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8. Juli 2008, 15:50 Uhr

"Ich darf jetzt weiterleben"

Die Kopfhörer des MP3-Players sind ungewohnt für Mehrafzas Mutter. Gleich wird die junge Frau das erste Mal in ihrem Leben Lieder von Rolf Zuckowski hören© Johannes Arlt

Nesar sitzt auf seinem großen Koffer. Seine Eltern sind noch nicht im Steinhaus eingetroffen. Sie haben einen mehrtägigen Ritt mit dem Esel zurückzulegen, das kann dauern. Im Steinhaus wird Nesar versorgt, dort kann er erst einmal bleiben. Viele Kinder wurden bereits abgeholt. Ein Junge, der ohne die Herz-Operation in Deutschland nicht mehr am Leben wäre, sagt zum Abschied: "Ich bin ganz glücklich. Ich darf jetzt weiterleben." Mehrafza wird von ihrer Mutter abgeholt. Ihre beiden Welten scheinen für einen kurzen Augenblick vereint. Die Menschen, die in ihrem noch jungen Leben eine ganz besondere Rolle spielen, sitzen links und rechts von ihr.

Da ist Mansab, ihre Mutter, die sich gerade aus einer blauen Burka, einem Ganzkörperschleier, schält. Eine hübsche Frau dahinter, mit ausdrucksvollen, blauen Augen. Und da ist Jens Untiedt, ein großer Mann mit weißem Haarschopf, der sich zusammen mit seiner Frau um die Fünfjährige in Deutschland gekümmert hat, neun Monate lang. Die Kleine hockt, das lange Haar zu einem Pferdeschwanz geknotet, im pinkfarbenen T-Shirt und kurzem Jeansrock auf dem Schoß ihrer Mutter. Ihr rechtes Bein ist gesund. Am linken trägt sie eine raffinierte Prothese.

Mit Hilfe der Hände Treppen gestiegen

Mehrafzas linkes Bein ist nur halb so lang wie ihr gesundes. "Als Säugling fand man sie so, vermutlich war es ein Unfall", erzählt Untied, bis Ende Juni Oberarzt des Hamburger Albertinen-Krankenhauses. In Deutschland wurde ein Stück künstlicher Knochen eingesetzt, das Tragen der Prothese hilft nicht nur beim Gehen, sondern auch, den Aufbau des Knochens anzuregen.

Früher, so Untiedt, überwand das Mädchen Treppen mit Hilfe der Hände. Heute kann Mehrafza gehen und Rad fahren. Auch ansonsten hat die Kleine einiges auf dem Kasten: "Sie ist über alle Maße intelligent, obwohl sie nie in der Schule war, kann sie rechnen und schreiben", erzählt Untiedt, während er ihr den mitgebrachten MP3-Player einstellt. Mehrafza grinst, stopft der Mutter einen der zwei Stöpsel ins Ohr, und drückt auf Play. Mansab juchzt vor Vergnügen, als die Musik erklingt.

In ein paar Minuten wird Jens Untiedt Abschied nehmen müssen von der kleinen Mehrafza. "Wir haben uns das von Anfang an bewusst gemacht, dass die Trennung kommen wird", sagt er. Er weiß auch, dass es vielleicht ein Abschied für immer sein wird: "Den Kindern eine Zukunft in Deutschland zu versprechen, das ist nicht der richtige Weg - und das ist nicht die Realität." Die Jungen und Mädchen aus Afghanistan müssen etwas in ihrem eigenen Land bewegen.

stern-Aktion Die stern-Stiftung unterstützt das Projekt in Afghanistan, die dafür benötigte Luftbrücke und die Behandlung und Betreuung der Kinder. Sie können einen Betrag in beliebiger Höhe, der dem Projekt zugute kommen soll, auf das Spendenkonto der Stiftung überweisen. Ihre Spende ist steuerlich abzugsfähig. Bitte geben Sie folgendes Stichwort an: Kinder Afghanistan

Kontoverbindung für Ihre Spenden: Deutsche Bank Bankleitzahl: 200 700 00 Kontonummer: 469 9500

Für Überweisungen aus dem Ausland: IBAN DE20 2007 0000 0469 9500 00 BIC/SWIFT-Code DEUTDEHH

Von Stefanie Zenke, Kabul
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KOMMENTARE (6 von 6)
 
