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10. November 2007, 15:50 Uhr

Eine Geisel erzählt

Am Abend des 11. Oktober landete der freigelassene Rudolf Blechschmidt in Frankfurt. Auf dem Rollfeld warteten schon Ploizeibeamte und ein Bus, um ihn zu seiner Familie zu bringen© Thomas Lohne/DDP

Was ist denn der Effekt?

Die Pumpe schlägt weniger, der Blutdruck sackt ab.

Haben Sie zu dieser Zeit an Flucht gedacht?

Es gab einen Moment, als der Henker plötzlich rief: „Los, los, komm mit! Die Armee ist im nächsten Tal, die können in zwei Stunden hier sein.“ Ich habe zwei AK 47 genommen, meinen Munitionssack, einen Wasserkanister, und dann sind wir den Berg runter ins nächste Tal gelaufen. Da hat es der Jüngste von unseren Afghanen versucht: ist bis ins nächste Dorf davongelaufen und hat sich versteckt. Aber die Dorfbewohner haben ihn entdeckt und rausgegeben. Nach drei Stunden hatten die Taliban ihn wieder. Man kommt einfach nicht raus aus der Gegend. Wo willst du hin? Das sind 90 Kilometer bis zur Hauptstraße, alles Talibangebiet. Jeder Bauer, jeder kleine Junge meldet das.

Was geschah mit dem, der fliehen wollte?

Der Kommandant ist mit ihm allein in die Berge marschiert, und ich dachte: Hoffentlich erschießt er ihn nicht! Aber es gab nur eine kräftige Tracht Prügel. Am nächsten Tag haben sie ihm sogar ein Pflaster besorgt gegen die Rückenschmerzen, weil der Kommandant ihn da so geschlagen hatte. Danach durfte er auch wieder jeden Abend mit seiner Frau telefonieren.

Klingt ja fast familiär ...

Ja, aber so war das mittlerweile auch. Die Bauern kamen ab und zu vorbei, um mit unseren Afghanen zu plaudern, jeder wusste, dass wir da sind. Einerseits waren die furchtbar grausam und dann wieder liebenswürdig, das kann man sich hier kaum vorstellen. Später kam einer und hat mir eine halbe Rolle Klopapier geschenkt. Die hatte er einem abgenommen, dem sie zuvor gerade die Kehle durchgeschnitten hatten. Ein andermal kam der Doktor abends, weckte mich: "Udolf, ich habe Briefe von deinen Söhnen dabei." Auf Deutsch und Englisch. Da sind mir zum ersten Mal die Tränen gekommen beim Lesen. Der Doktor hat gesagt: "Ich hab die auf Englisch auch gelesen. Udolf ", sagt er, "ich hab auch geweint."

Was stand drin?

Dass sie alles versuchen, um mich freizubekommen. Dass sie mich halt sehr lieb haben, so halt.

Anfang September begann dann der Ramadan.

Ja. Kurz zuvor hatten sie uns auf ein Gehöft verlegt, da war auch der neue Kommandant Kommandant gekommen, Bahir, der war ganz ruhig. Im Ramadan bin ich dann wirklich krank geworden, furchtbarer Durchfall.

Warum gerade jetzt, nach knapp zwei Monaten?

Na, zu Ramadan essen abends alle aus einem Topf, und vielleicht haben sich welche den Hintern nicht richtig abgeputzt und sind dann mit der Hand ins Essen. Es gab nämlich keine Steine dort. Ich konnte nichts mehr essen, nichts mehr trinken, nach dem dritten Tag lag ich halb im Koma. Da hat der Doktor gesagt: "Wir müssen dich zu einem richtigen Arzt bringen!" Also haben mich nachts zwei Taliban untergehakt, den Hügel runter, wo Bahir mit dem Motorrad wartete. Wir sind sieben, acht Kilometer gefahren. Da kam ein Arzt, der hat mir eine Infusion gegeben, so Kochsalzlösung, und Tabletten. Am nächsten Tag, zurück im Camp, musste unser Doktor, der Student, wieder nach Kabul, weil die Uni begonnen hatte. Also saß der Chief den ganzen Tag neben mir, hat meine Hand gehalten und fast geweint, weil ich so apathisch dalag. Der Doktor hat mir das Leben gerettet, weil er mich zu diesem Arzt gebracht hat.

Gab es da Kontakt zur Botschaft?

