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5. Juni 2009, 11:54 Uhr

Kampfplatz Hauptschule

Hauptschule, Schlägerei, Lehrer, Schüler

Beim kleinsten Konflikt setzt es Schläge. Das finden selbst die Intelligenten unter den Schülern normal© Julian Röder

14. Oktober 08

Bei der wöchentlichen Lehrerkonferenz renne ich mit meiner Brandrede gegen die nervenaufreibenden Zustände an unserer Schule offene Türen ein. Alle Kollegen fühlen sich angesprochen. Die Hälfte des Kollegiums erklärt sich zur Mitarbeit in einem Arbeitskreis bereit - eine Institution, die ich bislang als Initiativengrab abgelehnt habe. Vom Direktor erfahren wir, dass vor den Ferien zwei Mädchen festgenommen worden sind. Jiyan und Chantal, beide 16, hatten bei einer Mitschülerin eine "Bestellliste" aufgegeben: MP3-Player, Handy, DVDs und 150 Euro in bar, "ansonsten bist du tot", stand auf dem Zettel, den die Mutter der Erpressten mit der "Ware" im Rucksack ihrer Tochter gefunden hatte.

17. Oktober 08

Kollege Carlos Maia erzählt, dass er einen Gerichtstermin mit einem meiner Schüler, Kemal, habe. Kemal hatte ihm gedroht: "Du bist tot. Ich bringe dich um." Für die Richter war das eine Morddrohung: Urteil: 20 Arbeitsstunden und ein Aufsatz "Wie löse ich Konflikte?".

21. Oktober 08

Viktor aus der 6c tituliert seine Englischlehrerin, die schwangere Referendarin Theresa Zeiger, als "fette Schlampe".

21. Oktober 08

Ordnungskonferenz gegen die Randalierer vom Arbeitsamt. Christian kommt mit seinem Vater, Acar mit einem jungen Mann, angeblich sein Bruder; der Vater müsse arbeiten, und die Mutter spreche kein Deutsch. Komisch, noch am Elternabend vor Kurzem hatte ich ein nettes Gespräch mit ihr - auf Deutsch. Gegen beide Schüler spricht die Konferenz die "Androhung eines Verweises" aus. Später rufen wir Acars Mutter an und fragen, warum sie nicht gekommen sei. "Welche Konferenz?", fragt sie - auf Deutsch. Sie habe keinen Brief bekommen, den hatten die Söhne abgefangen. Ich lade die Mutter und beide Söhne vor. Nun geht es um Unterschlagung, Verletzung des Briefgeheimnisses und Falschaussage.

22. Oktober 08

Der 17-jährige Melih, ein früherer Schüler unserer Schule, flegelt sich mit glasigen Augen in den Unterricht des Kollegen Norbert Ziemann, wo er ein bisschen "chillen" will.

22. Oktober 08

Ich lasse Dauerschwänzerin Oya, 16, vom Ordnungsamt zu Hause abholen. Sie war seit den Herbstferien nicht in der Schule. Von den Eltern gibt es kein Lebenszeichen, eine gültige Telefonnummer existiert nicht. Mit dem Jugendamt habe ich bereits über das dauernde Schwänzen gesprochen.

24. Oktober 08

Melih beehrt erneut seine alte Schule, diesmal möchte er am Unterricht von Sportlehrer Carlos Maia teilnehmen. Als der ablehnt, entgegnet Melih: "Du Hurensohn, du hast bestimmt mit 29 deinen ersten Schwanz gelutscht." Carlos wirft Melih aus der Klasse, nimmt später aber seine Entschuldigung an. Früher hatte Carlos den Jungen in der Fußballschulmannschaft gefördert. Der engagierte Lehrer steht ratlos vor mir: "Kann man jemandem Hausverbot erteilen?"

28. Oktober 08

Zweite Sitzung unserer Arbeitsgruppe "Friedliche Schule". Die Kollegen krabbeln aus ihren Schneckenhäusern und schildern neue Fälle: wie den von Achmed und Mahmut aus der 6b, die Hanne aus der 5c über den Schulhof jagen, sie zu Boden werfen und solange an dem frühreifen Kind zerren und reißen, bis deren Brüste hin und her schleudern.

30. Oktober 08

In zwei Tagen startet das zweiwöchige Betriebspraktikum. Von 26 Bewerbungen liegt mir knapp die Hälfte vor, die Hälfte davon wiederum ist Schrott.

