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24. November 2008, 12:22 Uhr

"Du bist Opfer, du musst dich wehren"

Und Susanne, die so selten spricht, die sich bei BMW meist zurückhält, dort den Bruder machen lässt, steht auf. Und sie sagt, was für ein guter Mensch Pischetsrieder ist und wie leid ihr das alles tut - aber: BMW brauche einen neuen Anfang. Minuten später ist Pischetsrieder draußen. Klatten hat sich durchgesetzt. Es tut ihr weh. Und doch ist sie stolz.

Sie ist der Rolle gerecht geworden.

Aber die Angst bleibt. "Weil alle so viel erwarten von einem. Dieses immer alles gut machen zu wollen. Weil das, was geleistet worden ist, so großartig war. Diese Legende, die andere um einen rum aufbauen, um die man nie gebeten hat. Und trotzdem ist da dieses Bestreben, sie erfüllen zu wollen. Und das ist die Gefahr. Dass man sich selbst verliert."

Susanne Klatten hat sich nie verloren in dieser Rolle, sie macht es ja gern. Aber sie hat sich auch nie gefunden.

Unter Klattens Aufsicht wird Altana zum Wirtschaftsmärchen

Bei Altana muss sie früh die Last des Erbes tragen. Kaum ist sie im Amt, da macht Milupa Sorgen. Die Tochterfirma passt nicht so recht rein in den Konzern, der in Zukunft mit Chemie und Arzneimitteln sein Geld verdienen soll. Sie will die Firma verkaufen. Aber hat sie nicht selbst Milupa-Brei an ihre Kinder verfüttert? "Ihr Vater würde sich im Grabe umdrehen", schimpfen die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat. Sie fühlt sich schuldig. Aber sie verkauft.

Unter ihrer Aufsicht wird Altana zum Wirtschaftsmärchen. Die Firma entwickelt ein Mittel gegen Magengeschwüre. Der Erfolg ist unerhört: Umsatz, Aktienkurs - zu Beginn des Jahrtausends ist Altana an der Börse mehr wert als Lufthansa oder ThyssenKrupp. Aber dann macht das Management Fehler, vernachlässigt die Forschung. Im Jahr 2006 verkauft Klatten die Pharmasparte. Sie verdient 2,4 Mrd. Euro.

Es ist nicht nur das Geld, das diesen Verkauf zu etwas Besonderem macht. "Es war auch eine Emanzipation", sagt ein ehemaliger Vorstand. Bei Altana waren noch viele Manager im Amt, die ihr Vater zur Firma geholt hat, darunter Firmenchef Nikolaus Schweickart. Männer, die gern gehandelt haben, ohne groß zu fragen.

Nun hat Klatten gehandelt. Und sich wieder ein Stück vom Vater gelöst.

Und in diesem Jahr, seit zwei Wochen, geht sie diesen Weg weiter. Susanne Klatten will den Rest von Altana kaufen - und von der Börse nehmen.

Doch so sehr sie sich auch freimacht, selbst wenn sie, was sie nicht will, alles aufgeben würde, BMW, Altana, die Stiftung - der Name Quandt, die Geschichte der Familie werden immer ihr Leben bestimmen. Und diese Geschichte ist auch voller Schatten.

Film wirft Licht auf Dunkles

Seit einem Jahr läuft wiederholt ein Film im Fernsehen: "Das Schweigen der Quandts". Die Familie, klagt der Autor an, habe mit den Nationalsozialisten paktiert. Sie habe in ihren Fabriken Zwangsarbeiter und Häftlinge aus Konzentrationslagern beschäftigt. Susannes Vater und ihr Großvater hätten die Verbrechen begangen, ihre Erben nie die Verantwortung übernommen. "Sie reagierten hart und arrogant. Sie haben uns gedemütigt", sagt ein KZ-Häftling, der in den 70er-Jahren die Familie um Unterstützung gebeten hat.

Eine Woche nach der Erstausstrahlung gab die Familie eine knappe Erklärung ab. Monate später kritisierte Susannes Bruder Stefan in einer Rede, der Film lasse wichtige Fakten aus. Aber die Quandts nähmen die Vorwürfe ernst. Ja, sie hätten Zwangsarbeiter beschäftigt: "Wir bedauern die Bedingungen, unter denen diese Menschen leben, arbeiten und auch leiden mussten." Ein Historiker arbeitet in den nächsten Jahren dieses Familienkapitel auf.

