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15. März 2009, 19:29 Uhr

Eine Branche mit Steher-Qualitäten

Prostitution, Bordell, Sex

Rastloser Parkplatz: In den Wohnwagen an der B 1 erledigen Frauen schnellen Sex im Campingbett© Fred Stäfken

LKA-Dienststellenleiter Ubben geht davon aus, dass in Hamburg noch heute hinter 90 Prozent der Frauen jemand anderes steht. Das kann ein Zuhälter sein, der sie ausbeutet, oder ein Ehemann, der sich am Haushaltsgeld bedient. "Mitunter", sagt Ubben, "ist es aber auch eine Frau." Doch nur bei "krimineller Ausbeutung" schreiten seine Leute ein. "Wir haben nichts gegen Prostitution", sagt er, "wir wollen nur, dass diejenigen, die sich dazu entschließen, das aus freien Stücken tun."

Die meisten Bordsteinschwalben, die auf der Reeperbahn gleich neben der Davidwache stehen, haben einen festen Freund. Den haben sie in einer Disco kennengelernt, so wie Mandy aus "sag ruhig Mecklenburg", die so lüstern die Lider senken kann. Er sei nett und stark, liebe sie und verlange gar nichts. Irgendwann werde sie mit ihm weggehen. Mädchenträume, die schnell zu Albträumen werden.

"Es wird abgedrückt. Alles!"

Es ist nicht das brandgefährliche Gemisch aus Kopflosigkeit und Kokain, das Frauen zu den Luden zieht. Vielen gefallen die Jungs mit den Pumpmuskeln, die ihre Panerai-Uhr zum Glitzern aus den Hummer hängen. Irgendwo ist immer Party im Milieu oder Boxkampf, ein paar Schauspieler sind da und andere Semi-Prominenz. Er spendiert Urlaub auf Ibiza, wenn sie gut ist, und große Brüste aus Silikon. Huren spannen sich gegenseitig Zuhälter aus, Zweitfrauen versuchen, die Erstfrauen durch Arbeitsleistung zu verdrängen. "Ich muss kaum poussieren", sagt ein Lude, "ich sage nur: Wenn du mit mir zusammen sein willst, muss Knete rüberkommen." Denn hier gilt: "Es wird abgedrückt. Alles!" Die Mädchen leben von dem, was die Zuhälter auf den Nachttisch legen.

Reich wurden durch die Prostitution meistens nur Männer. So sind es die klassischen Zuhälter, die jetzt die Preise hochhalten - und denen die Kunden weglaufen. Fallende Umsätze lö sen über Nacht Revierkämpfe aus. Es gärt im Milieu. "Die Sitten verfallen", stellt eine Hamburger Kiez-Autorität fest.

Nur auf St. Pauli ist Gummi noch Pflicht. Dort, wo kein Neonlicht mehr leuchtet, wird es gefährlich. Jakob, südländischer Typ, wundert sich über das Geschäftsgebaren mancher Kollegen aus den Billigpuffs abseits der Meile. Er kennt all diese "kleinen Bushidos", die ihrer Frau gerade mal einen Zwanziger zurücklassen und den Rest verzocken. "Dann krakeelt sie, er schlägt zu, ihr Auge ist blau, sie kann sich so nicht hinstellen, und sie sind die ganze Woche ohne Knete." So blöd könne man doch gar nicht sein.

Selbstbestimmtes Arbeiten

"Heute braucht keine mehr einen Zuhälter", sagt Uschi, die sich in schweren Kämpfen von den Kerlen befreit hat. Tatsächlich haben sich vielerorts ludenfreie Bordellstrukturen etabliert. Nicht wenige Etablissements werden von Frauen geführt. Vorbild ist Berlin, wo es nie Sperrbezirke gab und sich daher eine völlig andere Rotlichtkultur entwickeln konnte. In der Hauptstadt verteilen sich plüschige Wohnungen über die Bezirke, oft geleitet von Frauen. So mancher Klub ist ein solider Familienbetrieb.

So hat die eingesessene "Villa Rascona", mit dem Ambiente eines Fellini-Films, völlig unberührt von dem, was als das klassische Milieu gilt, gerade seinen Generationswechsel vollzogen. Heute steht Soy, die junge Inhaberin, in Jeans und T-Shirt hinter dem Bar-Tresen. Ihre Eltern haben darauf bestanden, dass sie erst einmal ihr Biologie-Studium abschließt, bevor sie den Nachtclub von ihnen übernehmen durfte, zusammen mit ihrem Ehemann, der nachts die Gäste empfängt und tagsüber an seiner Promotion arbeitet. "Aber ich glaube," sagt Soy, "ich bin die einzige Biologin in dem Gewerbe."

