
Wut, die kein Mitleid kennt. Immer wieder kracht der Kopf des Opfers gegen die Glasscheibe. Hilfe ist nicht in Sicht© Julian Röder
Donnerstag, Weiberfastnacht. Helge aus der 9a kommt angetrunken in den Mathe-Unterricht und fragt nach kurzer Zeit, ob er auf die Toilette dürfe. Der Lehrer lehnt ab, Helges Reaktion: "Ich piss dir in den Mund, du Affe." Helge hat eine Ausbildungsstelle als Maler und Lackierer, die meisten Klassenkameraden haben drei Monate vor den Abschlussprüfungen nichts.
Laut Gemeindeunfallversicherungsträger ist jeder zehnte Schulunfall auf Gewalt zurückzuführen. Führend: die Hauptschulen. Bei 217 000 Hauptschülern in NRW ein enormes Potenzial, Streitschlichtung und Gewaltprävention gehören mittlerweile ebenso zum Programm vieler Schulen wie die Theater AG oder die Hausaufgabenbetreuung.
Ich muss in den Klassen 7 und 8 katholische Religion unterrichten. Schon die zweite Woche, Religionslehrerin Bruch hatte sich Anfang Februar in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedet. Die Stelle blieb unbesetzt. Ich habe keine Ahnung von Religion, von katholischer schon gar nicht. Aber ich glaube an Gott, das muss reichen. Es wurde eine überraschend schöne Stunde. Ilia, 14, erinnert sich an ihr letztes Gebet: Es war an ihrem Geburtstag. Der Stiefvater war sturzbetrunken, und sie und ihre Mutter hatten höllische Angst. Dann habe sie zu Gott gebetet, dass der Mann sie nicht schlägt. Ilia, die jahrelang unter schwerer Magersucht litt, wurde an ihrem Geburtstag nicht verprügelt; sie lebt heute wieder allein mit ihrer Mutter.
1. Stunde Englisch, unerträgliche Unruhe in der 6c. Nach der Begrüßung glaubt ein großer Teil der Klasse, sein Tagwerk verrichtet zu haben und weiterquatschen zu können. Besonders tun sich dabei stets drei Muslime hervor: Volkan, ein dicker Zwölfjähriger, Mustafa, ein kleiner, freundlicher Marokkaner, und Usman, ein verschmitzter kleiner Türke. Ich frage Volkan, ob er auch ständig stört, wenn sein Imam in der Moschee vorbetet. Sein verständnisloses Nein wird begleitet von einem mitleidigen Lächeln. Warum nicht? "Was wir beim Imam lernen, bereitet uns auf das Leben nach dem Tod vor. Er bringt uns bei, was wir machen müssen, um zu Allah zu kommen." Ich weise ihn darauf hin, dass ein guter Muslim schließlich auch für seine Familie sorgen muss, und ohne Schulabschluss und Beruf könnte dies schwierig werden. Und da ich dafür sorge, dass Allah auch mit diesem Teil von Volkans Leben zufrieden ist, verdiente ich den gleichen Respekt wie sein Imam. Schweigen und Überraschung.
In der 6c erreichen einen die Beklemmungen körperlich. Man sitzt auf einem Vulkan, wird selbst von Minute zu Minute aggressiver. Aber dann gibt es Ausnahmen, für die sich der Job lohnt. Leon erzählt mir, dass andere ihn "Streber" nennen. Ihm sei das aber egal. Er mache nur seine Hausaufgaben und ziehe dies auch durch. "Ich will meinen Realschulabschluss, und wenn ich das will, schaffe ich das auch." Ich sage, dass ich ihn für einen Streber im besten Sinne halte. Für einen Schüler, der sein Bestes gibt. Er solle sich bloß nicht aus der Ruhe bringen lassen.
5. Stunde. Babür, der neue Schüler, bringt als Entschuldigung für einen versäumten Tag die Vorladung zum Jugendschöffengericht beim Amtsgericht. Der 16-Jährige ist wegen "räuberischer Erpressung" angeklagt.
Ende der 6. Stunde: Ich mache Christina darauf aufmerksam, dass sie von den letzten 20 Schultagen sieben gefehlt hat. Sie sei krank gewesen, "das passiert schon mal". Klar, trotzdem muss die Schule informiert werden. Ihr Vater, der bei der Müllabfuhr arbeitet, sei schon immer sehr früh aus dem Haus. "Einer muss ja das Geld verdienen", sagt die 15-Jährige, die mal beim hilflosen Vater, bei der verhätschelnden Oma und mal bei der alkoholabhängigen Mutter wohnt. Anrufen könne der Vater nicht, da er kein Geld auf dem Handy habe. Ich erkläre Christina, dass ich das Jugendamt einschalten werde.
