In der 8. Klasse gibt es auch die ersten Leistungsdifferenzierungen an den Polytechnischen Oberschulen der DDR. Während die Mehrzahl der Schüler regulär 10 Jahre zur Schule geht, verlassen lernschwache Kinder, wie der dicke Dieter, nach der 8. Klasse die Schule. Jeder Einzelfall wird in mehreren Schulgremien geprüft, ehe der "Abgang" genehmigt wird. Denn jeder Schüler, der vorzeitig die Schule verlässt, ruiniert die Statistik der Schule - und bringt für den Direktor und die Klassenlehrerin unangenehme Debatten mit dem Schulrat. Ziel des DDR-Bildungsministeriums, dem von 1963 bis 1989 Margot Honecker, die Frau des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, vorstand, war es, möglichst keine Sitzenbleiber und wenige vorzeitige Schulabbrüche zu haben. In der Praxis führt das dazu, dass einerseits schwache Schüler durch gezielte Förderung ihre Potenziale maximal ausschöpfen können. Andererseits leiden lernstarke Schüler darunter, dass sich der Unterricht oft an den Schwächeren orientiert. Der Leipziger Pädagogikprofessor Hans-Georg Mehlhorn hat laut der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Hamburg ermittelt, dass 20 Prozent der Schüler in der DDR mindestens einmal nicht versetzt wurde. Dieter wurde irgendwie immer "mitgezogen". Doch in der 8. Klasse werfen die Lehrer das Handtuch. Der Junge macht schließlich eine Lehre und wird Melker, wie seine Eltern.
Die lange Heike wiederum geht ab der 9. Klasse zur Erweiterten Oberschule (EOS), wo sie auf das Abitur in der 12. Klasse vorbereitet wird. Die Rostocker Wissenschaftlerin Conchita Hübner-Oberndörfer schreibt: "Etwa 16 Prozent der Schüler der 8. beziehungsweise 10. Klassen wurden von den Polytechnischen Oberschulen an Erweiterte Oberschulen 'delegiert'." Die lange Heike ist ein klarer Fall für die EOS. Denn sie ist seit Jahren Klassenbeste und außerdem FDJ-Sekretärin. Damit gehört sie zur "Kaderreserve der Partei" und hat alle Karrierechancen. Auch Jungs, die Offizier werden wollen oder Lehrer, haben gute Aussichten delegiert zu werden, denn wichtigstes Kriterium überhaupt ist die politische Zuverlässigkeit der Schüler. Dass die DDR bei diesen Bedingungen vielen leistungsstarken, motivierten Schülern jede Chance nahm, ist meiner Meinung nach einer der größten Fehler des damaligen Bildungssystems.
Ich kämpfe mich mehr schlecht als recht bis zur zehnten Klasse durch den Lehrplan. Dass viele Eltern damals öffentlich die Menge des Lehrstoffs kritisieren, und fordern, dass der Unterricht sich auf die Vermittlung des Wesentlichen und im Leben praktisch Anwendbaren konzentriert, findet im DDR-Bildungsministerium keine Zustimmung. In dieser Beziehung hat sich seit damals nichts geändert.
Ich versuche dem Schulparteisekretär aus dem Weg zu gehen, verfluche den Klassenlehrer, der immer wieder hinter allen herschnüffelt und jeden über alles aushorcht, verknalle mich vorübergehend in den Musiklehrer, schwänze mit meinen Freundinnen den Unterricht, wenn die Diskonächte lang waren und der zu erwartende Unterrichtsstoff zu öde ist. Ich büffle für die Abschlussprüfungen, feiere 1980 mit meinen Klassenkameraden den letzten Schultag und verbrenne schließlich meine gesamten Schulsachen. Nur die Fibel hebe ich auf.