Frauen, die hier auf Freierfang gehen, wissen das Familiäre zu schätzen. Nicht jede nimmt in jeder Nacht einen Gast mit aufs Zimmer. Zum Job gehört nicht nur der Sekt, sondern auch das Warten. Und manche der Frauen hat es hierher eher verschlagen, als das sie jemand hineingezogen hat. "Wir hatten ein Kind, dann kam die Trennung," sagt eine der Frauen, "ich wollte niemanden mehr in der Disco suchen." Ihre Kollegin hatte einen eigenen Kiosk, aber dann, sagt sie "kam die Steuernachzahlung." Stefanie Klee, Elder-States-Woman der Hurenbewegung, erklärt, dass sich vor allem in der Berliner Wohnungsprostitution viele milieufrei halten können." Die Autorin Tamara Domentat hat im Rahmen des "Förderprogramms Frauenforschung" des Berliner Senats die Szene erkundet. "Viele Frauen arbeiten aus eigenem Antrieb", schreibt sie. Und "selbstbestimmt". "Der Bordell-Alltag wird von Menschen organisiert, die sich an den Gepflogenheiten und zivilen Umgangsformen regulärer Arbeitgeber orientieren." Manche Frauen reize nicht nur das Geld, sondern Neugier und der Tabubruch. Von Politik und Nachbarn jahrzehntelang geduldet, wurden "Modellwohnungen" jetzt mit Verweis auf das Baurecht geschlossen. Besonders engagiert zeigt sich ein Baustadtrat der CDU, der gegen Großbordelle starker Investoren in Gewerbegebieten allerdings keine Einwände erhebt. Solche großen Anlagen liegen im Trend.

Vorbild ist der Augsburger Klub Colosseum. Es ist Vormittag, und in der feuchtwarmen Luft der Wellness-Landschaft sitzen einige junge Frauen beim Frühstück. Mittags wird geöffnet. Nadine findet es gut, hier zu arbeiten, auch wegen der Duschen, "denn manche stinken, das geht gar nicht". Ihr ist es wichtig, dass sie hier jeden Freier ablehnen und kommen und gehen kann, wann sie will. Sie verbringt hier die Wartezeit auf den Studienplatz in Maschinenbau. Hier wird auch noch richtig Umsatz gemacht. Der Freund ihrer Kollegin Anja möchte, dass die aufhört. "Aber man kann nicht wieder als Arzthelferin arbeiten, wenn man sich an das Geld gewöhnt hat."

Luxustempel wie das Colosseum, das Morgenland in Ulm oder das gerade eröffnete Paradise beim Stuttgarter Flughafen sind die neuen Kapitalanlagen des Gewerbes. Arabische Bögen, Säulen, Mosaike, Bodenlampen, Beduinenzelte: 5500 Quadratmeter orientalische Männerfantasie. Türkisches Dampfbad, gläserne Sauna, Schneekabine, Zigarrenlounge mit Kamin, nackte Frauen auf tausendundeinem bestickten Kissen, Schaukeln und Diwans und auf der Galerie der Business-Raum mit Computer und Internet - für den Job nach dem Blowjob.

Transparente Struktur

Ein Paradies voller Jungfrauen, in das zu gelangen sich niemand in die Luft sprengen muss. Die Pforte öffnet sich für 69 Euro, Liebesdienste extra. "Wir sind ein gläserner Laden", versichert Klubbesitzer Jürgen Rudloff. Neben den freiberuflichen Haremsdamen arbeiten hier noch 40 Festangestellte in der Gastronomie. Jeder Cent wird in das elektronische Abrechnungssystem eingetippt. Der Unternehmer kassiert für das Finanzamt bei den Huren einen Steuerabschlag von täglich 25 Euro.

Den Frauen wird einiges abverlangt, auch an Überwindung und Risikobereitschaft: Geblasen wird ohne Kondom. Sechs Millionen Euro haben Unternehmer aus der Region in das Projekt Paradise investiert. Es soll nun zur Marke werden und irgendwann vielleicht an die Börse gehen.

Unternehmensberater Ralf Reitz, der Rudloff auf dem Behördenweg begleitete, sieht trotz der Krise auch Chancen. Denn die knapp 400.000 in Deutschland tätigen Prostituierten machen immer noch einen Jahresumsatz von 14,5 Milliarden Euro. Das mache dieses Geschäft auch für seriöse Investoren interessant. "Die Leute, die jetzt einsteigen, sind nicht mehr die mit den tätowierten Armen."

Albaner-Toni will eine Großanlage bauen

Dennoch hegen die Behörden den Verdacht, dass die Vermögen nicht so seriös verdient wurden, wie sie jetzt reinvestiert werden. In Hamburg, zum Beispiel, will der auf dem Kiez bekannte Albaner-Toni so eine Großanlage im Industriegebiet bauen, da, wo jetzt der Straßenstrich ist.