24. November 08

Eva aus der 6c schafft es im Englischunterricht nicht, den Satz "His jeans are …" mit der Vokabel "blue" zu vollenden. Obwohl wir diesen und ähnlich einfache Sätze zigmal geübt hatten. Ich sage: "Wir können doch nicht in jeder Stunde bei null anfangen." Eva springt auf, rennt zum Ausgang, ruft: "Schreien Sie mich nicht an, Sie Hurensohn."

18. Dezember 08

Zwei Monate nach Ende der Herbstferien. Zwei Monate Gewalt und Chaos - und plötzlich steht bei der Weihnachtsfeier ein kleiner schwarzer Junge aus der 6. Klasse auf der Bühne und singt "We Are The World", dass einem das Herz aufgeht. Auch das ist Hauptschule. Der Direktor geht das Problem Gewalt jetzt offensiv an: Seine Weihnachtsrede gestaltet er als Scrabble. Für jeden Buchstaben des Wortes "Hauptschule" findet er eine negative Assoziation (H=Hauen) und beschreibt damit den Istzustand. Rund 100 Schüler in der Aula sind aufmerksam und still wie selten. Aber andere Wege sind denkbar. Und so lautet der zweite Teil des Spiels: Für jeden Buchstaben eine positive Assoziation (H=Hilfe). Das kam an.

13. Januar 09

Zeugniskonferenz. 23 Lehrer tragen sich gegenseitig vor, wie viele Schüler sie haben, welcher Schüler warum besonders gefährdet, besonders unerträglich oder nie da ist. Abendfüllend. Analyse gravierender Probleme oder guter Entwicklungen? Lösungen? Fehlanzeige. Eine durch und durch sinnlose Veranstaltung. Schulpolitisches Highlight in diesem Halbjahr: Laut NRW-Schulministerin Barbara Sommer soll möglichst niemand mehr sitzen bleiben. Ein schwieriges Unterfangen bei Klassen, in denen von 25 Schülern 18 mindestens zwei Fünfen zur Halbzeit auf dem Konto haben. Laut Pisa-Studie 2008 fällt in NRW jeder fünfte Hauptschüler aus dem "Bewertungsrahmen", das heißt: 20 Prozent haben nicht einmal Grundschulniveau und können einen einfachen Zeitungsartikel nicht verstehen. Die Schulleitung gibt trotzdem die Parole aus: bessere Noten auf dem Zeugnis. Wie das passieren soll, bleibt unklar.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 23/2009

 
 
KOMMENTARE (10 von 46)
 
ullae (15.06.2009, 16:33 Uhr)
Lehrer
Ach ja: Eine Gesellschaft braucht sich nicht zu wundern, dass Kinder mit Lehrern und Pädagogen so umspringen, schließlich wird ja an jedem Eck ein Witz über diese "faulen Säcke" gemacht.
ullae (15.06.2009, 16:25 Uhr)
Hauptschule hat versagt
Mit der Zusammenlegung von Haupt- und Realschule legt man nun einen Kranken zu einem Gesunden ins Bett, in der Hoffnung, dass der Kranke gesund wird, sehr clever und versucht ganz nebenbei noch einen Fehler durch einen neuen zu egalisiseren! Anstatt die Hauptschulen zu stärken und auch dort Qualität und Leistung - was meiner Meinung nach über Jahre hinweg total versäumt wurde, nämlich durch Kuschelpädagogik und mangelndem Anspruch - abzuverlangen, macht man nun eine gut funktionierende Schulart kaputt! Schulschwänzer und solche, die sich nicht zu benehmen wissen, sollten viel stärker sozialisiert werden und wenn es sein muss durch drakonische Strafmaßnahmen!
ganzbaf (15.06.2009, 09:02 Uhr)
Das "finnische-DDR-System" ist natürlich klar besser

