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3. August 2009, 14:58 Uhr

Von Treue und Tango

Argentinien, Tango, Diktatur, Buenos Aires, Gaucho, Stundenhotel, Liebesmotel

Noemia Salto, 16, und Hernan, 23. In ihrer Mitte das gemeinsame Baby, drei Monate alt. "Es war mein größter Wunsch", sagt sie. "Ist halt so passiert", sagt er© João Pina

Balizano und sein Lebenspartner Miguel haben sich beim Tango lieben gelernt, wie viele Argentinier. Aber nicht in einer der unzähligen Tangobars der Stadt, sondern hier im "La Marshall", einem Tanzsaal im Zentrum. Es ist Mittwochnacht, zwei Uhr, beim "Tango Gay", das Licht gedämpft, die Musik dramatisch, ein Barde besingt den Tiefenschmerz der Liebe. Männerwangen schmiegen sich an Männerwangen, verschwitzte Glatzen kleben an behaarten Brüsten, zur Musik von Carlos Gardel schieben sich die Männer stilvoll übers Parkett, alte Tangueros mit getönten Bärten und junge mit den langen Mähnen Che Guevaras, Matrosen aus Irland und Touristen aus den USA. Eine Szene wie aus dem 19. Jahrhundert, als der Tango als Demonstration des Machismo in den Spelunken des Hafens entstand. Früher tanzten die Männer aus Frauenmangel zusammen. Heute aus Lust. "El tango te espera", sagen sie. Der Tango wartet auf dich.

Rasante Entwicklungen

Augusto und Miguel wollten immer in den großen Sälen der Stadt tanzen, aber das gilt den Traditionalisten als Sakrileg. Der klassische Tanguero ist männlich, begehrt bei den Frauen und gleichzeitig Opfer ihrer Untreue. Also gründete Augusto vor neun Jahren seine eigene "Milonga", seine eigene Tanzveranstaltung.

Buenos Aires, die einstige Kapitale des Machismo, ist zur Schwulenhauptstadt Südamerikas geworden. Konnten Homosexuelle vor 30 Jahren noch im Gefängnis landen, gibt es inzwischen Boutique-Hotels und Weinläden, und sogar eine Fußball-WM für Schwule fand hier statt. Buenos Aires war die erste Stadt Lateinamerikas, die die Homo-Ehe erlaubte, und heute pilgern pro Jahr 300.000 schwule Touristen an den Río de la Plata, angelockt vom günstigen Wechselkurs und billigen Strichern und dem Ruf des Latin Lovers.

"Ich erkenne mein Land nicht mehr", sagt Oscar Pereyra. "Es ist der Sünde erlegen." Pereyra sitzt im Schatten eines Baumes der Pampa, 100 Kilometer außerhalb von Buenos Aires, und spielt Liebeslieder auf der alten Gitarre. "Ich bin dein Sklave, du bist meine Liebste, ich bin dein Beschützer, du meine Rose", er besingt den Geruch ihrer Haare und vergleicht sie mit der Schönheit von Sommerblumen. Die Frau sitzt ihm zu Füßen und singt leise mit. Seit 41 Jahren sind sie verheiratet.

Zurück zu alten Werten

Pereyra ist 67 und spielt noch täglich für seine Frau, er führt sie aus zum Reiten, er garantiert ihr seine unendliche Liebe und bekommt ihre volle Unterwerfung. "Unser Leben gibt es heute nicht mehr", sagt er. "Nein", sagt sie. "Ich weiche nicht von ihrer Seite." "Niemals", sagt sie. "So ist die Liebe der Gauchos", sagt er. "Wir sind eins", sagt sie. "Das wollte ich sagen", sagt er. - "Entschuldige, mein Liebling."

