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24. November 2008, 12:22 Uhr

"Du bist Opfer, du musst dich wehren"

Man muss Susanne Klatten nur mal sehen, wenn bei einem Pflichttermin ein Fremder an sie herantritt. In einer Sekunde kann sie ihre Augen herabkühlen, sie erstarrt, rührt weder Hände noch Gesichtsmuskeln, ist nur noch Argwohn und Ungeduld. Und hat der Eindringling keinen guten Grund, ihr nahe zu treten, ist er ein Plauderer oder Schmeichler, so sagt sie ihm zuerst "Guten Tag" und dann: "Wir sind in einem Gespräch, würden Sie bitte woanders warten?"

Neben Misstrauen wird ein zweiter Wesenszug der Eltern Susannes Leben bestimmen: Pflichtgefühl. "Das hilft einem", sagt sie. "Das ist auch was Gutes."

Und was Böses. Dieses Zurücktreten hinter der Pflicht ist ihr zugleich Freund und Feind - bis heute.

"Ich bin davor zurückgeschreckt, einen eigenen Weg zu gehen"

Im Juni 1982 stirbt ihr Vater, der an Herzrhythmusstörungen litt. Klatten ist 20 Jahre alt. Sie erbt Milliarden, Anteile von BMW und Altana.

Sie muss sich der Verantwortung noch nicht stellen, ein Vertrauter des Vaters verwaltet das Erbe. Klatten weiß noch nicht so genau, was sie will im Leben.

Sie liebt die Natur. Gern würde sie Gartenarchitektur studieren. Sie traut sich nicht. "Wenn ich mich an dieses Gefühl erinnere: Ich bin davor zurückgeschreckt, einen ganz eigenen Weg zu gehen."

Sie ist brave Tochter, studiert in England und Lausanne Wirtschaft. Lange Zeit wissen die anderen Studenten nicht, wer Klatten ist. "Freisein von dem Nachnamen", nennt sie das. "Es war eine ganz tolle Zeit. Ich kann das bis heute gar nicht glauben. Das wünsche ich meinen Kindern, dass sie nur nach ihrem Vornamen gesehen werden. Das ist eine große innere Freiheit, die man dringend braucht, um sich zu entwickeln, um sich selbst kennenzulernen."

Küssen als Susanne Kant

Lange Minuten kann sie darüber sprechen, die Frau, die nicht als kleine Susanne geboren wurde, sondern als kleine Quandt, die aber ihr Leben lang etwas Eigenes sein will und nicht hinter einem Namen zurücktreten, der so gewaltig ist, dass sie selbst nichtig wird. Als sie in einem BMW-Werk den Ingenieur Jan Klatten kennenlernt, nennt sie sich Susanne Kant. Sieben Monate küsst sie unter fremder Identität.

Nach der Hochzeit gehen die beiden 1990 in die USA, alles ist leicht und unbeschwert, er arbeitet, sie bekocht und verhätschelt ihn, und doch muss sie ja irgendwann zurück, muss die Rolle annehmen, die der Vater ihr zugeschrieben hat, die Rolle als Großaktionärin und Aufsichtsrätin. "Ich bin von einem ganz ausgeprägten Pflichtbewusstsein", sagt sie. "Und vieles ist hinter diesem Pflichtbewusstsein zurückgetreten. Ich habe gesagt: Ich stehe dafür ein, was mein Vater uns vererbt. Ich werde das tun. So gut ich kann."

Und so wird sie mit 27 Jahren Aufsichtsrätin erst bei Milupa, mit 31 bei Altana und später bei BMW. Sie muss Männern auf die Finger schauen, die mehr Berufsjahre zählen als sie Lebensjahre.

Bilanzen lesen und Menschen durchschauen

Tausend Zweifel kriechen in ihrem jungen Kopf hoch: Bin ich die Richtige? Bin ich gut genug? Kann ich wirklich Bilanzen lesen? Menschen durchschauen? Oft fühlt sie den Boden unter sich wanken. "Dieser Moment", sagt Klatten, "wo man - fffffffffft - das Gefühl hat, irgendwas ist zu groß."