10 gemeinsame Jahre. Dann, je nach Abschlussnote, noch 2 Jahre Schulberechtigung hin zur zur Hochschulreife.
.
Nur dass man vielleicht wirklich spezielle "Interventionsklasen" einrichten sollte, in denen echte Problemschlüler gesondert trainiert und päd. betreut werden.
silberregen (15.06.2009, 08:02 Uhr)
@aeternitas
Ihr Beitrag lässt mich schmunzeln. Also wirklich, bei uns wurden diese von Ihnen genannten handwerklichen Berufe auch gelernt, nicht jeder ist Ingenieur geworden. Es geht um eine gute Allgemeinbildung. Und das ist bei einer Hauptschule und den Zuständen dort wie im Artikel geschildert nicht gegeben.
Bei uns hat jeder egal ob er Bäcker, Krankenpfleger, Lehrer oder Büromensch geworden ist das gleiche gelernt, also die Naturwiss., Techn. Zeichnen, Astronomie, Geschichte, Mathe, Fremdsprachen usw... auch Musik, Kunst usw.
Das ist Allgemeinbildung, nicht die Spassfächer von der Hauptschule. Auch in handwerklichen Berufen sollte schon aus Neugier eine grosse Allgemeinbildung vorhanden sein. Es muss ja nicht Latein sein, das brauchen wirklich nur einzelne Berufszweige.
Und noch zum nachdenken: nennt mir einen Politiker oder Manager, der seine Kinder an eine Hauptschule schickt!
Wenn die nämlich soooooooo zukunftsbildend ist wie Ihr glaubt, wären dort auch deren Kinder .
aeternitas (15.06.2009, 07:57 Uhr)
Die Hauptschüler
können auch ohne die studierten leben, wir aber nicht ohne die, da sollte man nicht vergessen. Oder welcher Abiturient meldet sich freiwillig zu einem der unten genannten Berufe? Ich kenne einige, die ins Handwerk oder in Pflegeberufe gegangen sind, aber das ist eine Minderheit!
Es wird vielleicht noch zu unseren Lebzeiten soweit kommen, dass wir keine Informatiker mehr brauchen, keine Mathematiker, keine Philosophen, keine Ingenieure sondern Leute, die wissen wie man Gemüse anbaut, Lebensmittel und Textilien herstellt, ein Haus baut und nicht nur, wie man seine Statik berechnet....
aeternitas (15.06.2009, 07:49 Uhr)
Ist die Hauptschule ausreichend?
"Wo haben Sie den Ihren Ehrgeiz gelassen etwas mehr aus Ihren Leben zu machen?"
Ähm nicht jeder möchte sein Leben lang einen Schreibtischjob haben! Es soll auch Leute geben, die einen der folgenden Berufe ergreifen wollen:
- Bäcker
- Metzger
- Zimmermann
- Dachdecker
- Maurer
- ALTENPFLEGER!
etc.
Würden uns diese Leute fehlen, wir würden ganz schön dumm aus der Wäsche schauen. Mehr als wenn viele studierten fehlen würden, die würde nämlich erstmal keiner vermissen. Sie sollten es mal so sehen: die einen haben eine Gabe, die sie nutzen wollen (geschickte Hände, keinerlei Berührungsängste mit Alten, die Liebe zum Bauen mit Holz, das Verlangen körperlich tätig zu sein) und die anderen haben entweder die Gabe nicht oder wollen schlicht nicht körperlich tätig sein, und damit die nicht ganz leer ausgeben, wurden Bürojobs für sie geschaffen... das Handwerk war da BEVOR es das Bürowerk gab. Oder die Unis. Und wenn es hart auf hart kommt, ist es wichtiger zu wissen, wie man ein Tier schlachtet und sein Fleisch verarbeitet ohne dass es verdirbt, als wenn man gewaltige mathematische Operationen versteht oder das Spätwerk von Seneca mit den Ansichten moderner Philosophen vergleichen kann.
silberregen (15.06.2009, 07:15 Uhr)
@Dorf_NKB
Ihre Ansichten finden nicht meine Zustimmung, das was ich an den Kölner Hauptschulen beobachten kann entspricht genau den Schilderungen des Autors.
Ich bedauere jeden Pädagogen, der es mit solchen Assis zu tun hat. An Ihren Äusserungen kann ich auch den Hauptschüler "rauslesen" und sind Sie stolz darauf Hauptschüler zu sein? Wo haben Sie den Ihren Ehrgeiz gelassen etwas mehr aus Ihren Leben zu machen?
Hauptschule das ist ausreichend?! Also ich kann jeden Personalleiter voll verstehen, wer Hauptschüler ablehnt.
Und ich muss Ihnen sagen - ja es war früher besser an den Schulen, ich spreche da von meiner Schulzeit 1959-69 - na wahrscheinlich zähle ich für Sie als alte Schachtel, naja juckt mich nicht wirklich ;-)