Reality (09.07.2008, 21:20 Uhr)
Bei allem sollte nicht in Vergessenheit geraten...
Daß die Taliban erst durch die USA so stark gemacht wurden.
Die Probleme die heute dort mit diesen Taliban da sind, wären ohne das Zutun der USA wohl nicht in dieser Form vorhanden.
Leider muß man sagen, ist es so.
Wenn es auch manche nicht wahrhaben wollen.
Als die Taliban dort nützliche Handlanger Amerikas waren, wurden sie gehätschelt und verwöhnt, mit Waffen bis an die Zähne bewaffnet.
Und die USA lieferten und druckten sogar den Koran für die Taliban in Millionenauflage.
Als man die Taliban nicht mehr brauchte, wurden sie zum Feind erklärt.
Doch dieses Verhalten der USA hat Nachwirkungen bis heute.
Darunter hat vor allem die Zivilbevölkerung zu leiden.
Die Taliban wollen das Feld nicht so schnell räumen.
Bin Laden scheint in dieser Angelegenheit eine ganz eigenartige Rolle zu spielen.
Mich würde es nicht wundern, wenn nach vielen Jahren die dann ins Land gezogen sind, sich herausstellen würde, die Geschichtsschreiber vermerken müssten, daß Bin Laden ein Agent Amerikas war und als Feindbild diente.
manndernichtdaist (09.07.2008, 10:26 Uhr)
so gewinnt man ein land für sich!
Kindern zu helfen - in einem kriegsgebeutelten Land - das ist genau das, was den deutschen Soldaten in Afghanistan Respekt und Anerkennung gibt. Diejenigen die den Soldaten skeptisch gegenüber stehen, sehen so, dass etwas FÜR die Zukunft, nämlich die Kinder getan wird.
Dass die Taliban immer noch eine Gefahr darstellen ist klar - aber nur mit der Unterstützung des Volkes wird ein Ende des Konflikts erkennbar und auch nur so können die Taliban dem Erdboden gleichgemacht werden.
Reality (08.07.2008, 20:41 Uhr)
Wenn wir schon in Afghanistan stehen...
sollten wir darauf achten, daß wir Landmienen ächten, denn sie sind es die Kinder wie oben zerfetzen.
Landmienen die all zu oft auch von den Sogenannten "Guten" und nicht nur von den Sogenannten "Schlechten" gelegt werden.
Auch die Sogenannten "Guten" sollten diese Art von Waffe ächten, dann wäre eine Gefahr weniger vorhanden.
Wenn man so die neutralen Kriegsberichte von dort hört und liest, scheinen den Sogenannten " Guten " dort, oftmals nicht besser zu handeln .
Da wird gebomt ohne Rücksicht auf Zivilisten nur weil man vermutet, einen Feind gesehen, entdeckt zu haben oder weil man dort den Clanführern glaubt, die heute für die Sogenannten "Guten" sind um ihrem Rivalen den Andern Clanführer auszuschalten um über dessen Gebiet herrschen zu können.
Oft wird dabei zu leichtgläubig gehandelt und wenig Rücksicht auf ziviles Leben genommen.
Sage mir keiner so ist Krieg.
Nein wir müssen uns an unserer Moral messen lassen.
Wir müssen beweisen, daß wir besser sind als jene die Menschenleben mit Füssen treten.
Daß wir besser sind und nicht nur nach Macht und Kapital streben.
Daß wir nicht nur die Nachschubwege des Öls sichern wollen für die Ölmonopolisten der Welt.
chrgue (08.07.2008, 19:37 Uhr)
Stern-Online, warum gibt es euch noch?
Wohinter wollt ihr euch denn verbarrikadieren? Ein Forum, das Deutschland - ja Deutschland - heute bewegt ist nun einmal die Bestrafung der Schläger von München. Da bin ich nicht gewillt, etwas zu Gunsten Afghanistans zu schreiben. Wozu seid ihr da? Um eure Meinungen einfach so in den Raum zu stellen? Dann macht es, aber erwartet nicht, dass die Resonanz groß sein wird...
Known (08.07.2008, 18:44 Uhr)
Vorbildlich...
Leute, auch wenn es keiner hören will, auch wegen Kindern wie den hier dagestellten, stehen wir in Afghanistan und bekämpfen einen Feind, dem es stets egal war, wie es seinen Bürgern ging.
Toreador (08.07.2008, 18:12 Uhr)
Schattenseiten nicht vergessen
Bei den Nachteilen könnte man doch auch wunderbar den Fall Farzanah benennen: http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=29968587&top=SPIEGEL
Einem Kind zu helfen, ein gutes Leben zu führen, ist eine Sache. Ein Kind zu unterschlagen, weil die Eltern im fernen Afghanistan eh nichts dagegen tun können, ist bösartig. Und jedes Kind, das nach Deutschland zur medizinischen Behandlung geschickt wird, könnte eine neue Farzanah werden! Wer schützt diese Kinder vor einem Schicksal als "gestohlenes Kind", wer schützt die Eltern vor dem Verlust des Kindes?
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