Und Susanne, die so selten spricht, die sich bei BMW meist zurückhält, dort den Bruder machen lässt, steht auf. Und sie sagt, was für ein guter Mensch Pischetsrieder ist und wie leid ihr das alles tut - aber: BMW brauche einen neuen Anfang. Minuten später ist Pischetsrieder draußen. Klatten hat sich durchgesetzt. Es tut ihr weh. Und doch ist sie stolz.
Sie ist der Rolle gerecht geworden.
Aber die Angst bleibt. "Weil alle so viel erwarten von einem. Dieses immer alles gut machen zu wollen. Weil das, was geleistet worden ist, so großartig war. Diese Legende, die andere um einen rum aufbauen, um die man nie gebeten hat. Und trotzdem ist da dieses Bestreben, sie erfüllen zu wollen. Und das ist die Gefahr. Dass man sich selbst verliert."
Susanne Klatten hat sich nie verloren in dieser Rolle, sie macht es ja gern. Aber sie hat sich auch nie gefunden.
Bei Altana muss sie früh die Last des Erbes tragen. Kaum ist sie im Amt, da macht Milupa Sorgen. Die Tochterfirma passt nicht so recht rein in den Konzern, der in Zukunft mit Chemie und Arzneimitteln sein Geld verdienen soll. Sie will die Firma verkaufen. Aber hat sie nicht selbst Milupa-Brei an ihre Kinder verfüttert? "Ihr Vater würde sich im Grabe umdrehen", schimpfen die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat. Sie fühlt sich schuldig. Aber sie verkauft.
Unter ihrer Aufsicht wird Altana zum Wirtschaftsmärchen. Die Firma entwickelt ein Mittel gegen Magengeschwüre. Der Erfolg ist unerhört: Umsatz, Aktienkurs - zu Beginn des Jahrtausends ist Altana an der Börse mehr wert als Lufthansa oder ThyssenKrupp. Aber dann macht das Management Fehler, vernachlässigt die Forschung. Im Jahr 2006 verkauft Klatten die Pharmasparte. Sie verdient 2,4 Mrd. Euro.
Es ist nicht nur das Geld, das diesen Verkauf zu etwas Besonderem macht. "Es war auch eine Emanzipation", sagt ein ehemaliger Vorstand. Bei Altana waren noch viele Manager im Amt, die ihr Vater zur Firma geholt hat, darunter Firmenchef Nikolaus Schweickart. Männer, die gern gehandelt haben, ohne groß zu fragen.
Nun hat Klatten gehandelt. Und sich wieder ein Stück vom Vater gelöst.
Und in diesem Jahr, seit zwei Wochen, geht sie diesen Weg weiter. Susanne Klatten will den Rest von Altana kaufen - und von der Börse nehmen.
Doch so sehr sie sich auch freimacht, selbst wenn sie, was sie nicht will, alles aufgeben würde, BMW, Altana, die Stiftung - der Name Quandt, die Geschichte der Familie werden immer ihr Leben bestimmen. Und diese Geschichte ist auch voller Schatten.
Seit einem Jahr läuft wiederholt ein Film im Fernsehen: "Das Schweigen der Quandts". Die Familie, klagt der Autor an, habe mit den Nationalsozialisten paktiert. Sie habe in ihren Fabriken Zwangsarbeiter und Häftlinge aus Konzentrationslagern beschäftigt. Susannes Vater und ihr Großvater hätten die Verbrechen begangen, ihre Erben nie die Verantwortung übernommen. "Sie reagierten hart und arrogant. Sie haben uns gedemütigt", sagt ein KZ-Häftling, der in den 70er-Jahren die Familie um Unterstützung gebeten hat.
Eine Woche nach der Erstausstrahlung gab die Familie eine knappe Erklärung ab. Monate später kritisierte Susannes Bruder Stefan in einer Rede, der Film lasse wichtige Fakten aus. Aber die Quandts nähmen die Vorwürfe ernst. Ja, sie hätten Zwangsarbeiter beschäftigt: "Wir bedauern die Bedingungen, unter denen diese Menschen leben, arbeiten und auch leiden mussten." Ein Historiker arbeitet in den nächsten Jahren dieses Familienkapitel auf.
"Auf etwas Dunkles ist ein Licht geworfen worden", sagt Susanne Klatten. "Das ist immer besser, als wenn es im Dunkeln seine Kraft entwickelt. Es ist nun mal unsere Familie. Es gehört zu uns, und dann ist es besser, man kennt, was da war, als dass man es negiert." Es stehe ihr nicht zu, das zu bewerten. "Den Respekt und die Liebe zu meinem Vater werde ich nicht verlieren. Niemand kann beurteilen, was es hieß, damals zu leben."
Spricht man mit Menschen, die Susanne Klatten seit Jahren, seit Jahrzehnten kennen, mit Familienfreunden, Aufsichtsräten und ihren Mitstudenten, so reden alle gut von ihr, loben Disziplin und Bescheidenheit, Klugheit und Freundlichkeit. Tugenden, gewiss, aber Tugenden können eine Seele auch in ein Korsett zwängen, ihr die Luft abschnüren. "Sie ist manchmal zu streng zu sich selbst", sagt eine Freundin. "Steht zu fest mit den Füßen auf dem Boden. Sie weiß das auch."
Es fällt Klatten schwer, sich dagegen zu wehren. "Diesen Gegenpol zu der Disziplin und der Haltung, um den muss man sich täglich neu bemühen", sagt sie. "Darf ich das Leben genießen? Darf ich mal einen Tag freimachen? Diese Perforation des Pflichtgefühls, die muss ich mir erarbeiten. Sonst zerbricht man. Die Lebensfreude sich zu erhalten, vielleicht auch erst zu erringen, das ist die Aufgabe."