Nach zwei Stunden Englisch in der 6c könnte ich nach Hause gehen. Usman kam eine halbe Stunde zu spät zum Unterricht und behauptete, der Bus habe Verspätung gehabt. Andere Schüler hatten ihn jedoch vor dem Schultor gesehen. Dieser Klasse aus vielfach unaufmerksamen, unverschämten, unsortierten Kindern den Unterschied zwischen "Yes, it is" und "Yes, they are" zu erklären, ist Folter.
Volkan stört ununterbrochen, von Mitarbeit keine Rede. Ich bitte ihn um ein Gespräch mit den Eltern am kommenden Freitag. Er patzt, seine Eltern könnten nicht kommen, beschimpft mich als "Hurensohn", "Bastard" und "Spasti". Und erklärt dann weinend, dass sein Vater arbeiten und Geld verdienen müsse, weil Volkans Schwester an den Augen operiert werde.
Dienstag, 3. Stunde, Deutsch in der 7d. Ilia, 14, versteht nicht, warum sie "Kind" groß schreiben muss; sie kann das Wort nicht der Gruppe der Lebewesen zuordnen. Plötzlich weint sie, rennt raus, schlägt die Tür zu. Ich finde sie in einer Ecke auf dem Flur gekauert. Später erzählt sie mir unter Tränen, dass ihre Mutter sie "weggegeben" habe. Ilia wohnte mit ihrer Mutter, dem Stiefvater und dem neuen, drei Jahre alten Halbbruder Benjamin zusammen. Auf das Geschwisterchen habe sie sich sehr gefreut: "Ich hab mit meiner Mutter den Kinderwagen ausgesucht. Ich habe den Kleinen als Erste gebadet, weil es meiner Mutter nicht so gut ging." Ilia liebt den Kleinen "über alles". Doch mit dem Stiefvater verstand sie sich vom ersten Tag an nicht, es kam ständig zu Konflikten, auch handgreiflichen. Und vor Kurzem hörte sie, wie er sie als "schlechten Umgang für den kleinen Bruder" bezeichnete. Jetzt lebt sie beim Vater.
Mittwoch, erste große Pause. Kemal fragt mich, wie er sein Deutsch verbessern könne, wie er lernen könne, frei zu reden. Ich gebe ihm einige Tipps: kurze Sätze, knappe, klare Informationen, eigene Worte finden - und immer wieder trainieren. Er sagt: "Manchmal stehe ich im Badezimmer oder vor dem Spiegel und rede Deutsch." Kemal - der neulich erst vor Gericht stand, weil er dem spanischen Kollegen Carlos Maia gedroht hatte, ihn umzubringen - ist ein intelligenter Junge. Vor allem ist er ein ausgezeichneter Handwerker, als Praktikant in einer Chemiefirma erhielt er nur Bestnoten. Auch im Fußball ist er ein Ass. Ich sagte ihm, dies sei genau der richtige Weg. Das ist Hauptschule: heute toll, morgen wieder Chaos total.
Donnerstag, 1. bis 4. Stunde. Crash-Kurs in Recherche- und Präsentationstechniken mit der 8a. Kemal hält einen Vortrag über den deutschen Reichskanzler Bethmann Hollweg und dessen Rede über die Kriegsziele der Deutschen im Ersten Weltkrieg. Er stellt Bethmann Hollweg vor, er spricht deutlich, er bildet kurze und klare Sätze. Am Ende erhält er von der Klasse Applaus. Kemal lacht, ballt die Faust. Ein großer Erfolg für ihn - und eins meiner schönsten Erlebnisse in acht Jahren Hauptschule.
Umwelttag in der Stadt. Meine Klasse macht einen guten Job. Said kümmert sich um Babür. Die beiden Marokkaner scheinen sich anzufreunden. Sie halten am kommenden Montag ein gemeinsames Referat über die Marokko- Krise vor dem Ersten Weltkrieg. Ich bin Said dankbar, dass er Babür ein wenig Halt gibt. Said war vor einiger Zeit noch für seinen Jähzorn und seine Wutanfälle bekannt, heute lädt er die Aggressionen im Fitnessstudio oder auf der Laufbahn ab. Seine Brüder hatten ihm geraten: "Schlag nicht, lauf lieber".
Unsere Englischreferendarin Theresa erzählt, dass sie vom Ausbildungsleiter nur mit "gut" bewertet wurde. Die mündliche Begründung: "Wir müssen ja zunächst abwarten, ob und wie Sie sich in der Schwangerschaft charakterlich verändern."
