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1. Juni 2008, 12:23 Uhr

"Schnapp sie dir, sie ist deine Frau"

Schu'iya Salim, Nudschuds Mutter, war 19-mal schwanger© Karim Ben Khelifa

Und so geht es zwei Monate lang weiter. Die Schwiegermutter pocht auf die täglichen Pflichten, verlangt Demut und Gehorsam, triezt das Kind in Küche und Stall. Nur wenn sie brav kocht, backt, wäscht, darf Nudschud zur Dorfschule, in diesen Verhau, in dem schon mal eine Kuh den Unterricht stört. Haus und Hof darf die Kleine kaum verlassen, "ich wurde immer kontrolliert". Sie ist eine Gefangene.

"Ich konnte es einfach nicht fassen, dass mir niemand half"

Am schlimmsten aber sind die Nächte. Er kommt jede Nacht mit seiner Gier. "Ich habe gebettelt, bitte rühr mich nicht an, er drohte mit Prügel, zweimal hat er mich geschlagen." Sie rennt durch das Haus, die drei Räume, er hinterher. Sie ist flink, er beharrlich, und die Hetzjagden enden immer unter den Anfeuerungsrufen der Schwiegermutter. "Los, du kriegst sie, schnapp dir die Kleine, sie ist deine Frau!" Er hat kräftige Muskeln, nimmt ihr die Kleider weg. Dieser Ekel, dieser Schnauzbart, sein Glibber. Sie hört die eigenen Schmerzensschreie wie ein Echo. Und auf der anderen Seite der dünnen Lehmwand stellen sich alle taub. "Ich konnte es einfach nicht fassen, dass mir niemand half ", sagt Nudschud.

"Oft werden Mädchen von ihren Schwiegermüttern geradezu gefoltert", sagt Husnia al Qadri, Sozialwissenschaftlerin an der Universität Sanaa. "Sie üben totale Kontrolle aus und zerstören die kleinen Persönlichkeiten. Nudschud dürfte jedes Vertrauen gegenüber sehr vielen Menschen verloren haben und gegenüber nahezu jedem Mann."

Im März reist Faiz Thamer mit seiner widerspenstigen Ehefrau nach Sanaa zu ihren Eltern. Aufgelöst erzählt ihnen Nudschud von der Hölle in Wadi La'a. "Sie sagte, sie hasst ihren Mann", erzählt die Mutter. Beratungen in der Familie führen zu nichts. Eine Scheidung? Unmöglich. Der Vater verlangt, dass sie zu Faiz zurückkehrt. Onkel, Tanten, Stieftanten - sie alle erwarten Gehorsam. "Ich habe so viele Versuche unternommen. Niemand half mir, niemand tat etwas." Die Schwester der Stiefmutter bietet Nudschud an, sie zum Zivilgericht West zu bringen. "Ich traute ihr nicht", sagt Nudschud. "Aber die Idee war gut."

Es gibt im Jemen kein Gesetz, das den brutalen Ehemann bestraft

Sie fasst den Entschluss, allein dorthin zu gehen, heimlich. Für Bus und Taxi hat sie 200 Rial gespart, knapp 70 Cent. Eine Woche später ist die Gelegenheit da: Die Eltern besuchen am Morgen des 2. April eine Verwandte, Faiz hat das Haus mit seinem Moped verlassen. Eine Stunde später kommt Nudschud bei Gericht an.

"Wer bist du denn?", fragt Richter Muhammad al Qadhi. Sie sagt, sie wolle sich über ihren Vater beschweren, der sie weggegeben habe. "Und ich will mich scheiden lassen." Dann erzählt sie dem Richter ihre Geschichte. Der Jurist ist empört, weiß aber, dass er einiges riskieren muss, wenn er dem Kind helfen will. Als Minderjährige kann Nudschud niemanden anklagen oder eine Scheidung beantragen. Es gibt im Jemen kein Gesetz, das den brutalen Ehemann bestraft. Der Vater durfte das Mädchen vor der Pubertät verheiraten, obwohl es bei der Eheschließung jünger war als die gesetzlich empfohlenen 15 Jahre.

