
Polizisten suchen im Jahr 2001 nahe des Schullandheims Wulsbüttel nach dem entführten Dennis© Picture Alliance
Gegen 22 Uhr ist Nachtruhe nach einem aufregenden Tag. Auch Dennis geht auf sein Zimmer, es ist der zweite Raum des Ganges. Dort liegt er oben im ersten Stockbett, gleich rechts von der Tür, die Matratze riecht nach Seifenlauge, Schullandheim-Geruch. Aber er hat seine eigene Bettwäsche aufgezogen, FC-Bayern-Bettzeug, "es musste alles FC-Bayern sein", sagt Oma Erika. Vor dem Einschlafen wird von jedem Kind ein Erinnerungsfoto geschossen: Dennis, auf der Bayern-Wäsche sitzend, hält schüchtern seine gelbe Pokemon-Figur vor sich. Dann geht das Licht aus. Um zwölf Uhr werden die Zimmer inspiziert. Alles in Ordnung. Es ist still im Heim. Die Türen sind abgeschlossen.
Zwei Fenster im Toilettenraum sind seit längerem eingeschlagen, notdürftig mit Pappe abgedeckt, ein großes Schwingfenster in einem leer stehenden Raum ist gekippt, es lässt sich auf einen Spalt von rund 30 Zentimetern öffnen. Von den zehn Schlüsseln des Heims sind seit Jahren nur noch neun vorhanden. Doch das wird der Heim-Vorsitzende, Sönke Hofmann, nach eigenem Bekunden erst später bemerken.
Mittwoch, 5. September, acht Uhr. Dennis fehlt. Er erscheint nicht zum Frühstück, sein Bett ist leer, sonst ist noch alles da. Kein Kleidungsstück fehlt, nicht die Schuhe, nicht das Taschengeld. Keiner der fünf Zimmernachbarn hat etwas gehört. Um 8.05 Uhr wird das Ufer des Badesees abgesucht. Kurz darauf wird die Polizei angerufen. Um 10.30 Uhr kreisen die ersten Hubschrauber über dem Wald.
Knapp 200 Polizisten und Helfer suchen Dennis. Vergebens. Auch in den nächsten Tagen keine Spur. Keiner weiß, wie Dennis aus dem Heim verschwand. Flugblätter werden verteilt. Nach einer Woche Suche werden Leichenspürhunde eingesetzt. Über 1700 Helfer sind beteiligt. Die Polizei glaubt an ein Verbrechen.
Am späten Nachmittag des 19. September klingelt bei der Polizei Zeven das Telefon. Ein Mann hat beim Pilzesuchen etwas Sonderbares gefunden, er wolle sich nicht lächerlich machen, aber es könnte eine Leiche sein. Kommissar Detlef Eichmann fährt zum Fundort, einem Wirtschaftsweg zwischen Kirchtimke und Hepstedt, 31 Kilometer von Wulsbüttel entfernt. Unter den Büschen liegt etwas, das aussieht wie ein Körper. Eichmann hofft zuerst, es sei eine Puppe, "dann sah ich das Ungeziefer", sagt er später, Tränen in den Augen.
Cuxhaven, Pressemitteilung der Polizeiinspektion, 22. September 2001: "Auf Grund von DNA-Analyse, Zahnstatus und äußeren Merkmalen steht nun sicher fest, dass es sich bei dem toten Jungen um den 9-jährigen Dennis K. handelt."
Dennis lag gebettet zwischen zwei Eichen, ein nacktes Bündel, nur den Slip am Leib. Versteckt unter dichtem Gestrüpp, gegenüber einem Brombeerstrauch, zwischen dem einsamen Wirtschaftsweg, auf dem der Jäger zur Wildschweinjagd fährt, und einem Wassergraben.
Bei der Pressekonferenz nach dem Fund von Dennis' Leiche erwähnt Soko-Leiter Uwe Jordan die früheren Vorfälle in Wulsbüttel, spricht davon, dass Kinderberichte vom "Schwarzen Mann" wahr gewesen sein könnten, dass man nach weiteren Fällen suche, dass auch andere Missbrauchsfälle in Schullandheimen in die Ermittlungen einbezogen werden, auch Kindermorde wie der Fall Stefan Jahr.
Am trüben Nachmittag des 27. September tragen vier ältere Herren in schwarzen Roben, schwarze Hauben auf dem Kopf, über den Friedhof von Werschenrege bei Scharmbeckstotel einen Kiefernsarg, ein Meter sechzig lang, darin der Leichnam von Dennis.
28. September 2001, Cuxhaven. Die Polizei veröffentlicht ein Phantombild des möglichen Serientäters: Größer als ein Meter siebzig, kräftig bis dick. Er trug eine schwarze Lederhose, eine schwarze Lederjacke und eine schwarze Maske.
Die Soko musste das Bild mühsam rekonstruieren, nach den Aussagen des Jungen, der vor über zwei Jahren in Wulsbüttel missbraucht wurde. Auch die Akten über die Vorgänge in Hepstedt sind bei der zuständigen Staatsanwaltschaft bereits vernichtet. Obwohl der Sprecher der niedersächsischen Soko betont, dass bereits 1995 der Seriencharakter der Missbrauchsfälle erkannt worden sei. Die Polizei Bremen hingegen teilt mit, bei einem Treffen zwischen niedersächsischen und Bremer Kollegen sei seinerzeit festgestellt worden, dass "konkrete Anzeichen für eine Serie nicht zu erkennen sind". Sie bedauert, dass die Heimleitung Wulsbüttel nicht vor Dennis` Tod über den Missbrauch von 1999 informiert wurde.
Geschlampt worden sei nicht, sagt ein Sprecher, "manchmal sind es auch Unzulänglichkeiten, ohne dass man sagen muss: Es wurde geschlampt". Die Ermittler seien von einer "einmaligen Tat" ausgegangen.
Dass der Schwarze Mann gekommen war und wieder kommt, hatten sie nicht befürchtet. "Dieser Täter", sagt Soko-Leiter Jordan, "profitiert von der Unglaublichkeit seines Vorgehens."