
Seelenklempner des Potts: Kabarettist Ludger Stratmann© Hardy Müller
Mit anderen Worten: den Dualismus leben. Das Neue wagen, ohne das Alte zu leugnen. Es ist nämlich nicht so, dass der Ruhrpötter sich gegen den Wandel sträubt. Eine Umfrage im Auftrag der Ruhr 2010 GmbH ergab, dass die Menschen im Revier sich sehr wohl nach urbanem Lebensgefühl und öffentlichem Raum sehnen, mithin durchaus Metropole wollen. Zugleich aber verhaftet sind mit der eigenen Scholle, mit Tradition und: Toleranz. Schon mal gehört, dass im Ruhrpott Schwarze oder Inder mit Baseballschlägern durch Innenstädte getrieben werden? Eben nicht. Jeder nach seiner Fasson ist hier Lebensprinzip. Viel Ballonseide und Minipli, die etwa in Friseurläden wie "Pasha's Haarem" entsteht. Stört keinen und erinnert an New York mit seiner anarchischen Kraft und der "Who gives a shit?"-Mentalität. Gibt es in Deutschland noch einen anderen Flecken, an dem ein Langzeitarbeitsloser mit Sprechchören gefeiert wird? Samstags mittags in Gelsenkirchen betritt Erich, vulgo: "Asi Erich", unter großem Hallo die Fankneipe "Auf Schalke". Erich schlägt sich seit seiner Geburt durchs Leben, und wenn man fragt, was er früher beruflich gemacht hat, antwortet einer aus dem Kreis: "Pferdewetten, glaub ich." Aber Erich ist ein Idol und schafft es immer, sich ins Stadion zu mogeln, und sobald er den Fanblock betritt, stehen die Kuttenträger stramm und singen "Asi Erich, Fußball-Gott!" Das ist keine Verhöhnung, das ist pure Anerkennung. Erich kämpft wenigstens, er kommt von unten. Er scheitert zuweilen, steht aber immer wieder auf.
Schalke: Das ist ein Spitzenklub - aber eben auch Asi Erich. Und der Ruhrpott wird Kulturhauptstadt - ist aber eben auch Volkstheater wie der "Mondpalast" von Wanne-Eickel, wo jeden Abend der Genitiv dem Dativ sein Tod ist und umgekehrt. Zum 75. Geburtstag des Baldeneysees spielen auf einer Seebühne vor mehr als 10.000 Menschen die Essener Philharmoniker, sie spielen Mozart und Bach, und am Ende gibt's ein Feuerwerk. 15 Kilometer nordwestlich füllt der Selfmade-Schlagersänger Michael Wendler aus Dinslaken die Oberhausen-Arena mit 13.000 Menschen und Texten von raumgreifender Schlichtheit, "Sie liebt den Diieee-Jayyyyy", und am Ende ruft er: "Soll der Wendler sich jetzt nackich machen?" Tags darauf verfolgen 1000 Leute in einer ausrangierten und zur Kirche umgebauten Gebläsehalle in Duisburg, wie der an Krebs erkrankte Christoph Schlingensief, gebürtig in Oberhausen, seinen Kampf um Leben und Tod inszeniert.
Dies sind die Parameter, zwischen denen sich das Revier bewegt: Schlingensiefs monumentale Kunst und Wendlers monumentaler Kitsch. Oben und unten. Beides geht. Und bitte keine Sozialromantik und mitleidtriefenden Geschichten vom Aschenputtel der Republik. Wenn die Leute im Kohlenpott nämlich zwei Dinge abkönnen, dann sind es erstens die Wahrheit und zweitens darüber lachen. Ludger Stratmann etwa spiegelt die Wahrheit im Pott und überhöht sie. Der bekannte Kabarettist aus Bottrop war früher Arzt. Seine Programme heißen "Machensichmafrei, bitte" oder "Heute komm ich mal mit mein Bein" und handeln von denen, die er jahrelang behandelte. Er machte sich nach den Sprechstunden Notizen mit den nettesten Sottisen und Sprüchen und nimmt gern den Hang des Ruhrpötters zum Fremdwortverdrehen auf die Schippe: "Unser ganzet Haus musste ejakuliert werden."
Stratmann steht neben dem Tetraeder, einem stählernen Konstrukt, auf einer begrünten Halde in Bottrop, Denkmal selbstverständlich. "Denkmäler sind hier im Pott überall, wo mal einer hingepinkelt hat." Von hier oben hat man einen prima Blick über die Halde Mottbruch, die Skyline von Essen, das Müllheizwerk Karnap, Zeche Zollverein, Straßen, Schlote, Schalke-Arena. "Vom Ruhri erfahren Sie irgendwann immer die Wahrheit, er kann nicht anders, irgendwann kracht es raus", sagt er, und exakt so verhält sich die Chose auch bei ihm. Es kracht raus. "Dat ganze Gerede vom grünen Pott geht mir auf den Sack." Der Doktor schaut hinunter auf die begrünte Halde und eine immens scheußliche Ski-Halle und spricht: "Hamburg ist schön. Und Bayern ist schön. Dat hier is zwar grün. Aber in Bayern ist es eben doch schöner." Nein, nein, sagt er, die Schönheit des Ruhrpotts komme von innen. Also wieder: die Menschen. Und zur Bestätigung führt der Kabarettist die Besucher in Willi "Ente" Lippens' Lokal "Mitten im Pott". Schön grün dort unterm Hochspannungsmast und gleich an der Autobahn.