Der Richter sorgt dafür, dass die kleine Nudschud im Hause eines Kollegen Unterschlupf findet. Um sie vor Rache und Ehrenmord zu bewahren, lässt er Nudschuds Vater und ihren Ehemann erst einmal festnehmen. Doch al Qadhi weiß, dass er einen Kompromiss finden muss, um den Fall im Stillen zu lösen. Am Tag des Prozesses ist der Gerichtssaal überfüllt, weil der Nationale Frauenrat und Journalisten von der Klage gehört haben. Die meisten Zuschauer unterstützen das Mädchen. Andere raunen ihr zu: "Viele haben gar keinen Mann, du Hübsche - bleib lieber verheiratet."

Der Ehemann: "Ich war intim mit ihr, aber ich habe nichts Falsches getan"

Der Ehemann gibt zu, mit Nudschud geschlafen zu haben. "Ich war intim mit ihr, aber ich habe nichts Falsches getan. Sie ist meine Frau." Der Vater sagt, er habe seine Tochter verheiratet, um sie zu schützen. Nudschud verlangt die Scheidung, selbstbewusst und ganz ruhig. Nach 20 Minuten entscheidet der Richter: Die Ehe wird annulliert, der Mann verliert jeden Anspruch auf das Mädchen. Dafür wird er mit umgerechnet rund 500 Euro entschädigt.

Nudschud kommt in der Familie eines Onkels unter. Später kehrt sie zurück zu den Eltern. Richter al Qadhi übernimmt die finanzielle Vormundschaft. "Wenn er mir nicht geholfen hätte, hätte ich Gift gekauft", sagt Nudschud. "Dass Frauen heiraten können ohne Angst, verstehe ich wirklich nicht." Das Mädchen beharrt darauf, stolz und stur, das Erlebte ohne Hilfe von Ärzten und Psychiatern hinter sich zu lassen. Nur nachts bittet sie, das Licht anzulassen.

"Nudschud, das ist Schicksal Hunderter jemenitischer Mädchen", sagt ihre Anwältin Schada al Nassr - "nur, dass sich bislang niemand wehrte." Nach Schätzungen von Unicef gibt es weltweit 60 Millionen Frauen, die als Minderjährige verheiratet wurden; Muslimas wie im Jemen, Christinnen wie in Äthiopien, Hindu-Töchter wie in Indien. Jeden Tag werden 20.000 Mädchen in eine Ehe gezwungen.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 22/2008

Von Uli Rauss
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KOMMENTARE (10 von 67)
 