Pereyra ist ein Gaucho, jener argentinische Cowboy, der in heldenhafter Männlichkeit die Pampa durchreitet. Der Gaucho ist ein Ehrenmann, aggressiv im Kampf, ein Frauenheld, aber nicht untreu, Argentiniens Mythos von Männlichkeit und Freiheit. Pereyra zähmte sein Leben lang Pferde und schläft am liebsten unter freiem Himmel, er trägt einen buschigen Schnurrbart und einen Stolz in der Seele, der ihm den Blick auf das heutige Argentinien verleidet. Sein Sohn liebt eine moderne Deutsche. Ein anderer lebt in Sodom und Gomorrha, er meint Buenos Aires. "Ich habe meine Tochter vor der Ehe nicht aus dem Haus gelassen", sagt Pereyra stolz. "Heute treiben sie sich herum und schleppen dir uneheliche Kinder an." Er setzt an zum Klagelied auf das moderne Argentinien, in dem sich die Liebe zu einem Ramschartikel verwandelt hat und Sex zu einem Markt, und am Schluss ist er sich nicht sicher, ob es unter der Diktatur nicht allen besser ging, auch der Liebe. Damals, als sie noch unter Kontrolle war.

Je weiter man sich auf der Reise durch Argentinien von der Hauptstadt entfernt, desto eher trifft man die Urform der argentinischen Liebe noch an, das Idealbild der heilen Großfamilie, die sich sonntags nach der Kirche zum "Asado" trifft, zum Grillfest. Bei den Fischern im Süden Patagoniens etwa, die in der rauen Einsamkeit leben, die aber manche Frau hat flüchten lassen. Bei den Bewohnern Ushuaias, der südlichsten Stadt der Welt, in der aber viele Opfer des alten argentinischen Sprichworts wurden: "Wenn die Armut ins Haus kommt, flieht die Liebe aus dem Fenster." Und bei den Indianern im Süden, die sich aber nicht mehr sicher sind, wie Indianer eigentlich lieben.

Die gefährliche weiße Welt

Marcos Pantoja vom Stamm der Ona kennt die Geschichten. Die Vorfahren, weiß er, rannten noch nackt herum. Sie zeugten Kinder im Jahrestakt. Nicht mal ein Prozent der Argentinier sind Indianer und ihre Traditionen fast ausgestorben. Pantoja ist Nachfahre der Ona in Feuerland und studiert mit anderen Stammesangehörigen die alten Lebensweisen. Er hat sich in mühevoller Arbeit zurückverwandelt in einen Indianer. Er sieht die Liebe als Fortpflanzung im Dienst der Vorfahren, als Wiederbesiedlungsprogramm der patagonischen Steppe.

Jedes Jahr bekommen er und seine Frau Christina kleine Indianer, sie haben jetzt sechs. Er bringt den Kleinen das Jagen bei, das Häuten, Spurenlesen, Fallenstellen, die schon ausgestorbene Sprache, diese ganze indianische Welt, in der es noch klare Regeln gibt. "Wir sind keine Argentinier", sagt er den Kindern. "Nein", sagen die Kinder. "Wir halten uns an die Regeln. Erst mit 16 darf man eine Frau ausführen, aber sie muss vor der Dunkelheit wieder zu Hause sein. "Jawohl", antworten die Kinder. "Dem Vater obliegt die Entscheidung über die Eheschließung. Der Mann muss seine Ehre beweisen. Die Frau muss rein sein. So sind die Gesetze, wir verstehen uns. Ihr geht nie hinaus in die gefährliche weiße Welt." "Nein", sagen sie.

Die Welt, die er meint, umringt Argentiniens Städte als ein Gürtel aus Steinhütten und Sandstraßen. Hier leben Millionen, und jedes Jahr kommen neue hinzu, aus Bolivien, Paraguay, vom Land. Sie ziehen in Armenviertel, die keine Namen haben, sondern Zahlen oder Spitznamen wie Ciudad Oculta, die dunkle Stadt. Die erste sexuelle Begegnung haben viele Mädchen mit 12, und wenn sie 15 sind, sitzen sie wie Noemia in einer kleinen Steinhütte unter einem Bild von Jesus Christus und blicken mit großen Augen auf ihr kleines Baby im Arm. "Sie war mein großer Wunsch", sagt Noemia. Warum? "Weil alle eins haben." Warum ist das so? "Da hat man mal was Eigenes." Der junge Vater steht neben ihr. "Ist halt so passiert", sagt er und holt sich schnell ein Bier.