Erst als der eigentliche Botschafter und Thomas vom BKA wieder da waren. Im August, nach dem Gespräch mit dem Stellvertreter, war tote Hose gewesen. Ich habe dann Druck gemacht und Bahir gesagt: "Ihr müsst da wieder anrufen!"

Und? Hat er?

Er hat gesagt, ich muss das machen. Habe ich Thomas angerufen und ihm gesagt: "Ich hab den Auftrag von den örtlichen Taliban, dass die Freilassung direkt verhandelt wird." Sagt er: "Ich habe hier viele Vermittler, die versuchen alles. Aber wir kommen einfach nicht vorwärts." Dann hat er eingewilligt, auch mit unseren Taliban zu verhandeln, nur eben drei, vier Wochen später, als wir damit hätten anfangen können. Bahir wollte einen seiner Männer schicken. Den kannte ich. Aber der konnte höchstens seinen Stall ausmisten, jedenfalls nicht mit der Botschaft reden. Ich habe Bahir gebeten: "Ruf den Doktor an! Der kann das."

Das war Ihre Idee?

Ja, sonst wär das doch wieder schiefgegangen. Ich habe den Doktor angerufen und auf ihn eingeredet: "Kannst du das nicht machen? Ich versprech dir, ich rede mit den Leuten in der Botschaft, dass dir nichts passiert! Dich verhaftet keiner, ich sag, du bist Vermittler!" Dann ist er hingegangen, und eine Woche später hieß es: "Wir haben uns geeinigt." Er werde das Lösegeld in Kabul in Empfang nehmen. Ein Rotkreuz- Auto käme uns abholen und würde uns zur nächsten Polizeistation bringen. Dann kam der Tag, auf den wir uns so gefreut hatten. Vorher bekamen wir weiße afghanische Kleidung zum Anziehen und ich noch einen schwarzen Turban. Nachmittags um zwei kam ein Minibus, wir fuhren anderthalb Stunden, dann hieß es: "Zu Fuß weiter!" Nach drei Kilometern bei dem Rotkreuz-Auto hat Bahir jedem noch Geld gegeben, gesagt, "falls ihr nachher Taxi fahren müsst". Dann ging’s los, im ersten Auto fuhren drei Taliban, dahinter ich mit einem Mazedonier vom Roten Kreuz, im Bus die anderen Afghanen. Ich habe Thomas angerufen, als wir los sind. Aber auf einmal hielten alle. Der Mazedonier ist ausgestiegen, hat den Schlüssel abgezogen. Hätt er das nicht gemacht, ich wäre einfach weggefahren. Mir war das wurscht in dem Moment. Da kam Bahir ans Auto: "Aussteigen! Fahrt ist zu Ende! Sofort zurück in den Bus! Wir sind alle mit Vollgas zurück in die Berge, von unten kam schon die Polizei in mehreren Wagen rauf, oben gingen die Taliban in Bereitschaftsstellung. Am Berg angekommen, hieß es: "Hochlaufen, über den Bergkamm rüber!"

Wussten Sie, was schiefgegangen war?

Bahir sagte im Auto, der Doktor und der andere Vermittler hätten die Botschaft verlassen und seien sofort vom afghanischen Geheimdienst festgenommen worden. Ein ganz linkes Ei sei das gewesen. Der war wütend. Wir also den Berg hoch, die Polizei ist uns nicht hinterher, die trauten sich nicht weiter. Als wir rasteten, waren meine Afghanen wütend: "Was seid ihr Deutschen für böse Leute, so ein abgekartetes Spiel!" Die Stimmung war auf dem Tiefpunkt. Wir sind dann runter ins Tal zu einem Bauernhof. Drinnen saßen bestimmt 30 Taliban und haben mich finster angeschaut. Abends gab es zu essen, war ja Ramadan. Ich hab ein bisschen gegessen, meine fünf Afghanen nichts. Einige hatten schon Tränen in den Augen. Was denn los sei? Da hat einer gesagt: "Die unterhalten sich gerade, ob sie uns erschießen oder die Kehle durchschneiden werden." Na, wunderbar. Unsere beiden Kommandanten, Bahir und der Chief, haben dagegengehalten, der Deutsche könne doch nichts dafür, wenn die Botschaft so was macht. Aber sie haben sich wohl nicht geeinigt, irgendwann hieß es nur: "Schlafen!"

Das war knapp.