Alex64 (04.06.2008, 19:42 Uhr)
Fair dinkum,
sheila - and no worrys ......
nese (04.06.2008, 14:04 Uhr)
@h-p-t & @Alex
@h-p-t:
'zu schreiben man kenne ja die argumente der anderen und wäre müssig darüber zu diskutieren ist doch auch etwas arm.'
Ich bin immer wieder von neuen erstaunt, was Sie aus meinen Kommentaren herauslesen. Wie kommen Sie jetzt auf diese Behauptung? Etwa wegen dem angekuendigten Loblied ueber die fanatischen Christen, das ich dann doch nicht gesungen habe?
Ich habe nichts dagegen, dass uns Herr Garnet mit seinen Auslandserfahrungen bereichert. Seine 'Beobachtungen' interessieren mich auch, aber er sollte ein bisschen nachforschen, bevor er diese mit Islam in Verbindung bringt. In seinem sarkastischen Kommentar hat er naemlich Tradition und Religion durcheinander gewuerfelt, und genau dagegen habe ich laut protestiert.
@Alex
'Reicht das? Oder soll ich meine diversen langjährigen Aufenthalte im "englischen Ausland" anführen???'
Ja, ich glaube dir, aber nur wegen deiner langjaehrigen Aufenthalte im englischsprachigen Ausland ;-)
h-p-t (04.06.2008, 09:17 Uhr)
@nese
das was du garnet unterstellst ( seinen sarkastischen beitrag - und das ist offensichtlich - gegen ihn zu verwenden ) ist billig.
wir alle ( alex, garnet, lisa ,du und ich ) treffen uns regelmäßig bei islamkritischen beiträgen, aber zu schreiben man kenne ja die argumente der anderen und wäre müssig darüber zu diskutieren ist doch auch etwas arm.
deine argumente sind gut, genauso gut aber sind die von alex und garnet, besonders die von garnet haben eine gewisse aussagekraft da er und seine frau ( auch schon bekannt aus früheren diskussionen ) einen recht grossen erfahrungswert aus den auslandaufenthalten haben und "aus erster hand" erzählen können, weshalb diesen "gewinn" nicht zur diskussion nutzen ?
h-p-t (04.06.2008, 09:01 Uhr)
Ist es nicht alles eine Frage der Macht über die Frau ?
ich für meinen Teil denke das es nach wie vor die "Wertung der Frau" eine große Rolle spielt, ähnlich wie bei uns auch noch vor nicht allzu langer Zeit ist die Wertigkeit einer Frau / eines weiblichen Wesens allgemein, doch eher gering.
Man kann für alle Regeln die Religion vorschieben und hat so doch immer eine gewisse Macht über die Frau. Das wird von klein auf "reingeschnitten" und zieht sich bis zum Tod der Frau hin...Verschleiert, Unterwürfig usw.
Warum sonst machen die jungen Migranten hier fast ein Fass auf wenn ein Mädchen bauchfrei herumlaufen möchte, oder ein Handy benutzt...warum sonst geschiehen Ehrenmorde ? Weil sich die jungen Mädchen nicht fügen und aus Ihrer Rolle herausfallen... in den Ländern in denen es möglich ist werden Sie offiziel "gerichtet" und gesteinigt , in den "zivilisierteren" Ländern werden Sie halt von der Familie "gerichtet" und heimlich auf Parkplätzen abgestochen.
Die Mütter stehen nicht für Ihre Mädchen ein, sie haben den "Respekt" eingeschlagen / geschnitten etc. bekommen.
"Frauen gefügig machen so das sie dem Mann Untertan ist..." dafür ist die Religion ein tolles Rechtfertigungsinstrument,( alles andere wäre Mohammed und was weiss ich wem alles nicht wohlgefällig ) noch ein paar Extreme die es dann auf biegen und brechen durchsetzen.
Das gab es im Mittelalter auch im Christentum.
@Alex: bewundernswerte Argumente, wie immer auf den Punkt gebracht..
Preussin (03.06.2008, 09:21 Uhr)
@ Alex 64
Ich kann das , Sie nehmen den Koran zu ernst , nicht ganz glauben.Wenn ich sehe , oder höre , daß wieder einer mit Sprengstoffgürtel als Biobombe die Feinde vernichtet , und es ist niemals der Religionsführer oder Prediger selbst. Obwohl es ja auf diese Art geradewegs ins Paradies gehen soll. Ja um des Himmels willen warum drängeln den da die Genannten nicht ? Fürchten sie sich ? Oder sind sie sich doch nicht so ganz sicher mit den Jugfrauen u.s.w. ?
Alex64 (03.06.2008, 09:08 Uhr)
Falsche Sichtweise
"Das Problem sind die Fanatiker, die ihre heiligen Buecher sehr ernst nehmen."
DAS sind ja - nach eurer eigenen, hier immer wieder geäusserten Ansicht - nur sehr wenige.
Das Problem sind eher diejenigen, die nichts gegen diese Fanatiker aus den eigenen Reihen unternehmen oder immer wieder konstatieren, das alles hätte "nichts mit dem Islam" zu tun.