Liebe am Stadtrand

Sie leben in einem mit Karton abgetrennten Zimmer bei Verwandten. An der Wand hängt Eva Perón und ein Schild mit dem Spruch "Jesus ist mein Hirte". Sie hätten gern, dass die Eltern ihnen helfen, aber die Mutter hat selbst ein Baby, mit einem anderen Mann, und der Vater noch eine dritte Familie, nachdem er seine zweite verlassen hat. Das Konzept der Kernfamilie hat sich aufgelöst in Ciudad Oculta und wird durch neue Modelle ersetzt, in denen Babys bei Tanten aufwachsen, Halbgeschwister aus dem Nichts auftauchen und Kinder die Geborgenheit der Familie in Drogengangs suchen. "Die Liebe gibt es nicht", sagt Noemias Schwester, die so etwas wie die Ersatzmutter ist. "Männer sind morgen wieder weg, das erste Kind bekommen die meisten mit 15, das zweite mit 17, spätestens dann ist der Kerl verschwunden. Und meine Schwester hier ist viel zu jung, um Mutter zu sein. Schauen Sie sie nur an."

Noemia erwidert nichts. Sie blickt, als würde sie ihr Schicksal längst kennen. Ihr Freund holt sich lieber noch ein Bier und geht hinaus in den klaren Abend, und Noemia ahnt, dass er auf einer heißen Ghetto-Party oder in einem Telo enden wird. "Die Liebe gibt es sowieso nur im Fernsehen", sagt sie und taucht ein in ihre Telenovelas, die sie für den Rest des Tages durch eine Traumwelt aus Latin Lovers, treuherzigen Evitas und glühender Liebe führen werden.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 32/2009

Von Jan Christoph Wiechmann
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KOMMENTARE (3 von 3)
 
Progreso (08.08.2009, 17:31 Uhr)
Falta un grupo importante
Der Autor hat eine große Und einflußreiche) Gruppe zu wenig ausführlich (oder gar nicht) beschrieben:
Die Papa-Hijitos und Mama-Hijitas der Mittelklasse, die in einem pseudoinzestuös-ödipalen Familienclan-Verhältnis leben, deren "symbiotische Liebe" sich auf die Viejos (als Geldgeber) und die eigenen Chicos (als Sicherung der eigenen Pflege im Alter!) konzentriert, dabei eine eigenständige, wirklich emotionale und kommunikative Beziehung zum eigenen Partner/in jedoch praktisch nicht zulässt bzw. inexistent ist. Daher gehen diese "Frauen" fast ausschließlich mit ihren Freundinnen aus und diese "Männer" mit ihren Pibes (Kumpels) zum Sport.
Erotik, Knistern, gegenseitige Anziehung, Diskussion, produktive Konfrontation gibt es nicht!
Da wird dem Papa vom Sohn zärtlich über's Haupt gestreichelt was er niemals bei seiner eigenen Frau machen würde!
Schon die ganz jungen Ehen wirken trist und langweilig (und weitaus spießiger als bei uns) - man spricht einfach nicht wirklich miteinander!
Für mich ist das der symbiotisierte Egoismus im vorhandenen "amoralischen Familismus" (Edward Banfield) der argentinischen Mittelschicht oder -klasse, dessen eigenes, unterschwellig vorhandenes spürbares Unwohlsein sich in der exorbitanten Dichte an Psycho-Onkels manifestiert, die wegen jedem kleinen "Furz" konsultiert werden.
Hauptsache man setzt sich nicht mit sich selbst auseinander sondern gibt dies als Fremdreflexion an Dritte ab.
Das bei uns kreierte Latina-/Latinlover-Image der Argentinos ist eine sehnsuchtsgetriebene Kopfgeburt der (Nord)Europäer, aber in Realität nur eine klitzekleine Randerscheinung im Land der Winde!
Saludos (un pocito decepcionados) desde la costa atlántica!
reimberto (08.08.2009, 14:41 Uhr)
So ist das hier......
So ist das hier in Argentinien.Alles
Extreme,alles entweder schwarz oder weiss,niemals grau.Warum sollte es beim Sex anders sein?Und grau ist
die Farbe,die Argentinien sehr viel
Gutes tun wuerde,wenn die Menschen
lernen wuerden,sie wahrzunehmen.
znew (08.08.2009, 14:16 Uhr)
eine feuchtheiße Nacht wie aus den Romanen Jorge Luis Borges'
Borges hat keinen einzigen Roman geschrieben. Erzählungen und Lyrik, ja. Romane, nein.
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