"Auf etwas Dunkles ist ein Licht geworfen worden", sagt Susanne Klatten. "Das ist immer besser, als wenn es im Dunkeln seine Kraft entwickelt. Es ist nun mal unsere Familie. Es gehört zu uns, und dann ist es besser, man kennt, was da war, als dass man es negiert." Es stehe ihr nicht zu, das zu bewerten. "Den Respekt und die Liebe zu meinem Vater werde ich nicht verlieren. Niemand kann beurteilen, was es hieß, damals zu leben."

Spricht man mit Menschen, die Susanne Klatten seit Jahren, seit Jahrzehnten kennen, mit Familienfreunden, Aufsichtsräten und ihren Mitstudenten, so reden alle gut von ihr, loben Disziplin und Bescheidenheit, Klugheit und Freundlichkeit. Tugenden, gewiss, aber Tugenden können eine Seele auch in ein Korsett zwängen, ihr die Luft abschnüren. "Sie ist manchmal zu streng zu sich selbst", sagt eine Freundin. "Steht zu fest mit den Füßen auf dem Boden. Sie weiß das auch."

Es fällt Klatten schwer, sich dagegen zu wehren. "Diesen Gegenpol zu der Disziplin und der Haltung, um den muss man sich täglich neu bemühen", sagt sie. "Darf ich das Leben genießen? Darf ich mal einen Tag freimachen? Diese Perforation des Pflichtgefühls, die muss ich mir erarbeiten. Sonst zerbricht man. Die Lebensfreude sich zu erhalten, vielleicht auch erst zu erringen, das ist die Aufgabe."

 
 
KOMMENTARE (10 von 18)
 
