Daniel Schneider kehrt am 13. Mai 2006 aus Ägypten zurück, und es ist sehr wahrscheinlich, dass er Ähnliches erlebt hat wie die jungen Männer in Alexandria. Er ist nun offiziell konvertiert, das belegt eine Urkunde der Al-Azhar-Universität in Kairo. Es ist nicht klar, wer ihn dazu veranlasst, gleich wieder zu verreisen, diesmal in die Türkei, dann weiter über den Iran nach Pakistan. Die Ermittler haben seinen Weg anhand von Reisedaten, abgehörten Gesprächen und abgefangenen E-Mails nachgezeichnet.
Ende Juni 2006 besucht Daniel Schneider ein terroristisches Ausbildungslager in Mir Ali, Nord-Waziristan, an der Grenze zu Afghanistan. Er trifft dort auf Fritz Gelowicz, jenen Konvertiten aus Ulm, und Adem Yilmaz, den türkischen Muslim aus Hessen, die auch gerade im Lager sind. Sie hatten beim Sprachkurs in Syrien einen Mann kennengelernt, der sie hierher gebracht hat. Die drei lernen, wie man Sprengstoff mischt und wie ein Gewehr funktioniert. Sie üben das Schießen, auch auf echte Ziele, einen Armeehubschrauber etwa, als der sich dem Lager nähert. Daniel Schneider ist fasziniert von den Waffen und dem Gefühl, das sie ihm vermitteln. Später wird er Adem Yilmaz, den er Achi, Bruder, nennt, davon erzählen.
Achi, das Schlimmste in der Zeit, wo ich noch dort war, für
mich war, dass ich meine Knarre abgeben musste. Achi, das
war ein Gefühl, Achi, die war für mich … Mein ganzes Leben
habe ich auf was gearbeitet, dass ich mein Recht verteidigen
kann, Achi.
(abgehörte Dialoge)
Im Lager reift auch der Plan eines Attentats. Es ist nicht die Idee der jungen Männer aus Deutschland, denn es gibt nichts, was sie nach Hause ziehen würde, in die westliche Welt. Sie wollen kämpfen, hier in Afghanistan. Doch die Führer und Ausbilder im Terrorcamp haben anderes vor. Europa soll es sein, Deutschland.
Allah hat uns unseren
Weg gezeigt. Wir wollten eigentlich
was anderes. ... Alles
wird okay, weisch, wie ich
meine. - Wir wollten einfach nur gehen ... eigentlich wollte
ich ja nur ne Kugel fangen. - Is eben Dschihad, und dann soll
sich jeder ... Mir is des schnuppe, weisch.
(abgehörte Dialoge)

Der Selbstmörder: Cüneyt C., 28, aus Ansbach sprengte sich im März 2008 vor einem Nato-Gebäude in Afghanistan in die Luft© AFP PHOTO
Es gibt nicht viele Menschen, die davon erzählen können, wie es dort aussieht, wo der weltweite Terror entsteht. In Waziristan herrscht Krieg. Die pakistanische Armee kämpft mit den Amerikanern gegen die Taliban, die in den zerklüfteten Bergen ihr Stammesgebiet haben. Zugleich arbeiten Teile des pakistanischen Geheimdienstes ISI mit den Taliban zusammen. Auch al-Qaida und andere terroristische Gruppen haben sich hier niedergelassen, wer Terrorist ist und wer Agent, lässt sich manchmal nur schwer sagen. Es gibt kaum Journalisten, es gibt so gut wie keine unabhängigen Organisationen und keine objektiven Berichte.
Eine Frau aus dem fränkischen Ansbach aber kann davon erzählen, denn sie hat ihren Mann dort verloren. Cüneyt C., 28, Sohn türkischer Eltern, besuchte vermutlich dasselbe Ausbildungslager wie Daniel Schneider und Fritz Gelowicz. Danach fuhr er am 3. März 2008 mit einem Lkw in der ostafghanischen Provinz Khost in ein Militärgebäude der Nato-Streitkräfte, er hatte mehrere Hundert Kilogramm Sprengstoff geladen. Zwei amerikanische Soldaten, zwei Zivilisten und Cüneyt C. selbst starben.
Seda C. wohnt bei den Eltern ihres verstorbenen Mannes. Ein beigefarbenes Haus an der Ausfallstraße in Ansbach, auf einem Brett vor der Tür stehen kleine Schuhe, sie gehören Tochter Meryem, geboren im Terrorcamp.
Die 26-Jährige hat der Polizei ausführlich von Waziristan erzählt. Ihr Mann habe in ein islamisches Land reisen und den Koran studieren wollen, nachdem er in Hessen eine Gruppe junger Muslime kennengelernt hatte, unter ihnen auch Adem Yilmaz. Seda C. war nicht begeistert von der Idee, doch sie gab nach.
Im April 2007 reisten sie und ihr Mann mit beiden Söhnen nach Pakistan und landeten in einer Hüttensiedlung. Dort wohnten sie in einer windigen Scheune, zwischen Hühnern und Ziegen. Gekocht wurde im Freien, mit Holz oder Gas, nur selten funktionierte der Strom. Nicht weit entfernt sei Mir Ali gewesen, eine Stadt mit vielen Geschäften. Die Männer seien zum Einkaufen dort hingefahren, sagt Seda C. "Wir Frauen durften nie in diese Stadt."