Bis heute wird sie diese Zweifel, diese Ängste nicht verlieren. Ihre Stimme wird schnell, wenn sie darüber spricht, die Worte fließen nur so. "Natürlich ist da auch Angst. Die Angst, bestehen zu können. Die Angst, Fehler zu machen. Vieles, was ich tue, hat Folgen für andere. Und die Angst, sich zu blamieren, weil diese Fehler ja in der Öffentlichkeit kommentiert werden." Schwere Entscheidungen muss sie treffen. Zwei Jahre ist sie im Amt, als BMW in die größte Krise stürzt, seit ihr Vater das Unternehmen gerettet hat. Der Vorstandschef Bernd Pischetsrieder hat die Marke Rover gekauft und Milliarden verloren. Die Erben wollen nicht länger stillhalten. Am 5. Februar 1999 tritt der Aufsichtsrat zu einer Sitzung zusammen, die in die Firmengeschichte eingehen wird. Die einen sind für Pischetsrieder, die anderen gegen ihn. So geht es acht Stunden.

Auf einmal schauen alle die beiden Jungen an, Susanne und ihren Bruder Stefan. "Was meinen Sie denn?"

 
 
KOMMENTARE (10 von 18)
 
snort (25.11.2008, 17:26 Uhr)
konsequente hofberichterstattung
mehr nicht.
als hätten wir es mit lady di der 2. zu tun.
dass sich sich betagte money-ladys jungpurschis kommen lassen ist kein geheimnis, genausowenig wie sich prominente schwuchteln am hauptbahnhof vergnügen.
das geseiere der ach so integren frau klatten in diesem blatt zeugt von höchster geldabhängigkeit des verlages gruner.
bild no.2
diese schachtel ist dermassen blöd sich erpressen zu lassen na und.
ich hoffe ihr angetrauter zieht konsequenzen oder erliegt dem mammon.
beides ist möglich letzteres zu befürchten.
geld macht geil.
wie wärs mal mit artikeln, die menschen interessieren, wie die grosse enteignung zurzeeit ???
feiges blatt.
Sanjoaquin (25.11.2008, 12:30 Uhr)
häh? @ Rummenigge
Wenn ich Ihre Argumentation richtig verstehe, dann meinen Sie also die Dame hätte sich nicht wehren dürfen, weil ihre Altvorderen Nazis waren?
rummeniggejunior (25.11.2008, 09:03 Uhr)
@ sanjoquin
häh? was ist das denn für ein argument? das hat nichts mit sippenhaft zu tun, eher mit moral. muss jeder selbst wissen, ob er mit milliarden glücklich werden kann, die opa und papa aus zwangsarbeitern rausgepresst haben. frau klatten kann offenbar. "du bist opfer, du musst dich wehren" - diese möglichkeit hatten die zwangsarbeiter nicht. vielleicht einfach mal ein bisschen recherchieren?
Sanjoaquin (25.11.2008, 08:32 Uhr)
Rummenigge oder Dummenigge?
Ich möcht bloss festhalten, dass die Sippenhaftung ein klassisches Kennzeichen der Nazizeit war. Ihr Argument war daher keine Nazikeule sondern eher ein Nazibumerang.
columbia10 (24.11.2008, 23:22 Uhr)
Liebe Susanne Klatten
Ihr Luxusproblem möchte ich auch haben...! Mein tief empfundenes Beileid zu 7-9 Mrd. Euro! Das ist wirklich eine schwere Last. Ich meinerseits hoffe, demnächst wieder eine sinnvolle Tätigkeit in der Immobilienberatung zu finden, nachdem mein Arbeitgeber in Konkurs gegangen ist. Das ist mein Problem. Haben Sie eine Idee, senden Sie mir eine Mail auf peter.braun1@gmx.ch