snort (25.11.2008, 17:26 Uhr)
konsequente hofberichterstattung
mehr nicht.
als hätten wir es mit lady di der 2. zu tun.
dass sich sich betagte money-ladys jungpurschis kommen lassen ist kein geheimnis, genausowenig wie sich prominente schwuchteln am hauptbahnhof vergnügen.
das geseiere der ach so integren frau klatten in diesem blatt zeugt von höchster geldabhängigkeit des verlages gruner.
bild no.2
diese schachtel ist dermassen blöd sich erpressen zu lassen na und.
ich hoffe ihr angetrauter zieht konsequenzen oder erliegt dem mammon.
beides ist möglich letzteres zu befürchten.
geld macht geil.
wie wärs mal mit artikeln, die menschen interessieren, wie die grosse enteignung zurzeeit ???
feiges blatt.
Sanjoaquin (25.11.2008, 12:30 Uhr)
häh? @ Rummenigge
Wenn ich Ihre Argumentation richtig verstehe, dann meinen Sie also die Dame hätte sich nicht wehren dürfen, weil ihre Altvorderen Nazis waren?
rummeniggejunior (25.11.2008, 09:03 Uhr)
@ sanjoquin
häh? was ist das denn für ein argument? das hat nichts mit sippenhaft zu tun, eher mit moral. muss jeder selbst wissen, ob er mit milliarden glücklich werden kann, die opa und papa aus zwangsarbeitern rausgepresst haben. frau klatten kann offenbar. "du bist opfer, du musst dich wehren" - diese möglichkeit hatten die zwangsarbeiter nicht. vielleicht einfach mal ein bisschen recherchieren?
Sanjoaquin (25.11.2008, 08:32 Uhr)
Rummenigge oder Dummenigge?
Ich möcht bloss festhalten, dass die Sippenhaftung ein klassisches Kennzeichen der Nazizeit war. Ihr Argument war daher keine Nazikeule sondern eher ein Nazibumerang.
columbia10 (24.11.2008, 23:22 Uhr)
Liebe Susanne Klatten
Ihr Luxusproblem möchte ich auch haben...! Mein tief empfundenes Beileid zu 7-9 Mrd. Euro! Das ist wirklich eine schwere Last. Ich meinerseits hoffe, demnächst wieder eine sinnvolle Tätigkeit in der Immobilienberatung zu finden, nachdem mein Arbeitgeber in Konkurs gegangen ist. Das ist mein Problem. Haben Sie eine Idee, senden Sie mir eine Mail auf peter.braun1@gmx.ch
Für mich ein Rätsel: Wie konnte sich eine sooo disziplinierte und "defensive" Frau sooo hinreissen lassen? Gab es bei Ihrem Mann ein intimes Defizit, oder war Hypnose im Spiel? Wie haben Ihre Kinder auf die sonst so vorbildliche Mama reagiert? - Sie sprechen von, dass Sie Ehrlichkeit schätzen. Und weshalb haben Sie Ihren Mann betrogen und die Kinder geschockt? Weshalb, um alles in der Welt, flog Ihre Sicherung durch? Wäe Ihr Mann auch noch da, wenn Sie mittellos wären? Mal drüber kurz nachdenken.
Sternchen2020 (24.11.2008, 18:09 Uhr)
Ohne Zweifel
ist das Verbrechen, das hier begangen wurde, das Allerletzte und mein Mitgefühl gilt in jedem Fall Frau Klatten. Allerdings ist die Presse diesmal einhellig sehr gnädig mit dem Thema umgegangen, insofern kann ich die Klagen über die Presseartikel nicht ganz nachvollziehen. Bei vielen anderen Personen hätte es eine gnadenlose Schlacht um die perfideste Story aller zeiten gegeben. es mag an den hohen Anzeigenaufträgen liegen, dass dies hier unterblieb, sogar bei er Zeitung mit den vier großen Buchstaben. es wäre zu wünschen, dass auch andere Prominente in schwierigen Situationen mit gleicher Achtung von den Medien behandelt werden, auch wenn sie keine großen Werbeaufträge vergeben. Denn der Sensationsjournalismus ist zutiefst primitiv udn hat sich überlebt.
H.P. (24.11.2008, 17:53 Uhr)
@djchrisi (24.11.2008, 17:40 Uhr) betrogene Betrügerin
Sie hat zu viel von sich selbst und von anderen verlangt, nun wurde sie eines besseren belehrt, keiner ist perfekt, selbst der Papst nicht. Wie gesagt, wir alle sollten uns an die eigene Nase fassen und nicht den Richter spielen.
ruebesamen (24.11.2008, 17:46 Uhr)
Toller Artikel!
Ich habe selten einen so langen und trotzdem guten Artikel im Stern gelesen.Frau von Klatten ist schon bemerkenswert und hat sich von der "bloßen" Erbin hin zu einem großartigen Menschen entwickelt. Ich gönne ihr das vollkommen neidlos!
djchrisi (24.11.2008, 17:40 Uhr)
betrogene Betrügerin
Mein Mitleid hält sich in Grenzen. Wer, wie im Artikel beschrieben:"Ist jemand wahrhaftig, der vor mir sitzt? Ich möchte jemanden ehrlich spüren und nicht betrogen werden."/Seite 2/ als Lebensmotiv wählt, dem darf ein solcher Fehler nicht passieren. Nicht dieser Fehler. Das darf einfach nicht passieren.
Und dann das Geschwafel von Disziplin, Ehrlichkeit und Vertrauen.
Große Worte, nichts dahinter!
H.P. (24.11.2008, 17:34 Uhr)
Geld ist nicht alles!
Bestimmt ist das Leben einfacher wenn man reich ist, doch Freiheit, Liebe und Glück ist nicht käuflich. Reiche Menschen sind nicht glücklicher und wenn man so viel Geld hat wie Frau Klatten, kann es zum Fluch werden, nicht umsonst sagte Jesus einem Reichen, gib alles weg und folge mir nach, erst dann wirst Du dich selbst finden, dann erst wirst Du frei sein, frei in allem. Wer innerlich nicht frei ist, dem kann der Reichtum zum Fluch werden. Die meisten Menschen können sich nicht vorstellen so reich zu sein, deshalb schauen sie mit Neid und Missgunst auf Menschen wie Frau Klatten, anstatt selbst etwas aus ihrem Leben zu machen und die eigenen Fehler zu sehen. Wir alle machen Fehler, wer ohne Schuld ist werfe den ersten Stein. Jeder lernt aus seinen Fehler, ich persönlich wünsche Frau Klatten alles Gute und viel Kraft das alles durchzustehen. Geld ist nicht alles!!
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