
Schu'iya Salim, Nudschuds Mutter, war 19-mal schwanger© Karim Ben Khelifa
Und so geht es zwei Monate lang weiter. Die Schwiegermutter pocht auf die täglichen Pflichten, verlangt Demut und Gehorsam, triezt das Kind in Küche und Stall. Nur wenn sie brav kocht, backt, wäscht, darf Nudschud zur Dorfschule, in diesen Verhau, in dem schon mal eine Kuh den Unterricht stört. Haus und Hof darf die Kleine kaum verlassen, "ich wurde immer kontrolliert". Sie ist eine Gefangene.
Am schlimmsten aber sind die Nächte. Er kommt jede Nacht mit seiner Gier. "Ich habe gebettelt, bitte rühr mich nicht an, er drohte mit Prügel, zweimal hat er mich geschlagen." Sie rennt durch das Haus, die drei Räume, er hinterher. Sie ist flink, er beharrlich, und die Hetzjagden enden immer unter den Anfeuerungsrufen der Schwiegermutter. "Los, du kriegst sie, schnapp dir die Kleine, sie ist deine Frau!" Er hat kräftige Muskeln, nimmt ihr die Kleider weg. Dieser Ekel, dieser Schnauzbart, sein Glibber. Sie hört die eigenen Schmerzensschreie wie ein Echo. Und auf der anderen Seite der dünnen Lehmwand stellen sich alle taub. "Ich konnte es einfach nicht fassen, dass mir niemand half ", sagt Nudschud.
"Oft werden Mädchen von ihren Schwiegermüttern geradezu gefoltert", sagt Husnia al Qadri, Sozialwissenschaftlerin an der Universität Sanaa. "Sie üben totale Kontrolle aus und zerstören die kleinen Persönlichkeiten. Nudschud dürfte jedes Vertrauen gegenüber sehr vielen Menschen verloren haben und gegenüber nahezu jedem Mann."
Im März reist Faiz Thamer mit seiner widerspenstigen Ehefrau nach Sanaa zu ihren Eltern. Aufgelöst erzählt ihnen Nudschud von der Hölle in Wadi La'a. "Sie sagte, sie hasst ihren Mann", erzählt die Mutter. Beratungen in der Familie führen zu nichts. Eine Scheidung? Unmöglich. Der Vater verlangt, dass sie zu Faiz zurückkehrt. Onkel, Tanten, Stieftanten - sie alle erwarten Gehorsam. "Ich habe so viele Versuche unternommen. Niemand half mir, niemand tat etwas." Die Schwester der Stiefmutter bietet Nudschud an, sie zum Zivilgericht West zu bringen. "Ich traute ihr nicht", sagt Nudschud. "Aber die Idee war gut."
Sie fasst den Entschluss, allein dorthin zu gehen, heimlich. Für Bus und Taxi hat sie 200 Rial gespart, knapp 70 Cent. Eine Woche später ist die Gelegenheit da: Die Eltern besuchen am Morgen des 2. April eine Verwandte, Faiz hat das Haus mit seinem Moped verlassen. Eine Stunde später kommt Nudschud bei Gericht an.
"Wer bist du denn?", fragt Richter Muhammad al Qadhi. Sie sagt, sie wolle sich über ihren Vater beschweren, der sie weggegeben habe. "Und ich will mich scheiden lassen." Dann erzählt sie dem Richter ihre Geschichte. Der Jurist ist empört, weiß aber, dass er einiges riskieren muss, wenn er dem Kind helfen will. Als Minderjährige kann Nudschud niemanden anklagen oder eine Scheidung beantragen. Es gibt im Jemen kein Gesetz, das den brutalen Ehemann bestraft. Der Vater durfte das Mädchen vor der Pubertät verheiraten, obwohl es bei der Eheschließung jünger war als die gesetzlich empfohlenen 15 Jahre.
Der Richter sorgt dafür, dass die kleine Nudschud im Hause eines Kollegen Unterschlupf findet. Um sie vor Rache und Ehrenmord zu bewahren, lässt er Nudschuds Vater und ihren Ehemann erst einmal festnehmen. Doch al Qadhi weiß, dass er einen Kompromiss finden muss, um den Fall im Stillen zu lösen. Am Tag des Prozesses ist der Gerichtssaal überfüllt, weil der Nationale Frauenrat und Journalisten von der Klage gehört haben. Die meisten Zuschauer unterstützen das Mädchen. Andere raunen ihr zu: "Viele haben gar keinen Mann, du Hübsche - bleib lieber verheiratet."
Der Ehemann gibt zu, mit Nudschud geschlafen zu haben. "Ich war intim mit ihr, aber ich habe nichts Falsches getan. Sie ist meine Frau." Der Vater sagt, er habe seine Tochter verheiratet, um sie zu schützen. Nudschud verlangt die Scheidung, selbstbewusst und ganz ruhig. Nach 20 Minuten entscheidet der Richter: Die Ehe wird annulliert, der Mann verliert jeden Anspruch auf das Mädchen. Dafür wird er mit umgerechnet rund 500 Euro entschädigt.
Nudschud kommt in der Familie eines Onkels unter. Später kehrt sie zurück zu den Eltern. Richter al Qadhi übernimmt die finanzielle Vormundschaft. "Wenn er mir nicht geholfen hätte, hätte ich Gift gekauft", sagt Nudschud. "Dass Frauen heiraten können ohne Angst, verstehe ich wirklich nicht." Das Mädchen beharrt darauf, stolz und stur, das Erlebte ohne Hilfe von Ärzten und Psychiatern hinter sich zu lassen. Nur nachts bittet sie, das Licht anzulassen.
"Nudschud, das ist Schicksal Hunderter jemenitischer Mädchen", sagt ihre Anwältin Schada al Nassr - "nur, dass sich bislang niemand wehrte." Nach Schätzungen von Unicef gibt es weltweit 60 Millionen Frauen, die als Minderjährige verheiratet wurden; Muslimas wie im Jemen, Christinnen wie in Äthiopien, Hindu-Töchter wie in Indien. Jeden Tag werden 20.000 Mädchen in eine Ehe gezwungen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 22/2008