
Die Kopfhörer des MP3-Players sind ungewohnt für Mehrafzas Mutter. Gleich wird die junge Frau das erste Mal in ihrem Leben Lieder von Rolf Zuckowski hören© Johannes Arlt
Nesar sitzt auf seinem großen Koffer. Seine Eltern sind noch nicht im Steinhaus eingetroffen. Sie haben einen mehrtägigen Ritt mit dem Esel zurückzulegen, das kann dauern. Im Steinhaus wird Nesar versorgt, dort kann er erst einmal bleiben. Viele Kinder wurden bereits abgeholt. Ein Junge, der ohne die Herz-Operation in Deutschland nicht mehr am Leben wäre, sagt zum Abschied: "Ich bin ganz glücklich. Ich darf jetzt weiterleben." Mehrafza wird von ihrer Mutter abgeholt. Ihre beiden Welten scheinen für einen kurzen Augenblick vereint. Die Menschen, die in ihrem noch jungen Leben eine ganz besondere Rolle spielen, sitzen links und rechts von ihr.
Da ist Mansab, ihre Mutter, die sich gerade aus einer blauen Burka, einem Ganzkörperschleier, schält. Eine hübsche Frau dahinter, mit ausdrucksvollen, blauen Augen. Und da ist Jens Untiedt, ein großer Mann mit weißem Haarschopf, der sich zusammen mit seiner Frau um die Fünfjährige in Deutschland gekümmert hat, neun Monate lang. Die Kleine hockt, das lange Haar zu einem Pferdeschwanz geknotet, im pinkfarbenen T-Shirt und kurzem Jeansrock auf dem Schoß ihrer Mutter. Ihr rechtes Bein ist gesund. Am linken trägt sie eine raffinierte Prothese.
Mehrafzas linkes Bein ist nur halb so lang wie ihr gesundes. "Als Säugling fand man sie so, vermutlich war es ein Unfall", erzählt Untied, bis Ende Juni Oberarzt des Hamburger Albertinen-Krankenhauses. In Deutschland wurde ein Stück künstlicher Knochen eingesetzt, das Tragen der Prothese hilft nicht nur beim Gehen, sondern auch, den Aufbau des Knochens anzuregen.
Früher, so Untiedt, überwand das Mädchen Treppen mit Hilfe der Hände. Heute kann Mehrafza gehen und Rad fahren. Auch ansonsten hat die Kleine einiges auf dem Kasten: "Sie ist über alle Maße intelligent, obwohl sie nie in der Schule war, kann sie rechnen und schreiben", erzählt Untiedt, während er ihr den mitgebrachten MP3-Player einstellt. Mehrafza grinst, stopft der Mutter einen der zwei Stöpsel ins Ohr, und drückt auf Play. Mansab juchzt vor Vergnügen, als die Musik erklingt.
In ein paar Minuten wird Jens Untiedt Abschied nehmen müssen von der kleinen Mehrafza. "Wir haben uns das von Anfang an bewusst gemacht, dass die Trennung kommen wird", sagt er. Er weiß auch, dass es vielleicht ein Abschied für immer sein wird: "Den Kindern eine Zukunft in Deutschland zu versprechen, das ist nicht der richtige Weg - und das ist nicht die Realität." Die Jungen und Mädchen aus Afghanistan müssen etwas in ihrem eigenen Land bewegen.
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