Für mich ein Rätsel: Wie konnte sich eine sooo disziplinierte und "defensive" Frau sooo hinreissen lassen? Gab es bei Ihrem Mann ein intimes Defizit, oder war Hypnose im Spiel? Wie haben Ihre Kinder auf die sonst so vorbildliche Mama reagiert? - Sie sprechen von, dass Sie Ehrlichkeit schätzen. Und weshalb haben Sie Ihren Mann betrogen und die Kinder geschockt? Weshalb, um alles in der Welt, flog Ihre Sicherung durch? Wäe Ihr Mann auch noch da, wenn Sie mittellos wären? Mal drüber kurz nachdenken.
Sternchen2020 (24.11.2008, 18:09 Uhr)
Ohne Zweifel
ist das Verbrechen, das hier begangen wurde, das Allerletzte und mein Mitgefühl gilt in jedem Fall Frau Klatten. Allerdings ist die Presse diesmal einhellig sehr gnädig mit dem Thema umgegangen, insofern kann ich die Klagen über die Presseartikel nicht ganz nachvollziehen. Bei vielen anderen Personen hätte es eine gnadenlose Schlacht um die perfideste Story aller zeiten gegeben. es mag an den hohen Anzeigenaufträgen liegen, dass dies hier unterblieb, sogar bei er Zeitung mit den vier großen Buchstaben. es wäre zu wünschen, dass auch andere Prominente in schwierigen Situationen mit gleicher Achtung von den Medien behandelt werden, auch wenn sie keine großen Werbeaufträge vergeben. Denn der Sensationsjournalismus ist zutiefst primitiv udn hat sich überlebt.
H.P. (24.11.2008, 17:53 Uhr)
@djchrisi (24.11.2008, 17:40 Uhr) betrogene Betrügerin
Sie hat zu viel von sich selbst und von anderen verlangt, nun wurde sie eines besseren belehrt, keiner ist perfekt, selbst der Papst nicht. Wie gesagt, wir alle sollten uns an die eigene Nase fassen und nicht den Richter spielen.
ruebesamen (24.11.2008, 17:46 Uhr)
Toller Artikel!
Ich habe selten einen so langen und trotzdem guten Artikel im Stern gelesen.Frau von Klatten ist schon bemerkenswert und hat sich von der "bloßen" Erbin hin zu einem großartigen Menschen entwickelt. Ich gönne ihr das vollkommen neidlos!
djchrisi (24.11.2008, 17:40 Uhr)
betrogene Betrügerin
Mein Mitleid hält sich in Grenzen. Wer, wie im Artikel beschrieben:"Ist jemand wahrhaftig, der vor mir sitzt? Ich möchte jemanden ehrlich spüren und nicht betrogen werden."/Seite 2/ als Lebensmotiv wählt, dem darf ein solcher Fehler nicht passieren. Nicht dieser Fehler. Das darf einfach nicht passieren.
Und dann das Geschwafel von Disziplin, Ehrlichkeit und Vertrauen.
Große Worte, nichts dahinter!
H.P. (24.11.2008, 17:34 Uhr)
Geld ist nicht alles!
Bestimmt ist das Leben einfacher wenn man reich ist, doch Freiheit, Liebe und Glück ist nicht käuflich. Reiche Menschen sind nicht glücklicher und wenn man so viel Geld hat wie Frau Klatten, kann es zum Fluch werden, nicht umsonst sagte Jesus einem Reichen, gib alles weg und folge mir nach, erst dann wirst Du dich selbst finden, dann erst wirst Du frei sein, frei in allem. Wer innerlich nicht frei ist, dem kann der Reichtum zum Fluch werden. Die meisten Menschen können sich nicht vorstellen so reich zu sein, deshalb schauen sie mit Neid und Missgunst auf Menschen wie Frau Klatten, anstatt selbst etwas aus ihrem Leben zu machen und die eigenen Fehler zu sehen. Wir alle machen Fehler, wer ohne Schuld ist werfe den ersten Stein. Jeder lernt aus seinen Fehler, ich persönlich wünsche Frau Klatten alles Gute und viel Kraft das alles durchzustehen. Geld ist nicht alles!!
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