Um drei Uhr morgens haben sie uns dann geweckt. Wieder los, in die Berge, ohne Gepäck. Na gut, dachte ich mir, kein gutes Zeichen: keine Kochtöpfe, keine Decken, bloß die Taliban mit den Waffen. Als es hell wurde, kamen wir an eine halb zugemauerte Lehmhütte, keine Fenster, keine Türen. Da mussten wir rein. An der Wand waren ziemlich frische Schriftzeichen, so mit Holzkohle gemalt, war wohl koreanisch. Dann kam ein Anruf, so gegen 16 Uhr, wir sollten runterkommen. Wir sind zu einem anderen Bauernhaus gefahren, da lagen schon unsere Decken. Dort sind wir auch bis zum Ende geblieben. Erst nach drei Tagen gab es wieder Kontakt zur Botschaft. Der BKA-Mann hat mir erzählt, dass die beiden Vermittler vom afghanischen Geheimdienst verhaftet wurden und die Botschaft nichts damit zu tun hatte. Aber damit begann das nächste Problem.

Nämlich?

Die vom afghanischen Geheimdienst waren scharf auf das Lösegeld und hatten gedacht, sie könnten die Taliban übers Ohr hauen: Sie wissen, wo und wann das Geld übergeben wird und greifen sich die Vermittler. Aber sie waren dann zu dilettantisch, haben sofort zugegriffen und sind rausgebeobachtet worden. Da musste die Botschaft erst mal tagelang zusehen, das Lösegeld zurückzubekommen. Gleichzeitig wollte der Geheimdienst sein Gesicht wahren. Der hat behauptet, die beiden Vermittler und zwei von deren Verwandten, die sie auch gleich festgenommen hatten, seien Topterroristen. Deshalb hätten sie die festnehmen müssen und dürften sie auf keinen Fall laufen lassen. Dabei waren das einfache Taliban aus unserem Gebiet, der Doktor war halt etwas klüger als die anderen. Wir steckten damit in der Falle, denn die Taliban wollten die wiederhaben. Geld hatten sie mit den Koreanern genug verdient. Das war nun eine Frage der Ehre.

Und Sie zwischen den Fronten. Hatten Sie noch Hoffnung?

Ich hab gesagt, solange ich mit der Botschaft sprechen kann, ist noch Hoffnung. Dieses Telefongespräch abends war das Wichtigste, da hat man den ganzen Tag drauf gewartet.

Konnten Sie Ihre Söhne anrufen?

Nein, das BKA hat sich immer geweigert, mir deren Nummern zu geben - und denen meine. Ich habe gesagt: "Wir haben eine Baufirma, müssen Verträge unterzeichnen, sonst geht das alles den Bach runter." Aber die wollten partout nicht.

Wieso nicht?

Habe ich nie erfahren. Aber ich hatte die Nummern nicht im Kopf, mein Telefon war schon lange weg. Dann fiel mir plötzlich die Nummer von einem Bekannten in Kabul ein, die kannte ich auswendig – und habe mir an den Kopf gegriffen, dass ich nicht früher draufgekommen bin. Der hat gut reagiert, nur gefragt: "Um was geht es?" "Um meinen Kopf ", habe ich geantwortet. "Gib diese Nummer meinem Sohn, er soll mich anrufen." Das hat geklappt. Dann konnten wir endlich miteinander sprechen. Das war an einem Sonntag.

Wie war das?

Schon schön. Und wahrscheinlich meine Rettung, denn am Montag kam Bahir zu mir: Dienstagnacht würde ich verlegt nach Helmand in den Süden zu den kämpfenden Einheiten. Ich sollte da als so ’ne Art deutscher Taliban mit der Kamera die Gräuel der Amerikaner aufnehmen. Ein Trupp sei schon unterwegs, mich abzuholen. Bahir meinte, das sei sehr schlecht für mich. Aber er werde nun auch abgelöst und könne nichts mehr für mich tun. Befehl vom Oberkommando. Das wäre mein Ende gewesen. Da habe ich sofort meinen Sohn Markus angerufen und gesagt: "Wir müssen was machen!" Vorher hatten er, Tobias und meine Ex-Frau auf Anraten des Auswärtigen Amts kaum Interviews gegeben, aber dann haben wir überlegt: Das ist die letzte Chance, wir müssen Druck machen.

Woran hakte es?

Na, dass der afghanische Geheimdienst die Vermittler nicht freigeben wollte. Es ging jetzt nicht mehr ums Geld. Thomas vom BKA hat gesagt, sie versuchen alles, der Botschafter spricht überall vor, im Ministerium, bei Präsident Karzai, aber die wollten einfach nicht. Und ich saß fest.

