Man muss Susanne Klatten nur mal sehen, wenn bei einem Pflichttermin ein Fremder an sie herantritt. In einer Sekunde kann sie ihre Augen herabkühlen, sie erstarrt, rührt weder Hände noch Gesichtsmuskeln, ist nur noch Argwohn und Ungeduld. Und hat der Eindringling keinen guten Grund, ihr nahe zu treten, ist er ein Plauderer oder Schmeichler, so sagt sie ihm zuerst "Guten Tag" und dann: "Wir sind in einem Gespräch, würden Sie bitte woanders warten?"
Neben Misstrauen wird ein zweiter Wesenszug der Eltern Susannes Leben bestimmen: Pflichtgefühl. "Das hilft einem", sagt sie. "Das ist auch was Gutes."
Und was Böses. Dieses Zurücktreten hinter der Pflicht ist ihr zugleich Freund und Feind - bis heute.
Im Juni 1982 stirbt ihr Vater, der an Herzrhythmusstörungen litt. Klatten ist 20 Jahre alt. Sie erbt Milliarden, Anteile von BMW und Altana.
Sie muss sich der Verantwortung noch nicht stellen, ein Vertrauter des Vaters verwaltet das Erbe. Klatten weiß noch nicht so genau, was sie will im Leben.
Sie liebt die Natur. Gern würde sie Gartenarchitektur studieren. Sie traut sich nicht. "Wenn ich mich an dieses Gefühl erinnere: Ich bin davor zurückgeschreckt, einen ganz eigenen Weg zu gehen."
Sie ist brave Tochter, studiert in England und Lausanne Wirtschaft. Lange Zeit wissen die anderen Studenten nicht, wer Klatten ist. "Freisein von dem Nachnamen", nennt sie das. "Es war eine ganz tolle Zeit. Ich kann das bis heute gar nicht glauben. Das wünsche ich meinen Kindern, dass sie nur nach ihrem Vornamen gesehen werden. Das ist eine große innere Freiheit, die man dringend braucht, um sich zu entwickeln, um sich selbst kennenzulernen."
Lange Minuten kann sie darüber sprechen, die Frau, die nicht als kleine Susanne geboren wurde, sondern als kleine Quandt, die aber ihr Leben lang etwas Eigenes sein will und nicht hinter einem Namen zurücktreten, der so gewaltig ist, dass sie selbst nichtig wird. Als sie in einem BMW-Werk den Ingenieur Jan Klatten kennenlernt, nennt sie sich Susanne Kant. Sieben Monate küsst sie unter fremder Identität.
Nach der Hochzeit gehen die beiden 1990 in die USA, alles ist leicht und unbeschwert, er arbeitet, sie bekocht und verhätschelt ihn, und doch muss sie ja irgendwann zurück, muss die Rolle annehmen, die der Vater ihr zugeschrieben hat, die Rolle als Großaktionärin und Aufsichtsrätin. "Ich bin von einem ganz ausgeprägten Pflichtbewusstsein", sagt sie. "Und vieles ist hinter diesem Pflichtbewusstsein zurückgetreten. Ich habe gesagt: Ich stehe dafür ein, was mein Vater uns vererbt. Ich werde das tun. So gut ich kann."
Und so wird sie mit 27 Jahren Aufsichtsrätin erst bei Milupa, mit 31 bei Altana und später bei BMW. Sie muss Männern auf die Finger schauen, die mehr Berufsjahre zählen als sie Lebensjahre.
Tausend Zweifel kriechen in ihrem jungen Kopf hoch: Bin ich die Richtige? Bin ich gut genug? Kann ich wirklich Bilanzen lesen? Menschen durchschauen? Oft fühlt sie den Boden unter sich wanken. "Dieser Moment", sagt Klatten, "wo man - fffffffffft - das Gefühl hat, irgendwas ist zu groß."
Bis heute wird sie diese Zweifel, diese Ängste nicht verlieren. Ihre Stimme wird schnell, wenn sie darüber spricht, die Worte fließen nur so. "Natürlich ist da auch Angst. Die Angst, bestehen zu können. Die Angst, Fehler zu machen. Vieles, was ich tue, hat Folgen für andere. Und die Angst, sich zu blamieren, weil diese Fehler ja in der Öffentlichkeit kommentiert werden." Schwere Entscheidungen muss sie treffen. Zwei Jahre ist sie im Amt, als BMW in die größte Krise stürzt, seit ihr Vater das Unternehmen gerettet hat. Der Vorstandschef Bernd Pischetsrieder hat die Marke Rover gekauft und Milliarden verloren. Die Erben wollen nicht länger stillhalten. Am 5. Februar 1999 tritt der Aufsichtsrat zu einer Sitzung zusammen, die in die Firmengeschichte eingehen wird. Die einen sind für Pischetsrieder, die anderen gegen ihn. So geht es acht Stunden.
Auf einmal schauen alle die beiden Jungen an, Susanne und ihren Bruder Stefan. "Was meinen Sie denn?"