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26. April 2006, 11:44 Uhr

Anatomie einer Katastrophe

Montag, 28. April 1986. Tag drei nach dem GAU. Wie jeden Morgen gehen die Arbeiter im schwedischen Kernkraftwerk Forsmark bei Stockholm durch die Sicherheitsschleuse, als plötzlich die Warnlampen aufblinken. Strahlenalarm! Messtrupps eilen herbei, überprüfen die Arbeiter, messen die Radioaktivität der Kleidung, der Wände, des Regenwassers und kommen zu einem verblüffenden Ergebnis: Die Strahlung kommt nicht aus dem Inneren des Kraftwerks, sondern von draußen!

Auch Messstationen in Finnland und Schweden melden erhöhte Werte. Woher kommt die Radioaktivität? Meteorologen simulieren die Wetterverhältnisse der vergangenen Tage, Physiker analysieren die radioaktiven Partikel. Nach ein paar Stunden haben sie die Quelle lokalisiert: der Großraum Kiew.

Westliche Botschafter bedrängen den Kreml, doch Gorbatschow schweigt. Erst am späten Abend die knappen Zeilen der sowjetischen Nachrichtenagentur Tass: "Im Kernkraftwerk Tschernobyl hat sich eine Havarie ereignet. Maßnahmen zur Beseitigung der Havariefolgen wurden ergriffen. Den Geschädigten wird Hilfe geleistet.“

Dienstag, 29. April 1986. Die Angst kommt vor der Wolke. "Bild" titelt: "Atomkatastrophe. Reaktor zerstört. Todeswolke schon über Dänemark - bald bei uns?" Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber beschwichtigt im Kleingedruckten: "Wegen der Windverhältnisse rechne ich nicht damit, dass die Atomwolke auf Deutschland zutreibt." Und: "Bei uns wäre ein solcher Zwischenfall undenkbar, unsere Reaktoren sind absolut sicher."

Die Deutschen sehen das anders. Bei den Wetterämtern, bei Umweltverbänden, auch bei den Grünen klingeln die Telefone ohne Pause. Wann erreicht die Wolke Deutschland? Was heißt Rem, was bedeuten Becquerel, Röntgen und Sievert? Und wie viel ist gefährlich? Vorsorglich beruhigt der deutsche Wetterdienst: "Der Normalfall um diese Jahreszeit ist eine reine Westströmung." Doch nichts ist mehr normal.

1300 Kilometer weiter östlich schickt das brennende Graphit immer noch Radioaktivität in die Atmosphäre. Nur langsam gelingt es, das nukleare Inferno einzudämmen. Immer mehr Männer, vor allem aus der evakuierten 30-Kilometer-Zone, werden zur Arbeit am Reaktor verpflichtet. Insgesamt 800 000 der so genannten Liquidatoren räumen in den folgenden Monaten den radioaktiven Schutt zusammen. Ohne richtige Schutzkleidung, Dosimeter, Gasmasken und ohne eine wirkliche Ahnung von der tödlichen Strahlung, der sie ausgesetzt sind. Abendliche Wodka-Rationen sollen sie vor Erkrankungen schützen. Tausende sterben in den nächsten Jahren an den Folgen des Einsatzes oder leiden bis heute an Verbrennungen, Geschwüren, Krebs. Offiziell hat jeder Arbeiter ab einer Belastung von 25 Röntgen Anspruch auf Wiedergutmachung. Tatsächlich notieren die Ärzte auf seltsam vielen Entlassungsscheinen exakt 24,9 Einheiten.

Viele werden gleich nach dem Einsatz krank. Die schweren Fälle schafft man ins Moskauer Krankenhaus Nr. 6, dorthin, wo auch Alexander Akimow dem Tod entgegenleidet. "Meine Chancen sind klein", sagt er zu einem Kollegen, "aber wenn ich das hier überlebe, ist eines sicher: Ich werde nie wieder in einem Kraftwerk arbeiten. Ich werde ein neues Leben beginnen."

Mittlerweile durfte Akimows Frau Luba nach Moskau kommen. Eigentlich herrscht strenges Besuchsverbot auf der Isolierstation, doch bei hoffnungslosen Fällen machen die Ärzte Ausnahmen. Luba versucht, ihren Mann aufzuheitern, bringt ihm Bilder mit, die ihre Kinder gemalt haben. Einmal sieht sie, wie Akimow sich ganze Strähnen seines schmalen Schnurrbarts herauszieht. "Mach dir keine Sorgen", sagt er, "es tut nicht weh."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 17/2006

 
 
 
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