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2. September 2007, 07:29 Uhr

Grüße aus San Luca

Helfer tragen die Särge der Erschossenen aus der Kirche in San Luca nach dem Gottesdienst© Reuters

Doch dann kam der 11. September 2001, die Terrorangst und Umstrukturierungen der Polizei. "Wenn heute jemand ein Lagebild anfordert, kriegt er statistische Daten mit Leserbrief-Charakter", sagt Wilfried Albishausen vom Bund Deutscher Kriminalbeamten. Bis Mitte der 1990er Jahre gab es in Nordrhein-Westfalen noch die "erkennende Fahndung": Kommissare gingen nachts in Kneipen, zu Boxkämpfen, in Bordelle, um sich umzusehen, man kannte das Milieu und wusste, wer sich dort bewegte.

Sebastiano Strangio ist 1987 nach Deutschland gekommen, es sind viele Leute aus Kalabrien hier, vor allem aus San Luca. Er findet schnell Arbeit, als Koch in Duisburg im Restaurant von Antonio M., auch ein Verwandter aus San Luca. Der ist seit den Achtzigern im Ruhrgebiet, aber hat seine Wurzeln nicht vergessen. 1982 wird er wegen eines Überfalls auf einen Supermarkt gesucht, Anfang der Neunziger wegen Rauschgifthandels. Die Italiener suchen ihn 1994 wegen Mordes an zwei Carabinieri. In einem vertraulichen Papier aus dem Jahr 2000 bezeichnet ihn das BKA als Kopf des Vottari-Pelle-Romeo-Clans in Deutschland.

Später kocht Sebastiano bei Domenico G., auch aus San Luca, der mit seinen Brüdern als enger Vertrauter von Antonio M. gilt und sein Ristorante erwarb, indem er, damals angeblich Aushilfskellner, 250.000 Mark in bar auf den Tisch legte. Auch Sebastianos Kollegen im neuen Restaurant sind durchaus ehrenwert. Im Frühjahr 1991 stürmt ein SEK der Polizei die Gaststätte, um Antonio G. zu verhaften. Er wird in Italien wegen Totschlags gesucht. Schließlich macht Sebastiano sich mit seinen Brüdern selbstständig und übernimmt das Da Bruno. Sebastiano sammelt wenig Einträge bei der deutschen Polizei, wenn man davon absieht, dass 1998 seine Nummer auf dem Mobiltelefon eines Mafia- Opfers aus Borgia in Kalabrien gefunden worden sein soll.

Aber man muss aufpassen mit dem Namen Sebastiano Strangio. Ein im Oktober 2005 von der holländischen Polizei in Amsterdam verhafteter Drogenhändler trägt denselben Namen wie er, ist aber, anders als viele Zeitungen meldeten, ein Chef aus dem Strangio-Clan, dem Clan der Feinde. Sebastiano ist ein strenger, aber netter Boss. Das schätzen die Pergola-Brüder Francesco, 21, und Marco, 19, die aus der Gegend von Siderno stammen, 20 Kilometer von San Luca entfernt. 18 Stunden am Tag arbeiten sie im Da Bruno. Auch das Geburtstagskind Tommaso Venturi ist kalabrischer Herkunft.

Aber eigentlich ein Duisburger, die Heimat seiner Eltern kennt er nur aus dem Urlaub. Er wird später das einzige Opfer in den Wagen sein, um das nicht sofort Mafia-Gerüchte kursieren. Drei Wochen Praktikum hat er bei Sebastiano absolviert, nun darf er mit Weste und Fliege Teller an der glänzenden Messingtheke des Da Bruno vorbeibalancieren, das früher eine richtig feine Adresse war, als nebenan noch die Banker arbeiteten. Jetzt sitzt dort ein Metallhandel, und Sebastiano hat Pizza und Mittagsmenü eingeführt.

