
Don Pino beim Gottesdienst in der Kirche von San Luca. Er ist seit 27 Jahren Pfarrer dort© DPA
Ein Mann sitzt um vier Uhr früh in einem Auto und sagt: "Ich kannte Sebastiano." Mariä Himmelfahrt ist jetzt zwei Tage her, und vom Wirt Sebastiano muss man jetzt in der Vergangenheit reden. Der Mann im Auto hat Angst, er ist Italiener, er will sich nicht in der Öffentlichkeit treffen. "Nennen Sie ja nicht meinen Namen!", sagt er. Er könne nichts Schlechtes über Sebastiano sagen, ein Freund, nett, fleißig. Nein, Sebastiano habe das nicht verdient. Aber dann spricht der Mann über die Mafia, über die anderen, die er auch alle kennt, aber nicht etwa, dass Sebastiano Strangio irgendwelche Geschäfte für sie gemacht hätte und er selbst selbstverständlich auch nicht.
Er erzählt zum Beispiel von dem anderen Sebastiano, dem Sebastiano R., der an zwei Morden beteiligt gewesen sein soll und in einem Laden in Essen als Kellner gearbeitet habe. Er berichtet von Francesco C., der wegen eines Raubüberfalls auf ein Warenhaus gesucht wurde. Und er wisse da jemanden, der sich auch auskenne, ein Mann, bei dem man vorsichtig sein müsse, auch ein Wirt, unter anderem. "Nein, nein, Sebastiano hat keine dunklen Geschäfte gemacht", sagt der Wirt in einem italienischen Restaurant im Ruhrpott, eine kleine Pizzeria, wie es viele gibt in Deutschland, mit Wirten, wie es sie vielleicht viel häufiger gibt, als man bisher glauben wollte. "Sebastiano starb nur, weil er zufällig dabei war. Er war kein Männer, mit denen sie sich jetzt beschäftigen, haben den gleichen Nachnamen, viele denselben Vornamen, und fast alle kommen sie aus San Luca.
Und einige waren einmal im Restaurant Da Bruno in Duisburg. Der Wirt, Sebastiano Strangio, ist ein netter Kerl, sagen alle, die ihn kennen. Er ist ein Mann aus Kalabrien, und er trägt einen Familiennamen aus dem Strangio-Nirta-Clan, doch tatsächlich verwandt ist er mit deren Feinden, den Vottari-Pelle-Romeos. Basti, wie ihn Freunde nennen, ist ein wirklicher Signore, der lächelt, der Komplimente macht. Er führt das Da Bruno gemeinsam mit seinen Brüdern, Giovanni und Giuseppe. Eine Trattoria für 100 Gäste, mit Stoffservietten auf den Tischen und leeren Weinflaschen als Dekoration und einem Raum für besondere Gäste und Anlässe hinten.
Seine Stammkunden begrüßt er mit Handschlag. Sind Prominente in der Stadt, schauen manche auch bei Sebastiano vorbei. Thomas Gottschalk, als "Wetten, dass . .?" nach Duisburg kommt, Fritz Egner, Zucchero und Roberto Blanco sollen da gewesen sein. Sebastiano lässt sich mit ihnen fotografieren, aber stellt sich nicht in die Mitte, wie das aufdringliche Wirte gern machen. Sebastiano hat Stil.
Er ist ein Koch, der darauf achtet, dass keine Tomatensauce auf seiner Schürze klebt, einer, den Freunde als typischen Kalabreser beschreiben, stolz, dickköpfig und gläubig, einer, der nicht oft flucht und sich 'Ndranghetista. Im Gegenteil, er hatte Geldprobleme, 50.000 Euro Schulden bei seinen Lieferanten", sagt er. Am nächsten Morgen ruft der Wirt noch einmal an. Er wolle auf keinen Fall erwähnt werden, spricht er mit rauchiger Stimme und scharrendem "R": "Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Ich habe große Sorge." Es klingt, als sei das nicht nur die Beschreibung seines Gemütszustandes, sondern eine Botschaft. Er hat seine Gründe. Er war einst selbst gesucht worden wegen Mordes, wegen Drogenhandels, die Polizei weiß womöglich gar nicht, dass er wieder in der Stadt ist.
"Es gibt innerhalb der deutschen Polizei eine irritierende Informationspolitik. In einzelnen Landeskriminalämtern wird betont, dass es in ihren Ländern keine italienische Mafia gebe, und dann finden wir in internen Lagebildern von BND und BKA genau das Gegenteil", kritisiert Mafia-Experte Jürgen Roth. Dabei war dem BKA schon 2000 bekannt, dass allein aus den Clans von San Luca 50 Personen in Deutschland lebten, dass sie Anfang der Neunziger gerade in Duisburg Pizzerien und Diskotheken eröffneten, um Geld zu waschen, mit Filialen vor allem in Ostdeutschland.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 35/2007