Es war wie ein Gefängnis, sie durfte das Haus nur verlassen, um Nachbarn zu besuchen. Dann musste sie die Burka überwerfen, was sie, modern erzogen, nicht gewohnt war. Auch die Kinder blieben zu Hause, denn die versprochene Schule gab es nicht. Zwei Wochen lang sah Seda C. ihren Mann nicht, bis er zurückkam, mit einer Kalaschnikow und Granaten im Gepäck. Er sagte, er ziehe nun in den Dschihad. Dann war er wieder weg, oft viele Wochen.
Manchmal hörte sie Schüsse und Hubschrauber in der Nähe, und als die Gefechte eines Tages heftiger wurden, flohen die Frauen mit ihren Kindern aus dem Dorf. Über Wiesen und Bachläufe rannten sie, bis sie an ein leer stehendes Haus kamen, in dem sie unterschlüpften. In dieser Nacht gebar Seda C. ihr drittes Kind. Ihrem Mann teilte sie über ein Funkgerät mit, dass Meryem geboren war. Er sagte nicht viel dazu.
Es dauerte Wochen, bis sie ihren Mann davon überzeugte, sie und die Kinder nach Deutschland zurückkehren zu lassen. Er selbst wollte bleiben, und Seda C. spürte, dass seine Gefühle längst nicht mehr bei ihr waren, sondern bei den Kameraden an der Front.
Seda C. ist für die Ankläger eine wichtige Zeugin. Sie kann erklären, wie schnell die Ausbildung im Terrorcamp einen jungen Mann entfremdet und ihn bis in den Selbstmord treiben kann. Sie hat in Waziristan den Chef der Camps kennengelernt, einen Usbeken, der sich Sulaiman nannte. Die Ermittler gehen davon aus, dass es sich um Suhail Buranow handelt, von dem auch Daniel Schneider und Fritz Gelowicz ihre Anweisungen erhielten. Auch jene, ein großes Attentat in Deutschland zu verüben.
Am 8. Dezember 2006 wird Daniel Schneider im Iran festgenommen, nachdem er illegal aus Pakistan eingereist war. Weil er nicht sagt, wer er ist, wird er zurück nach Pakistan abgeschoben und dort inhaftiert. Nach einer Woche gibt sich Daniel Schneider als Deutscher zu erkennen, er wird nun sehr zuvorkommend behandelt. Er darf mit seinem Vater telefonieren, ein Angehöriger der Botschaft besucht ihn. Am 11. Januar 2007 verurteilt ihn ein Gericht in Taftan wegen illegalen Aufenthalts zu zwei Monaten Haft und 500 Rupien Geldstrafe, knapp fünf Euro. Am 12. Februar bereits darf er nach Deutschland fliegen.
Der Aufenthalt in Ägypten und Waziristan hat Daniel Schneider verändert, seine Freunde aus der Moschee bemerken es. Er ist nicht mehr einer, der fragt. Er gibt nun Antworten. Er beschimpft seine Freunde, wenn sie sich eine Zigarette anzünden oder in Jeansjacke zum Beten kommen. Er selbst kleidet sich wie ein strenger Sunnit und trägt eine knöchellange Hose. Seine Zähne reinigt er nur noch mit einem Kauholz, und in der Moschee verschenkt er Bücher über den Islam.
Seine Mutter findet ihn sonderbar, wenn er mit ihr über den Islam spricht. In einer Art Dialekt trägt er ihr dann Koranverse vor. "Es hörte sich an, als würde ein Ausländer sprechen", erzählt sie. "Er war wie in Trance." Sie bekommt von ihm einen Koran geschickt. Er hat eine Widmung hineingeschrieben. Das Buch solle ihr in schweren Zeiten Trost und Hoffnung schenken. Auch ein Verwandter hat den Eindruck, Daniel Schneider rede "in einer anderen Sprache". Er trifft ihn zufällig im Haus der Mutter, und sie diskutieren über die Religionen und die Frage, wann Gewalt erlaubt sei. Daniel Schneider sagt, auch im Christentum werde Gewalt gerechtfertigt. Er nennt Stellen aus dem Neuen Testament.
Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde
zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen,
sondern das Schwert.
(Matthäus 10, 34)
Der Verwandte, ein gläubiger Katholik, sagt, dies sei nicht wörtlich zu nehmen. Man müsse die Passage aus ihrem historischen Kontext verstehen. Das sei das Verbrechen der Christen, sagt Daniel Schneider, dass sie Gottes Wort ständig interpretierten. Im Islam gebe es nur ein Wort Gottes. Und sein Gesetz, die Scharia, sei unveränderbar.
Würdest du die Scharia denn auch auf mich anwenden? -
Ja. - Wenn ich mich weigere, Moslem zu werden und die
Schutzsteuer zu bezahlen, würdest du mich dann umbringen? - Ja. - Du würdest mir also die Rübe abhauen? - Ja.
(Erinnerung des Verwandten)
Es ist nicht die einzige Drohung, die der junge Konvertit ausspricht. Als sich sein jüngerer Bruder einmal kritisch über den Propheten Mohammed äußert, sagt Daniel Schneider zu ihm: "Ich verschone dich noch einmal, weil du mein Bruder bist. Beim nächsten Mal muss ich dich umbringen." Die Verwandten sind entsetzt. Sie melden sich beim Verfassungsschutz in Saarbrücken, sie wissen nicht, wen sie sonst um Rat fragen können. Zwei Mitarbeiter besuchen sie, es ist ein kurzes Gespräch, sie hören vor allem zu. Sie kennen Daniel Schneider längst. Gleich nach seiner Rückkehr aus Pakistan hatten sie versucht, mit ihm zu reden. Er war höflich, aber nicht zugänglich. Seitdem steht er unter Beobachtung, nicht nur von der Saarländer Behörde.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 16/2009