März 2007, San Luca. Die Carabinieri entdecken auf einem Anwesen einen unterirdischen Bunker mit einer Geheimtür, dahinter vier Betten, ein Gerät zum Abhören des Polizeifunks, eine "Skorpion"-Maschinenpistole mit abgekratzter Seriennummer, eine Beretta 92, 230 Patronen, eine Sturmhaube - und die Visitenkarte einer Trattoria in Duisburg: Da Bruno. Das Anwesen gehört dem Vottari-Pelle-Romeo- Clan, Sebastianos Verwandtschaft. Mai 2007, San Luca. Die italienische Polizei hört das Telefon von Marco Marmo ab: Er will nach Deutschland reisen. Er will dort vollautomatische Waffen besorgen. Anfang August 2007, San Luca. Die Polizei verliert Marmo aus den Augen. Marco Marmo mietet sich in Pforzheim einen schwarzen VW-Golf und fährt damit nach Duisburg. Angeblich hat er erfahren, dass die italienische Polizei ihn des Mordes an Maria Nirta Strangio verdächtigt.

Mitte August 2007, Duisburg. Sechs Männer sitzen in der Nacht zu Mariä Himmelfahrt nach Lokalschluss noch bei Sebastiano im Da Bruno, um Tommasos Geburtstag zu feiern. Tommaso ist ein Gutmütiger, Beliebter, einer, der früher in der Hauptschule den anderen bei den Mathe-Hausaufgaben half, ein ehrgeiziger Kerl, der unbedingt einen guten Abschluss wollte, um eine Lehrstelle zu bekommen.

Sebastiano sitzt am Tisch, seine Kellner Francesco und Marco und noch zwei Männer aus San Luca. Einer davon sehr jung, Francesco Giorgi, er ist der Jüngste der Runde, 16, geboren im Jahr 1991, als die Eier flogen und die Strangio- Nirta-Jungs den Scherz in der Bar von Pelle machten. Er träumt wie Tommaso von einer Zukunft in der Gastronomie, und die sollte in jenem San Luca sein, in dem er immer die Mofas seiner Freunde repariert. Nicht in jenem San Luca, in dem es keine Arbeit gibt und Geld nur der hat, der zur 'Ndrangheta gehört. Darum jobbte er in den Ferien bei seinem Onkel Sebastiano in Duisburg. Und so sitzt er jetzt hier am Tisch, im Da Bruno, wo irgendwo ein M-16-Maschinengewehr versteckt liegt, das die Polizei später entdecken wird.

Der sechste Mann am Tisch im Da Bruno ist ein etwas fülliger Bekannter von Sebastiano. Das Geburtstagskind kennt ihn kaum. Er ist 25, kommt aus San Luca, ein lauter Kerl mit Doppelkinn, er hat Sebastiano schon öfter besucht. Sein Mietwagen, ein schwarzer VW-Golf, steht draußen vor der Tür. Die sechs Männer trinken ihr letztes Glas. Um 2.10 Uhr telefoniert Sebastiano wie immer mit dem Sicherheitsdienst des Gebäudes, in dem das Da Bruno liegt, und sagt, dass er Feierabend macht. Dann gehen die sechs raus zu ihren Autos.

Gerald Drißner, Bernd Volland; Albert Eikenaar, Frank Gerstenberg, Nadine Jansen, Kuno Kruse, Julia Laermann, Werner Mathes, Rainer Nübel, Christian Parth, Mario Pelizzoli, Kety Quadrino, Regina Weitz

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 35/2007

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KOMMENTARE (1 von 1)
 
mramorak (03.09.2007, 07:31 Uhr)
Verbrecher haben Freie Fahrt in Europa
Nicht einmal solche Verbrechen wird die europäischen Politiker zur Vernunft bringen. Die Polizei darf auf keinen Fall ausgerüstet sein, Verbrecher jeder Art zu verfolgen und festnehmen. Das dürfte ja bestimmte, 3.-rangige Menschenrechte verletzen. Der Mensch, wenn er kein Verbrecher ist, hat ja kein Recht auf Leben! Europa, besonders die Menschenrechts-Heuler, ist sich nie so einig, wie im Schutz für die Verbrecher - welcher Art auch immer.
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