
Fabian, 3, aus Königswinter: "Ich räum mein Zimmer immer auf. Wenn ich das nicht mach, uii, dann ist was los"© Pascal Amos Rest
Längst ist die Kindheit, die unterdes etwa bis zur Vollendung des 30. Lebensjahres dauert, zu einem "Fall" mutiert, über den sich die ganze Nation beugt. Auf Augenhöhe robben dort Eltern ihrer Brut entgegen und fragen besorgt: Möchtest du dieses Jahr lieber nach Sizilien oder nach Dänemark? Willst du Nutella oder Honig? Möchtest du jetzt ins Bett oder lieber später? Und züchten mit ihrer Wohlfühl-Pädagogik ungewollt unglückliche Despoten heran, die zwar die eigenen Eltern manipulieren können, aber eben doch nicht die böse Welt, vor der sie immer gewarnt wurden. Aufgewachsen in einem einzigen Schlaraffenland und mit Erwachsenen, die sich ihretwegen stets zum Affen machen, werden sie die allergrößte Mühe haben, sich zu sozialisieren.
"Sobald heute ein Baby auf die Welt gekommen ist, geht es los mit Pekip, Krabbelgruppe und Babyschwimmen", sagt Regine Schneider, Mutter einer Tochter und Autorin des Buches "Die kleinen Bosse - wenn der Nachwuchs die Führung übernimmt". "Der Säugling bestimmt das Leben seiner Eltern rund um die Uhr fremd. Plötzlich ist nicht mehr die Mann- Frau-Beziehung wichtig, sondern die Beziehung zum Kind."
Aus den Wunschkindern, die heute geboren würden, sollten "gefestigte und starke Persönlichkeiten werden. Will doch jeder mit seinem gelungenen Kind glänzen. Und statt autoritär wollen Eltern partnerschaftlich und demokratisch erziehen".
Das Ergebnis sei ziemlich deprimierend. "Aus lauter Angst, beim ‚Projekt Kind‘ etwas falsch zu machen, den Nachwuchs etwa durch Nichtbeachtung zu frustrieren, ihn durch ein lautes Wort oder Verbot zu demotivieren, sein Urvertrauen zu erschüttern, machen Eltern viel zu viel", sagt Schneider. "Sie verwechseln Liebe und Geborgenheit mit Geben und Grenzenlosigkeit." Die Kinder seien maßlos verwöhnt, hielten sich für den Nabel der Welt und entwickelten eine unglaubliche Anspruchshaltung. "Als unerträgliche Tyrannen werden sie ihre Eltern zur Weißglut treiben und ihren Mitmenschen auf der Nase herumtanzen. Sie haben gelernt: Ich bin die Sonne, alles dreht sich um mich. Sie quengeln, quatschen dazwischen und wollen alles sofort."
Eltern sollten "Leuchttürme" sein, verlässlich und klar, findet der dänische Familientherapeut Jesper Juul, Gründer des "Familylab", eines Beratungsforums im Internet. "Dann können Kinder lernen, wie man navigiert. Nun ist in manchen Familien in den vergangenen Jahren das Gegenteil passiert. Die Kinder sitzen auf dem Fahrersitz, und das ist furchtbar. Sie können sich nicht entwickeln, sie werden krank davon - und die Eltern natürlich auch."
Spätestens, wenn die sich nur noch als Cateringunternehmen fühlten und zugleich die Empfindung andauernder Selbstaufgabe hätten, müssten sie die Reißleine ziehen und Hilfe suchen - oder endlich "Leadership" an den Tag legen, nämlich Führungsqualitäten. Mit anderen Worten: Sie sollen endlich anfangen, ihre Kinder zu erziehen.
Und die kleinen Tyrannen, die Teufelsbrut?
Die sträubt sich nicht mal groß.
"Also, meine Meinung zur Erziehung ist",
schreibt die zehnjährige Nini aus der
Münchner Grundschule Maria Ward in
einem Aufsatz, "dass es manchmal so richtig
nervend ist. Man fühlt sich wie ein
Sklave, der in seine Arbeit eingeweiht wird.
Doch es kann auch manchmal hilfreich
sein, das muss ich zugeben."
*Namen geändert
Mitarbeit: Anette Lache, Kerstin Schneider; Rupp Doinet, Ingrid Eißele, Karin Kontny, Matthias Lauerer, Franziska Reich, Holger Witzel
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 22/2008