Und dann?

Hat meine Familie bei "Antenne Bayern" und anderen Medien angerufen, dass sie an die Öffentlichkeit gehen würden. Ich habe Bahir gefragt, ob ich ein Interview geben könne. Hatte er nichts dagegen, solange die uns anrufen. Dann habe ich "Antenne Bayern" 20 Minuten lang erzählt, was los ist. Das sollten sie aber erst senden, wenn es zwei Tage lang kein Lebenszeichen mehr von mir gibt. Als ich dem BKA davon erzählte, sagte Thomas: "Um Gottes willen, machen Sie das nicht!" Und dann hieß es plötzlich: "Warten Sie noch, wir haben Mittwoch früh um acht ein letztes Gespräch mit Karzai, es sieht gut aus."

Wieso wollte er die Vermittler nicht freigeben?

Na ja, ein Problem war, dass sich vorher Regierungen beschwert hatten, wenn Karzai hochrangige Taliban freigelassen hat. Und jetzt sollte er vier freilassen, von denen sein eigener Geheimdienst sagte, das seien Topterroristen – obwohl das gar nicht stimmte. Schwierig. Aber dann hat es wohl doch noch von ganz oben einen Anruf aus Deutschland bei Karzai gegeben.

Es war Dienstagabend. Sie sind hoch nervös, denn wenn es jetzt nicht klappt, sind Sie verloren. Was geschah?

Erst mal kam der Dorffriseur, das fand ich ein gutes Zeichen! Dann sagte Bahir, die Helmand-Gruppe sei schon da – aber er habe sie gestoppt, einen Tag Aufschub rausgebeobachtet handelt. Am nächsten Tag um drei kam wieder der Minibus, den kannten wir ja schon. Dann liefen uns zwei der Freigelassenen entgegen, der Doktor war leider nicht dabei. Ich bekam ein Telefon, mit dem ich Thomas vom BKA anrufen konnte. Im roten Toyota Land Cruiser, der die Vermittler gebracht hatte, ging es zur Polizeistation. Überall in den Bergen lagen Taliban, bewachten die Strecke. Aber diesmal ging es glatt, nach drei Stunden kamen wir an. Ich war kaum ausgestiegen, da haben mich Polizisten einfach in ein Auto gezerrt und sind abgefahren. Für einen Moment dachte ich: Jetzt entführen dich die nächsten.

Aber diesmal haben die Polizisten sie nicht verkauft?

Nee, es war nur eiskalt, weil die nachts die ganze Zeit mit offenem Fenster gefahren waren und die Waffen rausgehalten hatten. Nach zwei Stunden waren wir in Kabul, sind gleich zur Botschaft, Tor auf, rein: Da standen in der Residenz des Botschafters meine Bekannten, hatten Tränen in den Augen.

Sie auch?

Ach, nee, ich dachte mir, jetzt musst du stark bleiben. Dann hat mich eh erst mal ein Arzt untersucht und eine Infusion gelegt, weil ich so ausgetrocknet war. Danach gab es Spaghetti, und alle wollten wissen, was los war. Ich hab erzählt, aber ihnen gesagt, über Diedrichs Tod spreche ich erst nachher. Der hätte damals ja gar nicht zum Damm mitfahren müssen. Der ist ja kein Tiefbauexperte, wollte sich das einfach nur angucken.

Machen Sie sich Vorwürfe?

Man macht sich sein Leben lang Vorwürfe, wenn so was passiert. Ich habe von Deutschland aus angerufen, aber (Pause) es ist sehr schwer. Ich möchte darüber eigentlich nicht sprechen.

Wollten Sie denn sofort Afghanistan verlassen?

Nein, ich wollte noch zwei, drei Tage bleiben, Geschäftsfreunde anrufen, gucken, was von der Firma noch zu retten ist. Aber die vom BKA haben gesagt, ich muss sofort raus.

Warum?

Geht nicht anders, keine Ahnung. Die BKA-Leute vom Krisenstab saßen in derselben Maschine, die wären sowieso nach Hause geflogen.

Das heißt, wären Sie nicht an diesem Mittwoch freigekommen, hätte es weder auf deutscher Seite noch bei den Taliban Ansprechpartner gegeben, und Sie wären nach Helmand verschleppt worden?

Ja, das wäre definitiv das Ende gewesen. Es war sehr knapp.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 45/2007

Von Markus Götting und Christoph Reuter
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