Haki Simsek, Betreiber der Fünf-Millionen-Euro-Investition FKK-Club Artemis in Berlin, sieht das alles sehr gelassen. "Der Gesetzgeber ist auf dem richtigen Weg", sagt er. "Denn seit 2002 kann man alles auf solide Beine stellen." Simsek hat sein Geld mit Spielautomaten in Würzburg gemacht, "wir sind alle auf der Straße groß geworden". Er erkennt eine Zeitenwende: "Es geht auf die legale Schiene oder gar nicht mehr. Die meisten haben das verstanden, der Rest wird untergehen."

Auf der Beerdigung von Indianer-Aki waren im vergangenen Sommer in Frankfurt alle noch einmal zusammengekommen, die Luden, die Boxer, die Rocker, die Albaner. Alle sagten dem Frankfurter Puffbesitzer und Rotlichtfürsten, der seinen Lebensmittelpunkt zuletzt auf Mallorca gefunden hatte, Adieu. "Könige wie Aki werden nicht jeden Tag geboren", sagt Simsek, "dieses Milieu wird es in zehn Jahren nicht mehr geben." Und so war die Trauerfeier im engsten Verbrecherkreis auch ein Abschied von einer Epoche.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 11/2009

Von Kuno Kruse
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KOMMENTARE (8 von 8)
 
Leseratte79 (16.03.2009, 10:12 Uhr)
Zeiten der Not?
Also ich muss jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit an "unserer" berühmt berüchtigten Straße vorbei. Da ich in Wechselschicht arbeite kann ich Euch nur eines sagen: Der Stau Abends auf der Hauptstraße wird nur durch die viel zu kurze Abbiegerspur in eben diese Straße verursacht. Da weichen die Damen aus Platzmangel auf die Hauptstraße aus. Nach Geldnot sieht es da nicht wirklich aus.
gesox (16.03.2009, 09:48 Uhr)
Wir Deutschen...
...brauchen unsere Kraft eben für die Zeugung von Nachkommen. Nach indischem Vorbild können in diesen harten Zeiten wohl nur die Kinder einen im Alter ernähren...
Vincent_Vega (16.03.2009, 09:30 Uhr)
niedergang der Bordelle haben wohl nichts mit DER NOT zu tun
@Xennia; @botoxia
Die wirtschaftliche Krise lenkt nicht davon ab, sich befriedigen zu wollen und die ziwschenemnschlichen Bziehungen zu Hause werden jetzt auch nicht besser sein als vorher;
Es wird schlicht und ergreifend so sein, dass der Freier, der sich sonst etwas hat "gönnen" können, nun nicht mehr das Kleingeld in der Tasche hat. Schließluch will Jeder am Ende des Monats ein bißchen vom Monatsgehalt übrig haben.
provocateur (16.03.2009, 09:00 Uhr)
Spätes Rom...
Charakterbilder Spätroms im Varus-Jahr. Wie schön. Ich frage mich nur, ob die Dame mit dem "Blasrekord" evtl. ein Schleudertrauma davongetragen hat...
botoxia (16.03.2009, 08:41 Uhr)
Hätte nicht geglaubt
dass Männer doch mit was anderem denken können, und beim sich einen schleudern lassen sparen. Oder sind einfach nur die zwischenmenschlichen Beziehungen zu Hause wieder enger geworden, in diesen Zeiten der Not?
peterhamburg (15.03.2009, 23:48 Uhr)
Es geht auch mit dem STERN
Ich muss gar keinen Monitor zur manuellen Selbstbedienung nutzen, das erledigt ja auch jeder zweite STERN-Titelseite mit sinnlos nackten Frauen drauf.
Xennia (15.03.2009, 22:35 Uhr)
andere Prioritäten
Wer Sorgen hat, der denkt nicht permanent an Sex. Die überbordende Sexindustrie des Rotlichtmilieus ist
ein Produkt der Überflußgesellschaft und des Langeweile erzeugenden Wohlstandes. Die wirtschaftliche Krise lenkt von der Sucht ab, sich ständig sexuell befriedigen zu müssen. Dies ist der Hauptgrund für die Krise des Rotlichtmilieus.
Blacky007 (15.03.2009, 20:26 Uhr)
Puffs bekommen Krise weit stärker zu spüren
Erst vor Kurzem habenin Frankfurt zwei Laufhäuder Insolvenz angemeldet - das ist einzigartig in der Geschichte. Aber viele Freier halten halt ihr Geld im Augenlick zusammen. Aber es wird sein wie immer, wo es ein Down gibt, gibt es auch ein Up
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