zahl der Bindungsgestörten sei eklatant, die negativen Beziehungserfahrungen würden oft mit Leistung kompensiert. "Das heißt aber auch, dass wir eine Menge von ,unfertigen Männern‘ in recht hohen Positionen haben", sagt Nelting.
Krise bedeute aber immer auch Chance. Die Chance, sich selbst zu finden. Worauf es ankomme, sei, dass die Männer mit sich selbst ins Gespräch kämen. "Viele Patienten sagen zu Beginn: ‚Ich bin völlig ratlos‘. Ich auch, sage ich dann oft. Wenn sie mich entsetzt anschauen, erkläre ich das: Ich sei zwar der Experte, aber der Experte ist meist der Kumpan des Verstandes. ‚Und mit dem Verstand aber haben Sie Ihr Problem ja gerade nicht lösen können.‘" Was die Patienten auf der Reise zu sich selbst brauchten, sei ein "menschliches Gegenüber, das alles Manipulative außen" vor lasse. Und das menschliche Gegenüber, da ist Manfred Nelting ganz bestimmt, sollte ein Mann sein. "Auf dem Weg aus ihrer Krise sollten sich Männer nicht von einer weiteren Mutter begleiten lassen."
"Kastanie" heißt die Kneipe im Düsseldorfer Stadtteil Stockum, nicht weit vom Rhein gelegen. Als "Alter Exerzierplatz" war sie in den 60er und 70er Jahren Heimstatt des SPD-Ortsvereins. Das Alt kostete 45 Pfennig an der Theke, 50 am Tisch. Im Hinterraum feierten unsere Väter Gustav Heinemanns Wahl zum Bundespräsidenten, bald darauf den ersten sozialdemokratischen Kanzler, Willy Brandt - und Klaus Bungert, den Ortsvorsitzenden, der Düsseldorfer Oberbürgermeister wurde. Wir treffen uns mit Bungerts Sohn Axel, ein Wiedersehen nach 35 Jahren. "Durch Vaters Sterben voriges Jahr, bei dem ich ihn begleitet habe, hat das Thema Abschiednehmen für mich eine andere, emotionalere Qualität bekommen", sagt Bungert, 53.
Der Tod des eigenen Vaters ist eine Zäsur, es ist der vielleicht letzte Abschied von der eigenen Kindheit - egal, wie gut oder schlecht das Vater-Sohn-Verhältnis gewesen sein mag. Man steht nun selbst vornan. "Heute schießt mir durch den Kopf: Wenn alles gutgeht, hast du noch 28 Jahre, dann bist du 80, wie dein Vater. Das heißt, zwei Drittel sind schon um, du hast nur noch ein Drittel. Und dieses Drittel wird ja nicht besser, körperlich", sagt Bungert, der als Key-Account-Manager bei einer großen Versicherung arbeitet und nebenbei, aber sehr intensiv, in zwei Düsseldorfer Bands Gitarre spielt.
Nun hat es das Schicksal besonders gut gemeint mit dem kinderlosen, geschiedenen Bungert. Groß gewachsen, schlank, eine enorm straffe Gesichtshaut, große braune Augen. Und dann die grauen vollen Haare. Er gehört zu den Männern jenseits der 50, die das 80er-Jahre-Revival der Schimanski-Jacke mit Würde tragen können. Und doch: "Ich halte dem Druck zwar stand, aber ich bin nach einem harten Arbeitstag fraglos kaputter als noch vor zehn Jahren. Die Regenerationsphasen werden länger." Wie viele Männer in seinem Alter erlebt er den Flug der Zeit und den Druck der nachdrängenden, 35-, 40-jährigen Karrieristen. Auch auf der zweiten und dritten Arbeitsebene seien 60-Stunden-Wochen heute gang und gäbe. Und ganz oben?
Vor 30 Jahren, als die heute an der Spitze der Unternehmen, Behörden und Parlamenten ganz oben Angekommenen ihre Karriere noch planten, noch träumten von den "rooms at the top", da befasste sich der Psychoanalytiker Erich Fromm schon mit den Marketingstrukturen von Menschen in Führungspositionen. Er schrieb, und so mancher Chef wird sich heute vielleicht darin wiederfinden: "Der Erfolg hängt weitgehend davon ab, wie gut man seine Persönlichkeit verkauft. Man erlebt sich als Ware oder richtiger: gleichzeitig als Verkäufer und zu verkaufende Ware." Der Mensch, folgert Fromm, "kümmert sich nicht mehr um sein Leben und sein Glück, sondern nur noch um seine Verkäuflichkeit".
Warum aber ist das noch mit Ende 50 oder Anfang 60 so? Warum endet das Getriebensein nicht? "Weil ein hoher Anteil der Motivation in der Selbstwert-Gratifikation: in dem, was ich noch tun kann für meine eigene Bedeutung", sagt der Psychiater Hans-Joachim Schwarz, den wir zum Abschluss unserer Reise so ziemlich am obersten Ende Deutschlands besuchen. Es sind nicht wenige Spitzenkräfte norddeutscher Unternehmen und Verlage, die den Weg zu Schwarz ins entlegene Rickling aus dem Eff-Eff kennen. Schwarz ist hier Leitender Chefarzt mit über 1000 Patienten und fast ebenso vielen Mitarbeitern.
"Weitermachen", sagt Schwarz, "kann ja auch auf der richtigen Analyse beruhen: Ich kann's noch. Und weil das so ist, stelle ich mich zur Verfügung, erfülle meine Pflichten."
Ich kann's noch: eine lebenslange Programmierung, die ganz offenbar mit unserem Männerbild zusammenhängt, das, sagt Schwarz, "von den Begriffen Kompetenz, Verlässlichkeit, Solidität dominiert" sei. Im Grunde, so Schwarz, haben die heute 50-Jährigen eine gute Ausgangsposition: Das körperliche "Verfallsdatum" sei nach hinten verschoben, die "Gebrauchsfähigkeit" bewiesen. "Männer in dem Alter müssen nicht mehr auf jeden angebotenen Konflikt einsteigen, sie können in Diskussionen ihre Affekte besser kontrollieren und sind darum, was alle doch gern sein möchten: gelassen."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 28/2008