Und natürlich diejenigen, die ihre mitgebrachte mittelalterliche Gesellschaftsform (nein, hat natürlich nichts mit dem Islam zu tun)inklusive der darin gelebten Intoleranz gegenüber allen Andersdenkenden und des steinzeitlichen Ehrbegriffes in einer modernen, humanistischen Sozialstruktur beibehalten wollen.
Alex64 (03.06.2008, 07:23 Uhr)
nese
Nehmen wir doch die englische Version selbst...
"Bashing is a harsh, gratuitous, predjudicial attack on a person, group or subject. Literally, bashing is a term meaning to hit or, colloquially, to assault but when it is used as a suffix, or in conjunction with a noun indicating the subject being attacked, it is normally used to imply a sense of uncompromising vehemence and bigotry about the assailant."
Reicht das? Oder soll ich meine diversen langjährigen Aufenthalte im "englischen Ausland" anführen???
Preussin (03.06.2008, 05:20 Uhr)
Zwangsehe, Beschneidung
Es ist ja historisch belegt , dass Mohamed eine Witwe geheiratet hat , eine reiche Kaufmannswitwe , damit er Reisen und Studien über das Leben in anderen Ländern machen konnte. Da hat ihn die fehlende Jungfräulichkeit nicht gestört. Des weiteren hat er sich nicht gegen die Knabenliebe ausgesprochen , im Gegenteil.Er hat wohl nach seinem Verständnis Lebensregeln aufgestellt, aber sicher nicht die Weiterentwicklung des Geistes verboten ? Wenn Euch Gott geschaffen hat , warum berichtigt ihr ihn und schneidet Teile ab , hat er was falsch gemacht ? Das sagt ihr ja damit. Verwunderlich ist auch das Eure Ehre zwischen den Beinen der Frauen ist . Schlimm für Euch , dass ihr keine bessere Aufbewahrung an eurem Körper dafür findet . Da wäre zum Beispiel der Kopf ein sicherer Ort. Das Wort Ehrenmord ist eine Schande für die Menschheit .Benennt es doch nach der Ursache , wie könnt ihr , weil ihr eure Sexualität nicht steuern könnt , die Köpfe der Frauen unter Tücher verbergen . Sollte nicht die Ursache dafür in der Quelle gesucht werden im Kopf der Herren. Gebt obacht , dass die Frauen nicht eines Tages aufstehen und euch beschneiden , Eunuchen haben keine Probleme mit der Sexualität und können auch ihre Gedanken zusammennehmen , wenn eine unverhüllte Frau vor ihnen steht. Also wo ist die Ursache des Übels ?
nese (03.06.2008, 00:42 Uhr)
@guinness, @manesse & @Alex
@guinness
'Unvorstellbar für mich, daß es sogar hier im Forum noch Befürworter gibt.'
Wegen diesem Satz habe ich jetzt alle Kommentare noch einmal durchgelesen. Ich habe keinen einzigen Kommentar gefunden, wo eine Zwangsverheiratung von Kindern befuerwortet wird. Lesen Sie bitte die alles genau durch, wenn Sie das naechste mal so einen Unsinn schreiben.
@manesse
Wieso sind Sie so empfindlich? Wo habe ich Ihnen denn verboten zu reden und ist es denn eine Drohung, wenn ich sage 'gleich fange ich an zu singen'? Dieses Erlebnis mit den halbwuechsigen Gewalttaetern ist natuerlich tragisch. Aber Sie sollten wissen, dass diese Jugendliche meist ueberhaupt keine Ahnung haben von ihrer eigenen Religion. Homosexualitaet wird leider nicht nur im Islam, sondern auch im Christentum (auch im neuen Testament!) verurteilt, das muessten Sie eigentlich wissen. Das Problem sind die Fanatiker, die ihre heiligen Buecher sehr ernst nehmen.
@Alex
'Guckst Du hier... http://dict.leo.org/'
Na so was. Mein Online Dictionary http://dict.tu-chemnitz.de/ sagt aber was anderes. Was stimmt denn nun?
mona.lisa (02.06.2008, 20:20 Uhr)
Am schlimmsten finde ich, daß diese Männer...
...Unterstützung von ihren Müttern, also auch Frauen, bekommen.
Die müßten doch selbst am besten wissen, wie sich bei ihrer eigenen Zwangsverheiratung gefühlt haben!
.
Typisch für diese Hinterwäldler ist, daß sie vollkommen unflexibel, intolerant und hasserfüllt auf alles reagieren, was auch nur irgendwie außerhalb ihrer eigenen kleinen Welt liegt: ob Frauen (die aus dem Ruder laufen) oder Homosexuelle (die nach ihrem Weltbild "nicht normal" sind) oder Kinder, die sich wehren.
Sie alle werden entweder gefügig geprügelt oder umgebracht, und diese Männer fühlen sich auch noch im Recht.
.
Die Kleine ist unglaublich mutig, aber leider wird sie wohl früher oder später das Opfer eines "Ehrenmordes" werden. Das ist die bittere Realität.
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