
Beim kleinsten Konflikt setzt es Schläge. Das finden selbst die Intelligenten unter den Schülern normal© Julian Röder
Bei der wöchentlichen Lehrerkonferenz renne ich mit meiner Brandrede gegen die nervenaufreibenden Zustände an unserer Schule offene Türen ein. Alle Kollegen fühlen sich angesprochen. Die Hälfte des Kollegiums erklärt sich zur Mitarbeit in einem Arbeitskreis bereit - eine Institution, die ich bislang als Initiativengrab abgelehnt habe. Vom Direktor erfahren wir, dass vor den Ferien zwei Mädchen festgenommen worden sind. Jiyan und Chantal, beide 16, hatten bei einer Mitschülerin eine "Bestellliste" aufgegeben: MP3-Player, Handy, DVDs und 150 Euro in bar, "ansonsten bist du tot", stand auf dem Zettel, den die Mutter der Erpressten mit der "Ware" im Rucksack ihrer Tochter gefunden hatte.
Kollege Carlos Maia erzählt, dass er einen Gerichtstermin mit einem meiner Schüler, Kemal, habe. Kemal hatte ihm gedroht: "Du bist tot. Ich bringe dich um." Für die Richter war das eine Morddrohung: Urteil: 20 Arbeitsstunden und ein Aufsatz "Wie löse ich Konflikte?".
Viktor aus der 6c tituliert seine Englischlehrerin, die schwangere Referendarin Theresa Zeiger, als "fette Schlampe".
Ordnungskonferenz gegen die Randalierer vom Arbeitsamt. Christian kommt mit seinem Vater, Acar mit einem jungen Mann, angeblich sein Bruder; der Vater müsse arbeiten, und die Mutter spreche kein Deutsch. Komisch, noch am Elternabend vor Kurzem hatte ich ein nettes Gespräch mit ihr - auf Deutsch. Gegen beide Schüler spricht die Konferenz die "Androhung eines Verweises" aus. Später rufen wir Acars Mutter an und fragen, warum sie nicht gekommen sei. "Welche Konferenz?", fragt sie - auf Deutsch. Sie habe keinen Brief bekommen, den hatten die Söhne abgefangen. Ich lade die Mutter und beide Söhne vor. Nun geht es um Unterschlagung, Verletzung des Briefgeheimnisses und Falschaussage.
Der 17-jährige Melih, ein früherer Schüler unserer Schule, flegelt sich mit glasigen Augen in den Unterricht des Kollegen Norbert Ziemann, wo er ein bisschen "chillen" will.
Ich lasse Dauerschwänzerin Oya, 16, vom Ordnungsamt zu Hause abholen. Sie war seit den Herbstferien nicht in der Schule. Von den Eltern gibt es kein Lebenszeichen, eine gültige Telefonnummer existiert nicht. Mit dem Jugendamt habe ich bereits über das dauernde Schwänzen gesprochen.
Melih beehrt erneut seine alte Schule, diesmal möchte er am Unterricht von Sportlehrer Carlos Maia teilnehmen. Als der ablehnt, entgegnet Melih: "Du Hurensohn, du hast bestimmt mit 29 deinen ersten Schwanz gelutscht." Carlos wirft Melih aus der Klasse, nimmt später aber seine Entschuldigung an. Früher hatte Carlos den Jungen in der Fußballschulmannschaft gefördert. Der engagierte Lehrer steht ratlos vor mir: "Kann man jemandem Hausverbot erteilen?"
Zweite Sitzung unserer Arbeitsgruppe "Friedliche Schule". Die Kollegen krabbeln aus ihren Schneckenhäusern und schildern neue Fälle: wie den von Achmed und Mahmut aus der 6b, die Hanne aus der 5c über den Schulhof jagen, sie zu Boden werfen und solange an dem frühreifen Kind zerren und reißen, bis deren Brüste hin und her schleudern.
In zwei Tagen startet das zweiwöchige Betriebspraktikum. Von 26 Bewerbungen liegt mir knapp die Hälfte vor, die Hälfte davon wiederum ist Schrott.
Eva aus der 6c schafft es im Englischunterricht nicht, den Satz "His jeans are …" mit der Vokabel "blue" zu vollenden. Obwohl wir diesen und ähnlich einfache Sätze zigmal geübt hatten. Ich sage: "Wir können doch nicht in jeder Stunde bei null anfangen." Eva springt auf, rennt zum Ausgang, ruft: "Schreien Sie mich nicht an, Sie Hurensohn."
Zwei Monate nach Ende der Herbstferien. Zwei Monate Gewalt und Chaos - und plötzlich steht bei der Weihnachtsfeier ein kleiner schwarzer Junge aus der 6. Klasse auf der Bühne und singt "We Are The World", dass einem das Herz aufgeht. Auch das ist Hauptschule. Der Direktor geht das Problem Gewalt jetzt offensiv an: Seine Weihnachtsrede gestaltet er als Scrabble. Für jeden Buchstaben des Wortes "Hauptschule" findet er eine negative Assoziation (H=Hauen) und beschreibt damit den Istzustand. Rund 100 Schüler in der Aula sind aufmerksam und still wie selten. Aber andere Wege sind denkbar. Und so lautet der zweite Teil des Spiels: Für jeden Buchstaben eine positive Assoziation (H=Hilfe). Das kam an.
Zeugniskonferenz. 23 Lehrer tragen sich gegenseitig vor, wie viele Schüler sie haben, welcher Schüler warum besonders gefährdet, besonders unerträglich oder nie da ist. Abendfüllend. Analyse gravierender Probleme oder guter Entwicklungen? Lösungen? Fehlanzeige. Eine durch und durch sinnlose Veranstaltung. Schulpolitisches Highlight in diesem Halbjahr: Laut NRW-Schulministerin Barbara Sommer soll möglichst niemand mehr sitzen bleiben. Ein schwieriges Unterfangen bei Klassen, in denen von 25 Schülern 18 mindestens zwei Fünfen zur Halbzeit auf dem Konto haben. Laut Pisa-Studie 2008 fällt in NRW jeder fünfte Hauptschüler aus dem "Bewertungsrahmen", das heißt: 20 Prozent haben nicht einmal Grundschulniveau und können einen einfachen Zeitungsartikel nicht verstehen. Die Schulleitung gibt trotzdem die Parole aus: bessere Noten auf dem Zeugnis. Wie das passieren soll, bleibt unklar.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 23/2009