Lippens, einst Fußballprofi von Rot-Weiss Essen und Borussia Dortmund, war einer von Stratmanns drei Privatpatienten, "der andere hatte 'ne Pommesbude, der Rest war Knappschaft, viel Silikose". In den 1970er Jahren dribbelte die Ente die Bundesliga schwindelig, und Berti Vogts bekam eine Woche vor dem Duell mit ihm regelmäßig Durchfall vor Schiss, wieder ausgetanzt zu werden. Lippens hätte Essen mehrmals verlassen und reich werden können. Er hatte ein hoch dotiertes Angebot von Ajax Amsterdam, und einmal stand der Präsident von Hertha BSC vor seiner Tür mit einem schwarzen Koffer, "600.000 Mark waren da drin". Beinahe wäre Lippens schwach geworden, aber dann spielten sie samstags gegen Werder Bremen, er schoss das eins zu null, und 30.000 Zuschauer sangen fortan bis zum Schlusspfiff "Ente, du darfst nicht gehen". Er blieb, logisch blieb er, "da konnt ich nicht wech". Kriegt heute noch Gänsehaut, "so wat gibt's nur hier".
Ente kann stundenlang Dönekes aus seiner Karriere erzählen und über die lustigen Seiten des Reviers. Und man könnte über die vielen Anekdoten glatt dazu neigen, viel zu verklären und zu verdrängen an solchen Abenden. Doch hinter all den Schmonzetten von Stratmann und Lippens verbirgt sich auch eine andere, fast melancholische Seite. Humor ist ein Bruder der Demut. Und das Revier ist eine immer noch demütige, geerdete Region mit vielen Problemen, aber auch vielen, die an Lösungen arbeiten.
Der Gelsenkirchener Bürgermeister Frank Baranowski sitzt an einem sonnigen Vormittag auf einer Holzbank auf dem Gelände der alten Zeche Consolidation, eine Trendsportanlage wird eröffnet. Die Imagemacher können ihm viel erzählen vom Revier als Kulturhauptstadt, von Perspektiven und Superlativen. Denen fehlen Fünf-Sterne-Hotels und internationale Schulen. Baranowski fehlen Arbeitsplätze. Er spricht langsam, macht lange Pausen. Seine Stadt galt jahrelang als Synonym für den Niedergang. Den Trend haben sie gestoppt. Sie hatten einst sieben Zechen in Gelsenkichen mit bis zu 5000 Bergleuten. Alle geschlossen. "So was", sagt der SPD-Mann, "kann doch keine Stadt verkraften." Baranowski redet nicht von Visionen und dem grünen Pott, sondern von den kleinen Fortschritten. Es gibt nur noch zwei Ein-Euro-Läden in der siechen Fußgängerzone, das ist so ein Fortschritt. Die Arbeitslosigkeit ging von knapp 27 auf 14,2 Prozent zurück. Und er ist froh, dass die Quote der Abzügler sinkt. Baranowski sagt: "Bildung ist der Schlüssel. Bildung, Bildung und noch mal Bildung." In seinem Gelsenkirchen bekommt jedes Kind einen Kindergartenplatz. Sie kämpfen hier um jedes Kind. Die Leute vom Jugendamt besuchen jedes Neugeborene, überreichen Vater und Mutter einen Gutschein für zehn Stunden Elternschule und ein Schalke-Lätzchen. Vielleicht bleiben die jungen Eltern. Das wäre ein Anfang.
Ein paar Kilometer entfernt, hoch über der stillgelegten Zeche Nordstern residiert Professor Karl-Heinz Petzinka, Architekt und Chef einer der größten Wohnungsbaugesellschaften der Republik. Er verwaltet alte Bergbausiedlungen, 78.000 Wohnungen insgesamt. Er versteht sich als Visionär, aber eben als bodenständiger Visionär: "Der Übergang Bayerns von der Milchwirtschaft zur Hightech-Gesellschaft hat auch zwei Generationen gebraucht." Das Revier, sagt auch er, biete großartige Chancen. Im Wohnungsbau vor allem. Der Professor will das Zusammenleben von Jung und Alt revolutionieren, alle unter einem Dach, am besten mit Solarzellen drauf. Schon jetzt leben im Ruhrgebiet die meisten Rentner der Republik. Das versteht Petzinka aber nicht als Belastung, sondern als Herausforderung: "Wir müssen das Miteinander neu erfinden. Unsere Ideen könnten Modell für Europa werden", sagt er. Daran arbeiten seine Designer, Architekten und Wissenschaftler in dollen Büros. Das ist sein Labor der Zukunft. Eine Werkstatt der Ideen. Sie werkeln heute schon an Lösungen für Schwierigkeiten, die morgen auf ganz Deutschland zukommen. Falls irgendwo der Satz stimmt, dass Probleme dazu da sind, gelöst zu werden, dann im Revier. Ein ewiger Kampf ist das, aber Aufgeben kommt nicht in die Tüte.
Zu besichtigen nach wie vor unter Tage, im Bergbau, an sich längst abgeschrieben und begraben. "Vielleicht", sagt Steiger Ludwig Vossbeck einen Kilometer unter der Erde in der Schachtanlage von Prosper Haniel, "vielleicht ist ja doch nicht Schluss in zehn Jahren." Falls die Stahlpreise weiter steigen und der Kokspreis durch die Decke schießt. Wer weiß, was in zehn Jahren ist? Bis dahin fließt viel Wasser die Ruhr hinunter. In Duisburg hat Thyssen-Krupp gerade wieder einen Hochofen in Betrieb genommen, den ersten seit 15 Jahren. Das ist doch was. Und wenn es doch nicht klappt und sie unten dichtmachen, geht's oben weiter. Irgendwie. Muss ja. Der Steiger spricht: "Die können über uns sagen, was sie wollen. Aber wir sind Weltmeister im Wandel."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 42/2008
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