Kindstötung als Ausweg aus der Depri-Hölle

18. November 2012, 08:00 Uhr

Erst die eigenen Kinder umbringen, dann Selbstmord: Allein in Bayern töteten jüngst Mütter oder Väter neun ihrer Sprösslinge. Meistens haben die Eltern alle Hoffnung auf ein schönes Leben begraben. Von Malte Arnsperger

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"Diese Entwicklungen laufen meistens verdeckt ab"

Zu diesen Schicksalsschlägen gehört auch die Trennung vom Partner. Und wieder sind es laut den Untersuchungen insbesondere Männer, die in solchen Situationen ihre Kinder aus Rache an der Partnerin töten und sich dann selbst richten. So heißt es in der niederländischen Studie: "Die meisten Erhebungen haben gezeigt, dass viele der Täter angetrieben werden von einem Kontrollverlust über ihre Partnerin. Das Hauptziel der Handlung des Mannes ist seine Partnerin, nicht die Kinder." Und die Forscherin der Uni Bonn schreibt: "In dieser Konstellation, die auch Medea-Syndrom genannt wird, tötet ein Elternteil ein oder mehrere Kinder, um sich am Partner zu rächen. In manchen Fällen tötet er oder sie sich anschließend selbst."

Taten kaum vorhersehbar

Experten wie Wolfersdorf machen sich aber nicht nur Gedanken über die Ursachen, sondern auch über die Möglichkeiten, solche Taten in Zukunft zu verhindern. Sie stoßen dabei sehr schnell an Grenzen. "Diese Entwicklungen laufen meistens verdeckt ab, und solche Taten sind auch für enge Familienmitglieder schwer vorhersehbar", sagt Wolfersdorf. Hans Hillmeier, stellvertretender Chef des Bayerischen Landesjugendamtes, sieht es ähnlich und gibt zu: "Bei diesem Thema schwingt bei mir viel Hilflosigkeit mit."

Doch gerade für die Sozial- und Jugendbehörden ist es wichtig, diese Hilflosigkeit abzuschütteln und vorbeugend einzugreifen. Hillmeier hält die neuen, seit Jahresanfang geltenden Rechtsvorgaben zum Kinderschutzgesetz für einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung. "Dieses Gesetz hat gerade die präventive Komponente gestärkt. Denn es sieht vor, dass schon werdende Eltern Hilfsangebote bekommen und ihnen Einrichtungen gezeigt werden, an die sie sich mit ihren Sorgen wenden können." Darüber hinaus werde durch das Regelwerk auch die Zusammenarbeit zwischen den Gesundheits- und Jugendbehörden zum Wohle der Kinder gestärkt, sagt Hillmeier. "Es sind aber auch die Nachbarn, Freunde und Angehörige gefragt. Sobald sie merken, dass eine Mutter oder ein Vater mit kleinen Kindern im Haus überfordert ist, sollten sie ihnen Hilfe anbieten, mal das Kind für einen Nachmittag abzunehmen. Man muss versuchen, den Druck aus diesen Situationen zu nehmen."

Das solche Familiendramen trotzdem passieren, zeigt der Fall aus Hildesheim. Der vierfache Vater Andreas S. war wegen seiner Depressionen in ärztlicher Behandlung, er drohte mehrfach offen mit Suizid. Die Schule seiner ältesten Tochter wusste davon, eine Lehrerin hatte mit der getrennt lebenden Mutter über die schwierige Situation gesprochen. Wenige Tage später tötete Andreas S. seine vier Kinder und versuchte danach, sich umzubringen. Er wurde für den anschließenden Prozess von einem Psychiater untersucht. Der Gutachter ist davon überzeugt, dass diese Tat nicht zu verhindern war: "Dass er Suizidabsichten hatte, war allen bekannt. Aber ich denke nach wie vor, dass sich der Mann erst kurz zuvor zu dieser Tat und der Tötung seiner Kinder entschlossen hat. Wenn man ihn einen Tag vorher danach befragt hätte, hätte er solche Absichten bestimmt bestritten."

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