
Zerstörung als Pausenspaß. Genüsslich wird ein Karton mit Saft über der Schultasche eines Mitschülers ausgekippt© Julian Röder
Lehrer, die zu hart benoten, müssen sich erklären. Teilweise zu Recht. So im Fall des türkischen Kollegen Ozan Yaman, einem Maschinenbauingenieur, der ein Jahr arbeitslos war und wegen Lehrermangels auf Schüler losgelassen wurde. Ich versuche ihm zu erklären, dass eine Technik-Fünf im Halbjahreszeugnis meinen Schülern Dennis und Ramin wohl jegliche Chance nehmen wird, im Jahr drauf den Realschulabschluss zu machen. Denn die Fünf zum Halbjahr erscheint auch auf dem Versetzungszeugnis, da Technik "Wechselfach" ist, also nur im ersten Halbjahr unterrichtet wird. Mit einer Fünf im Versetzungszeugnis ist für Neuntklässler jedoch der Zugang zum Realschulabschluss nach der zehnten Klasse versperrt. Ramin ist vom Gymnasium abgestiegen, Dennis von der Realschule. Beide sind faul, aber talentiert. Kollege Yaman versteht mich nicht und beklagt sich, dass er sich in seiner "pädagogischen Freiheit beeinträchtigt" fühle. Am Ende führen wir ein Gespräch am "runden Tisch". Der Lehrer Yaman schlägt dem Schüler Dennis einen Deal vor: "Du versprichst mir, am Ende des zweiten Halbjahres eine Zwei in Physik zu machen. Sonst bekommst du eine Fünf in Physik und eine in Chemie, egal, was du geleistet hast." Ich verstehe den Kollegen nicht. Wie sollen Schüler mit solcher Ungerechtigkeit und Unfairness klarkommen? PS: Zwei Monate später schreibt Ramin sowohl in Chemie und als auch in Physik eine Eins.
Donnerstag, noch zwei Tage bis zum zweiten Praktikum. Christian hat keine Stelle gefunden, obwohl er drei Monate Zeit hatte. Ich rufe Herrn M., Ausbildungsleiter einer Maschinenbaufirma, an. Christian soll eine Bewerbung schreiben, die Unterlagen am Nachmittag abgeben. Parallel zum Unterricht verfassen wir Anschreiben und Lebenslauf. Am nächsten Tag kommt die Zusage.
Meine "Kinder" laden mich zu einem "perfekten Diner" ein. Tomatencremesuppe, Tortellini mit Sahnesoße, dazu ein Salat und zum Nachtisch Waffeln mit Kirschen und Vanilleeis. Wir sitzen alle zusammen an einem langen Tisch im Hauswirtschaftsraum.
Mustafa aus der 6c steht mit blutender, schiefer Nase im Klassenzimmer. Heino hat ihm im Sportunterricht mit der Faust ins Gesicht geschlagen, weil Mustafa ihn "geschubst" hatte. Das Nasenbein ist gebrochen, der Junge muss ins Krankenhaus.
Die Schüler sind ab heute im zweiten Praktikum. Ausbildungsleiter M. ruft an und erzählt, dass Christian in der Elektrotechnik-Abteilung einen guten Job mache. Er kann sich jetzt schon vorstellen, ihn als Auszubildenden einzustellen.
Um 10.30 Uhr ruft Herr M. wieder an. Christian sei nach der Frühstückspause nicht an den Arbeitsplatz zurückgekommen. Ich rufe Christian an, er ist zu Hause: "Ich habe mich am Sonntag beim Fußball am Zeh verletzt. Daher bin ich zum Arzt." Ohne sich abzumelden, klar. Ich befehle ihm, in genau 30 Minuten bei der Firma zu sein. Doch er erscheint nicht. Herr M. möchte Christian sofort rausschmeißen, der Abteilungsleiter bittet um Gnadenfrist.
Christian hat sich an seiner Praktikumsstelle nicht zurückgemeldet und wird rausgeschmissen. Es soll mir niemand erzählen, Hauptschüler bekämen keine Chance.
Ich bekomme einen neuen Schüler: Babür. Er soll ab heute ins Praktikum einsteigen. Ich rufe ihn an und erfahre, dass er morgen in einem Supermarkt anfängt.
Ich besuche Babür um 10 Uhr. Er spricht nicht viel, macht einen stark verunsicherten Eindruck. Um 16 Uhr ruft mich der Geschäftsführer an: Babür ist entlassen. Er hat den Kassierer des Getränkelagers als "Arschloch" bezeichnet und ihn bedroht. Babür schildert den Fall anders: Der Kassierer habe ihm gesagt, dass er nicht "so blöd" gucken solle. Ich bestelle Babür für morgen früh zum Supermarkt.
Er ist pünktlich. Der Geschäftsführer, Babür und ich führen ein Gespräch. Der Vorfall bleibt unklar. Babür gibt zu, den Mann als "Arschloch" bezeichnet zu haben, aber nur, weil er von ihm beleidigt wurde. Und - schließlich habe er nur seine Meinung gesagt.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 23/2009