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10. November 2007, 15:50 Uhr

Eine Geisel erzählt

Rudolf Blechschmidt (l.) im Gespräch mit den stern-Reportern Christoph Reuter (M.) und Markus Götting (r.)© Volker Hinz

Ein sehr schmaler Grat, auf dem man sich bewegt: Gibt man nach? Provoziert man seinen Entführer?

Mir war das praktisch egal zu dem Zeitpunkt. Da überlegt man: Hat es überhaupt einen Zweck, wenn es so weitergeht? Später, wenn man schon zu lange überlebt hat, hängt man mehr an seinem Leben.

Wie haben Sie durchgehalten?

Die Afghanen, die haben nachts gesehen, als hätten sie eine Nachtsichtbrille. So sind die gelaufen. Ich hab immer nur gedacht: Hoffentlich kommst du hinterher! Da war ein Taliban, der mich bei der Hand genommen und gesagt hat: "Pass auf, hier ist ein Felsbrocken, fall da nicht." Mein Glück war: Ich hatte so Arbeitsschuhe, das sind reine Bergschuhe mit Stahlsohle und Stahlkappe. Ich hatte erst Sandalen angezogen, dachte aber, wer weiß, wie das ist an dem Staudamm - zieh lieber richtig gute Schuhe an.

Ein Glück.

Die Taliban laufen ja in so Latschen rum, Gummilatschen. Denen macht das nichts aus. Aber dann wollten die meine Schuhe. Ich sag: "Schuhe gibt’s nicht, ohne Schuhe lauf ich nicht." Insgesamt sind wir ja Hunderte von Kilometern gelaufen. Ich hab ihnen aber versprochen - und von allen auch die Schuhgröße aufgeschrieben -: "In Kabul kauf ich jedem ein Paar Schuhe." Sie haben sogar Probelaufen gemacht, als ich die nachts ausgezogen hab. Aber trotz der Schuhe bin ich oft hingefallen und gestolpert, hab mir die Beine aufgeschlagen bis zu den Knien, ich hab geblutet, hab alles aufgerissen gehabt. Die Ellbogen ...

Wer hat Ihre Wunden versorgt?

Niemand. Ich. Mit Urin gewaschen. Die haben ja nicht mal Verbandsstoff. Die haben ja nichts dabei. Sogar die Tempotaschentücher haben die mir abgenommen, ich hab ja gar nichts gehabt. Die Hose zerrissen, Hemd zerrissen. Wenn wir irgendwo saßen, hab ich mich heimlich behandelt. Das durften die gar nicht sehen, das ist das Schlimmste, was es gibt für einen Afghanen oder Muslim, wenn ich jetzt irgendwie an den Körper mit Urin geh. Das entehrt mich ja!

Gab es etwas zu essen?

Ja, am zweiten Tag, so süße Sahne in Papiertüten, die man mit Fladenbrot essen kann. Und Wasser war auch da. Aber man hat gar keinen Hunger gehabt, es ging bloß ums Trinken. Die haben gesagt: "Iss was! Leg dich schlafen!" Aber vor lauter Steinen findest du keinen Platz zum Schlafen, und es war bitterkalt, fünf Grad, wenn’s dunkel wurde, und ein kalter Wind hat durch die Felsspalten gepfiffen. Und ich im kurzärmeligen Hemd. Ich hab gezittert am ganzen Körper, meine Zähne haben geklappert, das hat man gar nicht mehr im Griff.

Wann haben Sie das erste Mal geschlafen?

Nach drei Nächten, irgendwann in der Früh. Ich hatte mir eine Mulde in so ein Geröllfeld gegraben und mich da reingelegt. Da zog der Wind nicht so. Und dann bin ich innerhalb von Sekunden eingeschlafen. Die hatten uns ein paar Stunden zuvor mit mehreren Autos verlegt, und da ist dann plötzlich der Noorzai weg gewesen. Am Anfang hab ich noch gedacht, dem ist irgendwie die Flucht gelungen, aber später haben mir die Taliban erzählt, sein Bruder hat ihn allein rausgekauft.

Und Sie und die anderen hat er hängen lassen?

Ja. Seine Geschichte, die er dann in Kabul dem BKA und meinem Sohn erzählt hat, klang natürlich anders. Aber er hat uns schlicht verraten.