Zwei Stunden Englisch-"Unterricht" in der 6c. Mit dem dicken Volkan und den anderen Horror- Kids. Am Dienstagmorgen ist der Beruf ein Scheißjob, nicht besser als Steinekloppen. Ich behelfe mir damit, dass ich Hanne in die linke Hälfte der Klasse separiere, ihre Beleidigungen gegen Schüler und Lehrer, die sie durch die Klasse brüllt ("Halt's Maul", "du Behinderter", "fick dich", "mir doch scheißegal"), nicht unterbinde, aber gleichzeitig einen Tadel schreibe, während ich mit der rechten Hälfte der Klasse Englischunterricht mache und Volkan Graffitibilder malen lasse. Das nennt man wohl innere Differenzierung.
Mittwoch, sechs Stunden Unterricht. Das heißt sechs Stunden Anspannung, Störversuche, Unaufmerksamkeit, Gerede, Gekreische, Fußball- Querschläger, die einen Lehrer treffen sollen, Ermahnungen, Ermunterungen, Tadel, Lob, Motivationsversuche, kleinschrittige Anleitungen, Leistungsgefälle, wenig Lernfortschritt, Krisenintervention, Gespräche mit der Bußgeldstelle, Konsequenzen, genervte Blicke, Unfreundlichkeit. Ich bin fertig, kaputt, ausgelaugt, mir reicht's. Wie hält man das jahrzehntelang aus? Mit Glück, robusten Nerven, nichts mit nach Hause nehmen, gegenseitige Wertschätzung pflegen und nichts in sich hineinfressen. Leicht gesagt. Einige schaffen es nicht. In den vergangenen 15 Monaten erlitt ein Kollege einen Schlaganfall, ein anderer einen Herzinfarkt, eine Kollegin fehlt seit Monaten mit Burnout-Syndrom, eine vierte ist nur noch ein Nervenbündel. Im Durchschnitt sind drei Viertel des 24-köpfigen Kollegiums anwesend.
Dennoch ist heute vielleicht der erfolgreichste Tag meiner Lehrer-Ära. Nach einem langen Gespräch über Aggression, null Bock (dazu konnte ich heute eine Menge beisteuern), menschliche Fehler (gestern habe ich mich dazu hinreißen lassen, einem Ex-Schüler Prügel anzudrohen, der den Kollegen Maia aufs Derbste beleidigt hat und zudem im Verdacht steht, ein Drogendealer zu sein), Gewaltspiralen, Sandkastenspiele und Zukunftsperspektiven geben sich die Streithähne Kemal und Babür vor dem Schultor die Hand; beide hatten seit Wochen einen erbitterten türkisch-marokkanischen Krieg geführt. Ich bin froh, die langen Diskussionen haben diesmal gefruchtet.
Noch ein Big Point. Frau M. von der Bußgeldstelle des Ordnungsamtes meldet sich. Ich hatte bei ihr einen Bußgeldantrag gegen die Eltern der Dauerschwänzerin Oya gestellt. Sie sagt, dass der Antrag auch gegen Oya selbst gestellt werden könne, weil sie bereits 16 sei. Umso besser. Fast 400 Euro kosten ihre eigenmächtigen Sonderurlaube. Bezahlt sie nicht, muss sie Arbeitsstunden leisten, leistet sie keine Arbeitsstunden, kommt sie in den Jugendarrest. Dass ich mich darüber freue, eine 16- Jährige möglicherweise in den Knast zu stecken, zeigt das Ausmaß meiner Resignation und Wut.
Anne ist nach zwei Wochen Krankheit zurückgekehrt. Die 17-Jährige ist ein herzensguter Mensch, der gut kochen kann, liebevoll mit Kindern umgeht und tolle Frisuren macht. Ihre Schulkarriere hat sie leider total in den Sand gesetzt. Sie bewegt sich in Deutsch, Englisch und Mathematik maximal auf Grundschulniveau. Die Eltern sind natürlich getrennt. Nach der Sportstunde erklärt sie mir, dass sie "einfach keinen Bock mehr auf diese Schule und diese Leute" habe. Sie will im Sommer nach dem neunten Schuljahr abgehen. Bedauerlich, aber vielleicht der bessere Weg. Man kann nur hoffen, dass sie nicht auf der Straße landet. Der Schulsozialarbeiter bietet ein "Frühabgänger-Seminar" an, über den Erfolg dieser Maßnahme gibt es keine verlässlichen Zahlen.
Die Schulleitung veröffentlicht den neuesten Erlass der Schulbehörde: Bei der Kontingentierung des Kopierpapiers müsse man künftig angeben, ob man beabsichtige, einen Elternbrief zu schreiben oder ein Arbeitsblatt zu kopieren.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 23/2009