Aber glauben Sie mir, es war wirklich besser. Wir haben damals mehr gelernt als heutzutage selbst an Gymnasien geboten wird. Und solche Spassdinge Fach abwählen , und dafür ein Spassfach wählen, gabs bei uns nicht. Wir haben keine Spassfächer gehabt, bei uns zählte die Allgemeinbildung und die Naturwissensch. Fächer wurden von der 5.-10. bzw bis zum Abi ohne Pausen jedes Jahr gelehrt. Hier ist doch so ein Irrsinn mal gibts ein halbes Jahr Biologie , dann kommt ein halbes Jahr Chemie, dann mal ein bischen Physik, ...dann kann mans abwählen wenns kein Spass macht und dafür Kochlöffel schwingen lernen. Natürlich hat so eine Hauptschulbildung nur Spasswert.
Das kann man ja am Verhalten der Schüler genau beobachten.
Sie brauchen sich also nicht als Elite sehen.
Und noch was...
bei uns damals wurde wirklich nicht geprügelt, es waren Lehrer als Aufsicht immer da, auch in den Pausen, und die hätten eingegriffen.
Wir sind in den Pausen noch im Schulhof im grossen Kreis langsam spaziert, sowas wie heute wie enorm lauter Lärm und mobben und andere Kinder erpressen gabs nicht.
Also stellt Euch nicht als Elite hin.
Und aus uns ist jedenfalls etwas geworden. Ich habe nach Schule und Berufsausbildung in den 70igern sogar noch ein Fernstudium an einer Ingenierschule erfolgreich durchgezogen. Uns hat unsere Schulzeit etwas gebracht.
Bei den Schülern heute sehe ich es so...na bringen wir den tag mal vorbei in der Schule... Kumpels, Handy, Alk, usw zählen mehr, sind wichtiger als der Lehrer der da vorn steht. Das ist traurig.
Mich selbst würde noch interessieren, ob die heutigen Schüler überhaupt noch aufstehen wenn der Lehrer ins Klassenzimmer kommt ...ich glaube eher nicht. Die Kapuzen und Mützen lasst Ihr ja auch auf... da sieht man Eurern Respekt.
Null Respekt. Schämt Euch Ihr Hauptschüler.
Dorf_NKB (15.06.2009, 00:48 Uhr)
Realität???
Hallo erstmal
Ich frage mich beim lesen der Kommentare ob der Nationalsozialismus zurückkommt!
Was ich aus den Beiträgen herauslesen konnte ist ganz einfach.
1. Früher war alles besser!
(Da haben sich die Kiddis nicht auf dem Schuhhof geprügelt. Dafür haben aber einige Studenten Bombenanschläge verübt.)
2.Die 68 und die Politk ist schuld!
(Sorry Leute aber IHR habt die Leute gewählt)
3. Es sind die Ausländerkinder und Muslime!
(Is das nicht etwas zu einfach????)
Nun mal Tacheles:
Was ich bemerkenswert finde sind 3 Sachen in diesem Artikel.
1 Der Artikel fängt damit an das ein Vertretungslehrer nicht auftaucht. Also nicht nur das der eigentliche Lehrer wahrscheinlich krank ist sondern auch das es nicht geschafft wird einen anderen zu schicken.(Das sollte sich mal jemand in der Wirtschaft erlauben)
2. 1/4 der Lehrer ist krank. Ja ich weiß der ganze Stress 6 h zu unterrichten. Aber jetzt mal ehrlich wieso sollten die Kinder zum Unterricht erscheinen wenn es nur 3/4 der Kollegiums schaffen?
3. Ich habe in diesem Artikel so häufig von Körperverletzungen gelesen das ich es etwas unglaubwürdig fand. Schlimmer war aber für mich die Feststellung das (falls der Author das nicht weggelassen hat) in keinem dieser Fälle Anzeige erstattet wurde! Ich glaube nicht das alle Kinder unter 14 waren .
Ich hoffe das die Lehrer sich mal zusammenreißen und sich wenn nötig Hilfe von außen holen.
Wenn Muslimische Kinder immer wieder aufsässig sind sollte man mal mit den Eltern reden oder villeicht mal den Iman der Moschee fragen.
Es gibt so viele Möglichkeiten. Aber das immer nur auf die Kinder , nur auf den Staat oder nur auf die Lehrer zu schieben finde ich ziemlich assi.
Gruß
NKB
PS.: Ich bin auch ein Hauptschüler :-)
ekaaat (14.06.2009, 22:19 Uhr)
führerschein nur mit hauptschulabschluss
das motiviert
ganzbaf (14.06.2009, 20:57 Uhr)
Keine SCHULPFLICHT...

sondern Schule als Angebot.
Und wer sich weigert oder groben Unfug anstellt, dessen Eltern wird das Kindergeld gestrichen.
-
Nicht schlecht ;-?
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