Noorzai war weg, ein paar Männer konnten ein bisschen Englisch, Sie ein wenig Arabisch. Wie sind Sie mit der Isolation umgegangen?

Das kam erst später. Die ersten Tage warst du ja nur unter Druck. Du musst laufen, du musst überleben. Da denkt man an gar nichts. Erst nach vier Tagen war ein bisschen Ruhe. Da sind wir an einer Höhle angekommen, so ein Felsloch, und dann hieß es: "Ihr müsst alle in die Höhle rein! Das ist euer Zuhause."

Na prima.

Die war bloß so einen Meter sechzig hoch, da ging so ein Schlauch rein, drei Meter lang, zwei Meter breit. In der Höhle konnten sich drei Mann hinlegen, der Rest musste sitzen. Abends kamen die Taliban aus den Dörfern rauf, so wilde Gestalten. Die saßen am Höhleneingang. Ich denk, mein Gott, was haben denn die bloß vor? Sitzen da wie die Hühner und beobachten uns. Die hatten Brot mitgebracht und Wasser und ein paar Zwiebeln, und dann haben wir dunkles Brot und die Zwiebeln gegessen, war auch nicht gerade gut für meinen Magen, denn als Europäer ist man die rohen Zwiebeln nicht so gewöhnt. Und dann: wie schlafen? Keine Decke, nichts gehabt. Gut, dann haben wir uns auf den Steinboden gelegt und haben halt geschlafen.

Stellt sich unter solchen Bedingungen so was wie Alltag ein?

Ja. Von dort oben aus gab es den ersten Kontakt mit der Botschaft und dann auch gleich mit dem Bundeskriminalamt. Das war der Thomas vom BKA, mit dem habe ich dann in den kommenden Monaten immer wieder telefoniert, der war so was wie meine große Hoffnung. Ansonsten hatten wir zum ersten Mal einen Tagesablauf. Um halb vier hat jeden Morgen das Handy geklingelt, Anruf von der Taliban-Zentrale, dass die aufstehen zum Beten.

Wie bitte? Handy? Anruf?

Für mich war das ja auch unvorstellbar. Die Taliban hatten die modernsten Handys, mit Fotokamera drin. Und die haben telefoniert wie die Weltmeister. Mit dem Netz ist das kein Problem, da stehen ja überall Sendemasten auf den Bergen. Die hatten einen ganzen Sack voller Akkus und eine Solarladestation, und so konnten meine Afghanen auch mit ihren Leuten telefonieren. Aber nur, wenn zurückgerufen wurde. Die Taliban hatten ja so Prepaid- Karten.

Kaum was zu essen, kein Fleisch, aber Spitzen-Handys?

Die haben damit ja auch alles gefilmt, ihre ganzen Kämpfe, Hinrichtungen. Die haben uns so Videoclips gezeigt, da haben wir gesehen, wie sie einem Amerikaner die Kehle durchschneiden. Die machen ja keine Gefangenen. Die sagen: "Wir können die gar nicht mitnehmen." "Alles so lasche Säcke", sagen die.

Aber Sie durften dennoch morgens länger schlafen, wenn die Taliban beteten.

Ich hab als Einziger die Nacht durchgeschlafen, und wenn die sich um fünf oder sechs wieder hingelegt haben, war ich munter. Dann haben wir erst mal Tee gekocht für die Taliban. Damit keiner den Feuerschein sieht, musste man in der Höhle kochen. Das konnte natürlich keiner aushalten, den Rauch, bloß einer von den afghanischen Geiseln.

Wie weit durften Sie sich wegbewegen von der Höhle?

Ach gut, mit der Zeit bin ich eine Stunde alleine da rumgelaufen. Wo sollte ich denn hin?

Weit und breit keine Fluchtmöglichkeiten?

Nichts, gar nichts. Die ganze Gegend war ja voller Taliban. Die haben gesagt, die haben da tausend Kämpfer in den Bergen. Also arrangiert man sich. Zum Frühstück gab’s meistens das übrig gebliebene Brot vom Vorabend. Mittags gab’s meistens nichts, weil nichts mehr da war, und du hast halt gewartet, dass die Taliban abends vom Dorf raufkommen und Brot mitbringen, teilweise auch noch Kuchen und Aprikosen, Äpfel. Wardak ist ja eine Obstgegend.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 45/2007

 
 
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